Bild: CSU, Frank Pfaff/dpa
"Da steht zwei Tage in Folge Cocktailempfang mit der CSU-Fraktion"

Der erste Tag im neuen Job ist immer hart. Umso mehr, wenn der Job darin besteht, 512 Millionen Menschen zu vertreten. So geht es Christian Doleschal, CSU, und Niklas Nienaß, Grüne. Sie sind gerade als Abgeordnete ins Europaparlament gezogen.

bento wollte wissen: Wie fühlt sich das an, ein junger Abgeordneter im Europaparlament zu sein? Wir haben die beiden an ihrem ersten Tag in Brüssel begleitet.

Wir haben uns auf dem Weg zum Parlament verfahren, den AfD-Abgeordneten Jörg Meuthen im Bürgeramt gesehen und uns erklären lassen, wie man von Brüssel aus die Welt verändert. Wir haben Sekt auf schicken Empfängen getrunken, uns dreimal von der CSU vor die Tür setzten lassen und stattdessen mit der Jungen Union die Nacht in Brüssel durchgemacht.

Dienstag, 9 Uhr: Christian Doleschal

Die Schleuse im Wartebereich des Brüsseler Flughafens spuckt Männer in Anzügen aus, draußen regnet es Bindfäden. Auch Christian Doleschal, 31, trägt Uniform: blauer Anzug, kleiner Rollkoffer – und einen schlickgrünen Rucksack von Fjallraven.

Doleschal ist auf dem fünften Listenplatz für die CSU ins Europaparlament gezogen. Die Lokalzeitung schrieb, das sei der "Doleschal-Effekt". Auf Instagram beschreibt Doleschal sich als "⛰ heimatverliebt & weltoffen 🌍  als "🤵🏼Ehemann💑"  und "🏗 Rechtsanwalt👨🏻‍🎓".

Doleschal ist so was wie der lockere, große Bruder von Philipp Amthor. Als wir ihn fragten, ob wir an seinem ersten Tag in Brüssel dabei sein können, rief er gleich zurück, der Tenor: Klar! Das Tagesprogramm schicke er per Mail. Da stehe zwei Tage in Folge Cocktailempfang mit der CSU-Fraktion, haha.

Am Flughafen wartet neben Doleschal ein freundlicher alter Herr: Markus Ferber, 54. Ferber ist eine Art Mentor. Er kennt die Aufregung. Als Ferber 1994 ins Parlament einzog, war er erst 29.

Der Regen peitscht an den Parlaments-SUV, den Ferber geordert hat. Doleschal schaut auf sein Handydisplay. Mist, er muss noch fünf Selfies für das Mitgliedermagazin der Jungen Union machen. Ferber telefoniert, um herauszufinden, ob er Doleschal durchs Hintertürchen mit ins Parlament nehmen darf: den überdachten Abgeordneten-Eingang. "Ich fahre nicht zum Haupteingang, da wird der Bubi nass", sagt Ferber und gluckst. "Genau, ich bin nämlich aus Zucker", sagt Doleschal und stimmt mit ein. 

So läuft das, mit den Alten und den Jungen in der CSU.

Mittwoch, 9 Uhr: Niklas Nienaß

An Niklas Nienaß', 26, erstem Tag in Brüssel strahlt die Sonne. Die Anzugträger flitzen mit E-Rollern über die breiten Straßen zwischen Parlament und Altstadt. Am Bahnhof Bruxelles Midi steigt Nienaß aus dem ICE, weißes T-Shirt, abgewetzte Säume, fleckiger Rollkoffer.

Ist er aus Prinzip Zug gefahren? Klar, sagt Nienaß. Ob er das nachhaltige Reisen durchhält, weiß er aber noch nicht. Nienaß wird zwischen Rostock, wo er lebt, Brüssel und Straßburg pendeln müssen – im Wochentakt. Und dann ist da noch die Freundin in London.

