Und geht das überhaupt?

Ein Mensch treibt auf einem riesigen Autoreifen sitzend im Mittelmeer. Die spanische Seenotrettung findet ihn, bringt ihn in Sicherheit. Das Schicksal dieses Geflüchteten ist nur eines von mindestens 479 Menschen, die die Spanier am Wochenende aus dem Mittelmeer gerettet haben. 

Allein am Samstag waren es 300 Flüchtlinge, die von einem Schiff der Guardia Civil aufgenommen wurden, darunter rund 100 Kinder. Am Sonntag brachten die Retter weitere 149 Menschen an Land. (bento)

Während Italien also seine Häfen schließt und Flüchtlinge zurückschicken will, bemüht sich Spanien bei Rettungseinsätzen im Mittelmeer.

Die Lage zeigt: Egal, wie sehr sich die Europäische Union darum bemüht, den Kontinent zur Festung auszubauen – Flüchtlinge kommen weiterhin. An die eine oder die andere Küste. Aber was passiert wirklich, wenn alle Routen abgeriegelt werden? Und geht das überhaupt? Die wichtigsten Antworten zur Lage im Mittelmeer.

1.

Wie dramatisch ist die Lage im Mittelmeer?

So dramatisch wie lange nicht. Denn immer mehr wollen nach Europa fliehen – und immer weniger schaffen es. Laut der International Organization for Migration (IOM) steigen so seit Jahren die Zahlen der Ertrinkenden.

Insgesamt kamen 2018 zwischen Januar und Mitte Juli bereits 1422 Flüchtlinge auf dem Mittelmeer um oder verschwanden. Das sind die absoluten Zahlen:

Tote oder Vermisste im Mittelmeer, jeweils vom 1. Januar bis 16. Juli. IOM stellt die Daten mit Zahlen der Innenministerien, der Küstenwachen und eigener Zählungen zusammen.(Bild: IOM )

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob wieder weniger Menschen im Mittelmeer sterben würden. Aber das stimmt nicht. Setzt man die Zahlen ins Verhältnis, steigen die Todesfälle deutlich: Früher kamen mehr Flüchtlinge, viele konnten gerettet werden. Heute kommen weniger, aber auch deutlich weniger werden gerettet.  

  • Im Jahr 2016 starb insgesamt einer von 76 Flüchtlingen.
  • Im Jahr 2017 starb einer von 60 Flüchtlingen.
  • Im Jahr 2018 starb bislang einer von 43 Flüchtlingen.

Die Wahrscheinlichkeit, die Flucht nach Europa nicht zu überleben, ist also deutlich gestiegen.

2.

Wann kommen Flüchtlinge – und wann nicht?

Wenn sie in Not sind. Punkt. Das sagt Ryan Schroeder vom IOM-Büro in Brüssel zu bento. Er sagt auch:

Das Mittelmeer wird die EU nie ganz unter Kontrolle bekommen. Es ist zu groß, die Kontrollmaßnahmen auf Dauer zu teuer und die Schmuggler nicht kleinzukriegen.
Ryan Schroeder

Lange dachten Experten, dass vor allem dann Überfahrten organisiert werden, wenn das Wetter günstig ist. Aber das spielt kaum noch eine Rolle. Auch schärfere Maßnahmen oder Kontrollen von Seiten der Europäischen Union halten Flüchtlinge nicht davon ab, in Europa Schutz zu suchen. "Wenn du Menschen dorthin zurückschickst, wo sie vor Problemen geflohen sind, dann werden sie erneut fliehen", sagt Schroeder.

  • Was allein zählt: Schlepper kalkulieren wohl ein, dass europäische Rettungsboote vor den Küsten von Tunesien und Libyen kreuzen – und sich schon kümmern werden. Entsprechend organisieren sie ihre Überfahrten und Routen. 

Wer ihnen das Handwerk legen will, muss Visa bereitstellen und Flüchtlingen legale Einreisen ermöglichen, sagt Schroeder. Einen anderen Weg gibt es nicht.

Unterschieden wird die Westroute von Marokko nach Spanien, die Ostroute von der Türkei nach Griechenland – und die zentrale Route von Tunesien oder Libyen nach Italien und Malta.

3.

Sind Rettungsmissionen der Grund, dass mehr Flüchtlinge kommen?

Nein. Das ist eine oft verbreitete Lüge von Rechtspopulisten – der Wissenschaftler entschieden widersprechen. Forscher der Oxford University haben hier untersucht, wie sich die Flüchtlingszahlen im Mittelmeer seit der Zunahme von Rettungsmissionen verändert haben. Das Ergebnis:

  1. Es gibt keinen "Pull-Effekt", also einen Anstieg des Schleppergeschäfts oder der Flüchtlingszahlen. 
  2. Aber es ertrinken weniger Flüchtlinge, wenn mehr Schiffe zu ihrer Rettung unterwegs sind.

