Bild: Screenshots/dpa/bento

Es ist nur eine wilde Fantasie. Und spätestens am nächsten Flughafen dürfte sie an Grenzen stoßen. Dennoch basteln sich gerade unzählige junge Menschen im Internet begeistert neue Ausweise. Europäische Ausweise

Den Ausweis-Generator stammt von der österreichischen Band "Bilderbuch". Am Freitag erscheint ihr neues Album "Vernissage my Heart".

Die EU-Ausweise sind nur ein Promo-Stunt. Und dennoch zeigt die Aktion, wie sehr sich viele junge Menschen nach einem anderen Europa sehnen.

Nach einem Europa, in dem die Herkunft keine Rolle mehr spielt und als "Staatsangehörigkeit" ein einfaches "europäisch" ausreicht. Nach einem Europa, in dem "Unisex" als Geschlechtsangabe so geläufig ist wie auf der Club-Toilette oder beim Shoppen. Nach einem Europa, in dem Pässe unbeschränkt gültig sind und dennoch immer wieder neu ausgestellt werden können, wenn wir uns verändert haben.

Es ist die Vision von einem Europa, das offener und inklusiver ist als die derzeitige Europäische Union.

Diese Idee ist offenbar so verführerisch, dass sich ihr längst auch Künstler wie Dendemann, Sophie Passmann und Jan Böhmermann angeschlossen haben.

Selbst Katharina Barley, die SPD-Spitzenkandidatin zur Europawahl im Mai, versuchte auf den Hype um die Aktion aufzuspringen.

Spätestens hier zeigte sich, in was für Zeiten wir leben. Denn eigentlich ist es bizarr: Im Jahr der Europawahl trifft eine österreichische Popband das Europa-Gefühl vieler junger Menschen offenbar besser als die meisten Parteien.

Wenige Monate bevor Rechtspopulisten das Europa-Parlament erobern könnten, ist die Werbung einer jungen Band aus Kremsmünster in Oberösterreich der vielleicht schönste Hinweis darauf, dass alles auch ganz anders sein könnte. 

Eine Einladung, trotz Brexit und unmenschlicher Flüchtlingspolitik an eine friedliche und gemeinsame Zukunft jenseits von Egoismus und Nationalismus zu glauben. 

Im neuen Song "Europa 22", der auch auf der Seite des Ausweis-Generators zitiert wird, heißt es:

"Ein Leben ohne Grenzen,
Eine Freedom zu verschenken,
Eine Freiheit, nicht zu denken,
I better open my eyes"

Es ist eine eine simple, schnörkellose und wahrscheinlich gerade deshalb so einprägsame Botschaft für ein anderes Europa

Man kann das zu einfach finden. Unkritisch und selbstgerecht. Auch die Band weiß das. Mit der Frage konfrontiert, ob ihre Botschaft nicht zu simpel sei, sagte "Bilderbuch"-Sänger Maurice Ernst vor Kurzem:

"Unglaublich vereinfachend! Die Komplexität der europäischen Idee kann man auch nicht in einem Song beschreiben. Der wäre prätentiös, weil er genau ist, oder er würde unangenehm werden, weil er erklärerisch ist. Freiheit und Hoffnung, darum geht es."

Dieses Lebensgefühl trifft Bilderbuch offenbar besser als jede politische Partei. 

Natürlich liegt das auch daran, dass sich eine Band nicht mit schwierigen politischen Entscheidungen herumschlagen muss. Aber von der europäischen Idee, von wirklicher europäischer Leidenschaft, fehlt in den politischen Schlagzeilen derzeit ohnehin jede Spur. 

Statt um "zu verschenkende Freiheit" geht es um neue Grenzen, um Angst, Lähmung und Ablehnung: 

  • Die CDU beschloss erst vor wenigen Tagen, künftig bei Konflikten die Grenzen für Flüchtlinge zu schließen (Zeit Online)
  • Die SPD stritt wochenlang, wie viele junge Frauen unter den 15 aussichtsreichsten Listenplätzen für die Europapwahl kandidieren sollten (bento)
  • Die Linke ist sich immer noch uneinig, ob sie die EU nur für "neoliberal, undemokratisch und militaristisch" oder vielleicht doch auch ein "Friedensprojekt" hält (ARD)
  • Und die Europa-Spitzenkandidatin der FDP machte zuletzt Schlagzeilen, weil sie besonders viel Verständnis für die autoritäre Regierung in Ungarn zeigte (SPIEGEL)

In solchen Zeiten braucht es junge Menschen, die sich für eine gemeinsame Zukunft interessieren und immer noch an ein gerechtes und und friedliches Europa glauben. 

Wenn die besten Slogans und Kampagnen dafür von einer Indiepop-Band aus Österreich kommen, dann ist das ein seltsames Zeichen für unsere Politik. Aber vielleicht ein gutes für die europäische Zivilgesellschaft. 

Oder wie Maurice Ernst sagen würde: Freiheit und Hoffnung, darum geht es.


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