Bild: Danilo Balducci/dpa

Die Uhr im Facebook-Chat zeigt 0:14 Uhr, als Bárbara das Foto zugeschickt bekommt. Ein junger Mann ist darauf zu sehen, Blut läuft ihm in mehreren Schlieren über die linke Schläfe und Wange. Die Haare sind verklebt, teilnahmslos schaut er aus dem Bild heraus, die Nacht im Hintergrund ist tiefschwarz.

"Er ist aus Pakistan bis hierher geflohen", sagt Bárbara, "dann haben sie ihn zusammengeschlagen". Bárbara Bécares ist ehrenamtliche Helferin bei "No Name Kitchen", einer NGO, die in Grenzorten Lebensmittel an Menschen auf der Flucht verteilt. Gerade hält sie sich in Bosnien-Herzegowina auf. Screenshots ihres Chatverlaufs liegen bento vor.

In Bosnien-Herzegowina endet die Balkanroute – vorerst

Das Foto vom Blutverschmierten hat sie von einem anderen Geflüchteten bekommen. "Sie haben uns nahe unseres Lagers zusammengeschlagen", schreibt er ihr auf Facebook dazu. Mit 13 bis 15 Autos seien sie angekommen, die Bergstraße hoch nach Vrnograč. "Es waren Bosnier."

Vrnograč ist ein Tausend-Einwohner-Dorf im Norden von Bosnien-Herzegowina. Es gehört zur Gemeinde Velika Kladuša, einem Grenzort Kroatiens – und damit der Europäischen Union (EU). Schutzsuchende aus Afrika, aus dem Irak und Syrien, aber auch aus Afghanistan haben sich bis hierhin durchgeschlagen, über das Mittelmeer und durch den Balkan. Sie hoffen darauf, nun auch die Grenze nach Kroatien zu knacken – um in der EU Asyl zu beantragen. Wie viele genau sich in Velika Kladuša und dem Umland aufhalten, kann keiner genau sagen. 

Nach Ansicht mancher Einwohnerinnen und Einwohner sind es in jedem Fall: zu viele. In einer Facebookgruppe organisieren sie seit einigen Wochen private Milizen, um Jagd auf die Schutzsuchenden zu machen. Um das zu tun, was Bárbara im Falle des zusammengeschlagenen Pakistani bezeugen kann. 

Auf Facebook organisieren Bosnier die Jagd auf Migranten

Die nicht öffentliche Gruppe heißt "Doček Migranata", bosnisch für "Migranten willkommen heißen". Aber das "Willkommen heißen" ist alles andere als menschenfreundlich gemeint. bento hat mehrere Tage mit eigenem Profil in der Gruppe mitgelesen und auch mit einem Admin gechattet.

Erst Mitte August wurde die Gruppe gegründet, binnen drei Wochen wuchs die Mitgliederzahl auf mehr als 6000. Wären sie alle aus der Region Velika Kladuša, würde das bedeuten, dass mehr als jeder zehnte Einwohner bei den Migrantenjägern mitliest.

Man wolle "Busse abfangen", mit denen sich Migrantinnen und Migranten auf die Grenze zubewegen, heißt es in der Gruppenbeschreibung. In Einträgen tauchen immer wieder Videos und Fotos von schwarzen oder arabisch aussehenden Menschen auf, manchmal zu Fuß unterwegs, manchmal mit Autos. "Gerade im Zentrum", steht dabei. Oder: "Gesichtet auf der Landstraße nach Liskovac." Oft machen die Gruppenmitglieder aus ihren Autos heraus Videos im Vorbeifahren. Binnen Minuten schreiben  andere, dass sie hinzukommen könnten.

Die Bosnier fürchten um ihre Jobs, die Geflüchteten fürchten Gewalt

Sabahudin Basic ist einer der Initiatoren der Gruppe. Der 34-Jährige lebt am Stadtrand von Velika Kladuša und hat hier eine kleine Essiggurkenplantage. Immer wieder würden ihm Migranten Gemüse klauen, das er eigentlich verkaufen wolle. Das habe ihn veranlasst, tätig zu werden. "Uns gehört hier die Mehrheit", schreibt Sabahudin im Chat über die Situation der Bürgerinnen und Bürger in Velika Kladuša. Viele seien alt und bedürftig, nicht wenige arbeitslos. Auch er selbst hat abseits seiner Essiggurken keinen Job.

Gurkenbauer Sabahudin mit seiner Frau: "Die wollen wir hier einfach nicht um ums."

(Bild: Sabahudin Basic)

Vor den Geflüchteten habe er Angst. Er glaube, viele seien desertierte Soldaten oder zumindest vor Kriegsdiensten in ihrer Heimat geflohen. "Das sind alles junge Männer", sie würden aussehen, als seien sie "militärisch geschult". "Die wollen wir hier einfach nicht um uns", schreibt Sabahudin. Da er zwei kleine Kinder habe, fürchtet er, ihnen könne auf dem Schulweg etwas geschehen. Die Frage, ob denn jemals etwas geschehen sei, verneint er. Trotzdem würden er und andere nun patroullieren. "Wir wollen nicht die Arbeit der Polizei erledigen", versichert er, "aber wir wollen helfen". 