Nienaß war nicht so begeistert von der Idee, bento in Brüssel mitzunehmen: "Einfach weil ich mich zurechtfinden möchte", schrieb er. Dann stimmt er doch noch einem Interview zu, auf der U-Bahn-Fahrt vom Bahnhof ins Parlament.

Als wir sitzen, referiert Nienaß also eine halbe Stunde über den überfraktionellen Zuspruch für die Jugendförderung und warum das europäische Parlament dem Bundestag demokratietheoretisch überlegen ist, bis er feststellt: Wir sind in die falsche Richtung gefahren. Die erste Endstation der nachhaltigen Reise: Nienaß winkt ein Taxi heran.

Dienstag, 10 Uhr

Neonleuchten, grauer Teppich, Bürostühle, Zimmerpflanzen: Bei der Registrierung der neuen Abgeordneten sieht es aus wie auf dem Bürgeramt. In einer kleinen Kabine werden Fotos geschossen, einen Tisch weiter bekommen Abgeordnete ihre Mailadressen zugeteilt und erfahren, wie sie Dienstreisen buchen müssen.

Ein paar Tische weiter sitzt Jörg Meuthen. Doleschal kommt in der Schlange mit einem deutschen Kollegen ins Gespräch, lacht laut. Den Namen des Abgeordneten hat er später wieder vergessen. Es war Nico Semsrott. Semsrott, Meuthen, Doleschal – vor dem Parlaments-Bürgeramt sind sie alle gleich.

Mittwoch, 10 Uhr

(Bild: bento)

Nienaß sitzt im Taxi. Als er ins Parlament einzog, schrieb die Lokalpresse, er sei "Rostocks neuer Mann in Europa". Dabei haben in Rostock 90 Prozent der Menschen gar nicht grün gewählt.

Manchmal antwortet Nienaß so selbstbewusst, dass man sich fragt, ob er es ernst meint. Wird es schwer, sich als junger Abgeordneter Gehör zu verschaffen? "Wenn du 'ne Idee hast, such dir deine 376 Abgeordneten und dann hast du die Mehrheit. So verstehe ich Demokratie."

Nienaß ist nicht aus Versehen ins Parlament gerutscht. Er war in der "Arbeitsgemeinschaft Europa", hat Europarecht studiert und für den Listenplatz 18 schon vor zwei Jahren Interesse angemeldet, als die Grünen noch bei zehn Prozent lagen.

Dass es gleich mit einem so klaren Ergebnis geklappt hat, überraschte ihn dann aber doch. Seine Kollegen haben schon Wohnungen in Brüssel gesucht, ihre Teams aufgestellt. Nienaß muss heute noch unauffällig jemanden fragen, wie viele Mitarbeiter er einstellen darf.

Dienstag, 11 Uhr

Christian Doleschal übernimmt das Innenstadt-Apartment seines Vorgängers: Im Wohnzimmer habe Albert Deß immer mit einem Salat am Fenster Angela Merkel beobachtet, die zum Ratsgebäude eilte.

Doleschal sitzt jetzt im Parlamentsbüro eines CSU-Kollegen: ein hässlicher Schul-Schreibtisch, ein fleckiges Sofa, ein Regal. Alles wird vom Parlament gestellt. 

Gerade hat Doleschal dem bayerischen Rundfunk noch ein Interview gegeben, in dem er die CDU für ihren Umgang mit Rezo kritisiert. Jetzt fährt er mit dem Finger über die Liste der neuen Unions- Abgeordneten. "Ich bin der Jüngste", freut er sich. 

Doleschals erster Termin, ein Treffen der sechs CSUler, findet in einem Glaskäfig statt. Die Augen von Angelika Niebler, Chefin der CSU-Gruppe, werden schmal, als er mich vorstellt. Eine Journalistin zum Antrittsbesuch mitbringen ist schon ein bisschen dreist. Sie schiebt mich lächelnd aus dem Sitzungsraum: "Das ist intern. Sie verstehen." Doleschal zuckt entschuldigend mit den Schultern, dann schließt sich der Glaskäfig.