Auch Schroeder vom IOM sagt, dass es keinen Zusammenhang zwischen Rettern und Flüchtlingszahlen gibt. Italien hätte lange Jahre die Rettungsmission "Mare Nostrum" betreut. Als sie eingestellt wurde, kamen nicht etwa weniger – die Zahl derer, die sich aufs Meer wagten, stieg an. Nur, dass sie nicht mehr gerettet wurden.

Wenn es in Bezug auf Seenotretter etwas gibt, dann ist das kein "Pull-Effekt", sondern ein "Drowning-Effekt".
Ryan Schroeder

Mehr Hintergründe dazu:

4.

Was passiert, wenn Italien seine Häfen dauerhaft sperrt?

Die neue rechtspopulistische Regierung in Italien fährt einen harten Kurs, will die zentrale Route im Mittelmeer komplett abriegeln. Italien will nicht mit den Migranten allein gelassen werden – andere EU-Länder sollen sich an der Aufnahme von Flüchtlingen beteiligen (bento). Entsprechend sind italienische Häfen für Rettungsboote mittlerweile gesperrt, Seenotretter stehen vor Gericht.

Ist die Route blockiert, weichen Flüchtlinge – beziehungsweise die Schlepper – auf andere Routen aus. Ursprünglich kamen viele Flüchtlinge über die Ostroute aus der Türkei. Seit es einen Deal zwischen der EU und der Türkei gibt, kommen von dort kaum noch Flüchtlinge. Künftig könnten viele wohl versuchen, über die Westroute einzureisen. Erste Zahlen deuten das schon an:

  • 2017 brach etwa jeder zehnte Flüchtling über die sogenannte Westroute auf.
  • In diesem Jahr ist es bisher jeder dritte Flüchtling. Im Juni und Juli gar jeder zweite.

Diese Zahlen zeigen die Verschiebung der Flüchtlingsrouten von 2014 bis 2017:

1/12

Angekommene Flüchtlinge nach Route und Jahr. Quellen: ECFR und UNHCR

Schroeder von der IOM warnt jedoch vor voreiligen Schlüssen. Dass eine Route plötzlich von mehr Flüchtlingen benutzt wird, kann viele Faktoren haben. Es sei noch zu früh, um zu erkennen, ob die aktuelle Verschärfung der EU-Maßnahmen bereits mit einer Verschiebung zusammenhängt.

5.

Und was passiert, wenn das ganze Mittelmeer abgeriegelt wird?

Das wird nicht möglich sein, sagt Schroeder. Zwar kann die EU mit schärferen Kontrollen Bewegungsströme abschwächen, aber nicht stoppen. Auch die Balkanroute und die östliche Mittelmeerroute sei nicht komplett dicht – "Flüchtlinge finden immer einen neuen Weg", sagt Schroeder.

Grenzen dichtmachen funktioniert nicht. Schutzsuchende kommen erst dann nicht, wenn sie keinen Grund mehr haben, zu fliehen.
Ryan Schroeder

Was die IOM daher empfiehlt: Menschen und ihre Fluchtgründe ernstnehmen, Visa ausstellen, gesamteuropäische Lösungen finden. Das Mittelmeer selbst ist zu groß, um es abzusperren.

Schroeder selbst hält die aktuellen Debatten daher auch für Scheindiskussionen. "Wir haben keine Flüchtlingskrise", sagt er. "Wir haben eine politische Krise."


Gerechtigkeit

Wimbledon-Putzkräfte mussten wegen schlechter Bezahlung offenbar aus Mülltonnen essen
2 Fragen, 2 Antworten

Wimbledon ist vorbei, das erste Mal seit Steffi Graf hat mit Angelique Kerber wieder eine Deutsche das Tennisturnier in London gewonnen. (SPIEGEL ONLINE

Anders als beim Fußball geht es auf solchen Turnieren aber sehr gesittet zu. Statt Fan-Schals und grölenden Biertrinkern sieht man im Fernsehen Damen mit ausladenden Hüten und britische Lords mit Champagnerkelchen. Tennis haftet bis heute an, eine Sportart der Reichen zu sein. Das Preisgeld für den Sieg im Finale untermauert das: Kerber darf sich über 2,5 Millionen Euro freuen. (Tennismagazin)

Die Kehrseite dieses Luxus-Sports berichten Angestellte des Turnierausrichters "All England Lawn Tennis Club (AELTC)". Sie geben an, sich während des wichtigsten Tennis-Turniers der Welt teilweise aus Mülleimern ernährt zu haben – weil ihr Gehalt nicht gereicht haben soll, um während der 15-Stunden-Schichten Mittag- oder Abendessen zu kaufen. Zudem hätten sie ihre Pausen auf dem Fußboden verbringen müssen, weil für sie keine Pausenräume bereitgestellt worden seien. (Guardian)