Aktivistinnen berichten von hilfsbereiten Bosniern – und den Ausnahmen 

Wie diese Hilfe aussieht, erleben nun Geflüchtete in der Grenzregion am eigenen Leib. Ein junger Mann aus Tunesien, der seit einigen Monaten in Velika Kladuša festsitzt, erzählt bento, in den vergangenen Wochen habe es eine "Welle an Gewalt" gegeben. Mehrere seiner Freunde seien schon angegriffen worden. Zum Schutz möchte er anonym bleiben, nur ein Foto schickt er von vor Ort.

Und Bárbara Bécares von "No Name Kitchen" berichtet, dass mittlerweile auch Aktivistinnen und Aktivisten ins Visier der Migrantenjäger geraten. "Die meisten Menschen in Velika Kladuša sind nett und hilfsbereit", sagt sie am Telefon, "aber nun werden sie von einigen wenigen Störenfrieden unter Druck gesetzt". Eine ihrer Mitarbeiterinnen sei bereits mehrfach auf der Straße verfolgt und beleidigt worden, fremde Männer würden von ihr, der Migrantenhelferin, immer wieder ungefragt Fotos machen.

Geflüchteter in Velika Kladuša: "Welle an Gewalt"

(Bild: Private Aufnahme)

In der Coronakrise war die Grenze zwischen Bosnien-Herzegowina und Kroatien bis Juli dicht. Bosniern fehlte die Möglichkeit zum Handel, Arbeitsplätze fielen weg. Schutzsuchende sitzen fest, viele Anlaufstellen, um Lebensmittel zu kaufen oder Mobiltelefone zu laden, wurden geschlossen. In dieser Stimmung entstand die Facebookgruppe "Doček Migranata". 

Bárbara Bécares sagt, sie und andere Aktivisten hätten sich bereits mehrfach an Facebook gewandt. "Wenn jemand deine Plattform missbraucht, um anderen zu schaden", fragt sie, "warum lässt du sie gewähren?" Doch das Netzwerk reagiere immer wieder abwiegelnd: Was da besprochen werde, verstoße nicht gegen die Gemeinschaftsstandards, kommt immer wieder als Antwort. Dabei gibt es in der Gruppe mehrfach Gewaltaufrufe.

Auf Facebook sammeln sich die Gewaltaufrufe

"Jagt sie und schlagt sie nieder", steht unter einem Foto. "Postet hier nicht nur, tut endlich etwas dagegen!!!!", schreibt ein anderer. Unter einem Foto von drei arabisch aussehenden Männern in einem Kiosk verabreden sich mehrere Nutzerinnen und Nutzer, den Ort zu stürmen. "Ich bin hier, los geht's", postet einer. Ob sie ihre Sprüche in die Tat umgesetzt haben, bleibt unklar.

Sabahudin, der Admin der Gruppe, wiegelt ab. Gewalt sei nur die letzte Option, eigentlich gehe es nur ums Beobachten. Wer immer auf Migranten im Stadtzentrum treffe, solle zuerst "einen friedlichen Weg einschlagen". Was er damit meint, erklärt er nicht. "Erst, wenn sich sonst keiner kümmert, müssen wir uns die Hände schmutzig machen", schreibt er dann.

„Wenn jemand deine Plattform missbraucht, um anderen zu schaden, warum lässt du sie gewähren?“
Bárbara Bécares

Er schreibt, man solle nicht zu hart über ihn urteilen. Er wolle nur sich und seine Familie schützen. Sabahudin hoffe selbst auf ein Leben in der EU, auf einen richtigen Job "hinter der Grenze", Hauptsache weg aus Bosnien-Herzegowina, "aus diesem korrupten Land". 

Die Frage, ob er nicht glaube, das auch die Schutzsuchenden aus Afrika oder den arabischen Ländern mit genau diesen Hoffnungen aufgebrochen sind, verneint er. Anders als er seien sie nicht wirklich hilfsbedürftig und arm. Sie hätten es ja bis hierher geschafft.


Fühlen

Juelz ist autistisch: "Wenn ich meine Diagnose früher bekommen hätte, hätte ich mir einiges an Leid erspart"
In Folge 6 unserer Videoreihe "Ungehindert" erklärt Juelz, wie sich ihre Spätdiagnose auf ihre psychische Gesundheit ausgewirkt hat.

Juelz Zenner, 29, wusste lange nicht, was mit ihr los war. Ihr Leben lang hatte sie mit Depressionen zu kämpfen. Die früheste depressive Episode, an die sich Juelz erinnern kann, hatte sie mit siebzehn. Zwar absolvierte sie in den darauffolgenden Jahren mehrere Therpaieformen, gänzlich helfen konnten diese nicht. "Es fehlte immer das letzte Puzzle-Stück.", sagt Juelz heute.