(Bild: bento)

Mittwoch, 11 Uhr

Es knackt zweimal sehr laut, dann ist der Griff von Nienaß' Koffer abgebrochen. Vielleicht zehn Schritte vom Parlament entfernt. Nienaß schaut erst etwas hilflos, dann greift er unter die Seite des Koffers und trägt ihn entschlossen zum hinteren Abgeordneteneingang und sagt in fließendem Französisch: "Bonjour. Niklas Nienaß, je suis un nouveau membre du parlement."

Mittwoch, 14 Uhr

Doleschal ist dem Käfig entkommen. Nächster Programmpunkt ist eine Führung durchs Parlament. Die CSU-Gruppenchefin schenkt mir einen eisigen Blick, lässt mich aber hinterherlaufen. Im Vorbeigehen wird er vorgestellt: Ach Hallo - Busserl, Busserl - Der Kollege hier kommt auch aus der Oberpfalz - Ach was - Aber ja doch - Na sowas - Guten Tag noch. Doleschal stellt schüchtern ein paar Fragen: ("Braucht man eigentlich eine Wohnung in Straßburg?")

Dann eilen wir über die "Place du Luxembourg" zur nächsten Sitzung. Gleich geht es um Posten. Doleschal will sich für den Umweltausschuss bewerben – als Neuling muss man sich hinten anstellen. Im Foyer steht ein schmallippiger Parteikollege, schüttelt den Kopf und weist mir die Tür. 

Mittwoch, 12 Uhr

Auch bei Nienaß wird abgestimmt. Auch er darf uns nicht mitnehmen. In den Umweltausschuss zu kommen, braucht Niklas gar nicht probieren – bei den Grünen wollen das alle. Also vielleicht der Ausschuss für Regionale Entwicklung, sein Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern ist ja auch strukturschwach.

"Ein arabisches Sprichwort sagt, wenn du die Welt verändern willst, verändere dein Land", so begann seine Bewerbungsrede auf den Listenplatz 18.

Überhaupt mag Nienaß dramatische Sätze. Er sagt: "Wir jungen Menschen wissen doch, dass die Zukunft unserer Politik nicht in Deutschland liegt." 

Der Wahlkampf war trotzdem nicht einfach – oder deshalb. Nienaß hatte es im Internet versucht. Für eine Instagram-Kampagne hat er kurze Videos gedreht, Bio-Hanf-Plantagen in der Region besucht und davon Fotos gepostet. Aber die meisten haben nur 100 Likes.

Auf Youtube startete er eine Serie namens "Zehn Gründe für Europa". Das erste Video zum Thema "Klimakrise bekämpfen" hat nur 32 Views, das letzte ("Zukunft gestalten") beginnt mit den Worten "Lasst uns den Mars besiedeln". Neun Views.

Und auch auf der Straße war es nicht viel leichter: Zum Beispiel gab es das Pendlerfrühstück #stullenfüreuropa, erzählt Nienaß.  Eine klassische Wahlkampftaktik, bei der Kandidatinnen früh morgens am Bahnhof stehen, um Reisende abzufangen und bei einem belegten Brötchen ins Gespräch zu kommen. Auf Nienaß' Brötchen war vegane Schnittlauchpaste, er wollte über Nachhaltigkeit sprechen. "War aber ne blöde Idee, weil ich gar kein Frühaufsteher bin." 

Dienstag, 19 Uhr

WhatsApp-Nachricht von Doleschal: Ich darf nicht mit zum Unions-Essen im Nobelitaliener "Il Pasticcio", mit Grußwort von Günter Oettinger. Leider. Wir verabreden uns für später.

Mittwoch, 20 Uhr

In der Landesvertretung von Baden-Württemberg, beim Empfang der Grünen, stehen die Sektgläschen bereit. Draußen weht eine Palme im Wind. Das Büffet ist noch mit Folie abgedeckt. Nienaß ist nicht da. Wo bleibt er? Auf der Bühne steht, die kleine Brille auf der Nase und ein müdes Lächeln auf den Lippen: Günter Oettinger. 

Der ist heute zum politischen Gegner eingeladen. Oettinger erzählt etwas von einem starken Europa. "Wir leben in einem Kampf von Systemen, einem Wettbewerb von Weltordnungen." Das junge, grüne Publikum klatscht höflich.

Als das Buffet (Nudelsalat, Wraps mit Gurke und Frischkäse und fade Tomatensuppe aus einer Gulaschkanone) aufgedeckt wird, steht Nienaß im Raum. Er trägt lila Hemd statt weißem T-Shirt und ist aufgekratzt. "Ich muss halt echt noch Sachen regeln. Brauche ein paar Ratschläge von Leuten, die schon länger dabei sind." Nienaß entschuldigt sich, greift ein Glas Rotwein und geht zielstrebig auf einen älteren Mann im Anzug zu.


Dienstag, Mitternacht

Nach dem offiziellen Essen (Häppchen und Pasta) läuft Doleschal durchs nächtliche Brüssel. Wir suchen eine Kneipe. "Man sieht die Stadt ganz anders als Abgeordneter", sagt Doleschal leise.

"DER DOLE!", ruft eine quirlige, junge Frau, als wir die Kneipe betreten, und stürzt auf Doleschal zu. Sie gehört zur einer kleinen Gruppe von Doleschals Kollegen aus der Jungen Union. Sie haben den Social-Media-Wahlkampf für Manfred Weber, den CSU-Kandidaten für die Kommissions-Präsidentschaft,  organisiert. Jetzt ist der Wahlkampf vorbei, zwei reisen in einigen Tagen ab.

Weil auf der Chipkarte vom Europäischen Parlament aber noch das Verpflegungs-Budget für den ganzen Monat steckt, und viele Bars im Brüsseler Regierungsviertel die Karte akzeptieren, haben die beiden gerade  Lokalrunden geschmissen. Der Kneipenbesitzer will eigentlich abschließen. Die quirlige, blonde Frau widerspicht: "Das ist der Dole, der sieht nicht so aus, aber der ist ein echter Parlamentarier!"

Zwei Bars und einige Stunden später, verabschieden sich alle mit Busserl. Für Doleschal geht es am nächsten Morgen weiter mit dem "Briefing für die neuen Gruppenmitglieder" um 9.30 Uhr.

Mittwoch, Mitternacht

Und Nienaß? Hatte auch einen erfolgreichen Abend – und seine Antworten: drei Angestellte, auf Antrag auch vier in Brüssel, in Deutschland so viele er möchte, plus Praktikanten. Personalbudget etwa 25.000 Euro pro Monat. Damit kann man doch arbeiten.



Gerechtigkeit

Die Spenden für Carola Rackete zeigen, dass es immer noch ein weltoffenes Europa gibt
One Million Rising

Der Krieg in Libyen war für viele Flüchtlinge der Auslöser, über das Mittelmeer zu fliehen. Für Italiens rechtsnationalen Innenminister Matteo Salvini ist es dagegen ein "Kriegsakt", sie ans rettende italienische Ufer zu bringen. Die Frau, die das getan hat: die 31-jährige Deutsche Carola Rackete. Die italienischen Behörden nahmen sie noch an Bord der "Seawatch 3" fest. Seitdem diskutiert Europa über die Bedeutung des Falls.

Und nicht nur das: Innerhalb weniger Stunden spendeten Zehntausende Menschen Geld für die Verteidigung von Carola Rackete. 

Die Spendenseite auf Facebook zeigt Menschen aus halb Europa: Deutschland, Österreich, Italien, Großbritannien oder Frankreich. Bis Montagmorgen kamen mehr als eine Million Euro zusammen. Die Hilfsbereitschaft zeigt, dass viele Menschen verstanden haben, dass es um mehr geht als um das Schicksal einer Kapitänin: Carola Rackete wurde offensichtlich auch festgenommen, um ein Exempel zu statuieren.