Bild: Federico Gambarini/dpa
Wie man mit Kindern über Faschingsoutfits spricht und was Verkleidungs-No-Gos sind.

Die Leitung eines Erfurter Kindergartens will nicht, dass die Kinder am Rosenmontag und Karnevalsdienstag verkleidet in die Einrichtung kommen. Der Grund dafür: In dem Kindergarten verfolgen die Erzieherinnen und Erzieher eine kultursensible Pädagogik. So soll Kindern beigebracht werden, welche Geschichte hinter dem Begriff "Indianer" steckt – und warum man Menschen aus anderen Kulturen damit verletzen kann, wenn man ein solches Kostüm trägt. 

Beim Verkleiden erkenne man an, "dass man Stereotype braucht, um die Komplexität der Welt zu reduzieren", heißt es in einem Elternbrief der Kita. Gleichzeitig wolle man die Kinder aber auch "sensibilisieren für Stereotype, die für die Betroffenen schmerzhaft, zum Teil sogar entwürdigend sein können". (SPIEGEL)

Damit die Kinder trotzdem nicht aufs Feiern verzichten mussten, wurde eine frühere Faschingsfeier im Januar angeboten, Verkleidung inklusive. Nur eben in der Karnevalswoche selbst soll es keine Party geben. Kinder, die trotzdem kostümiert kommen, müssen sich umziehen. Die Entscheidung wurde gemeinsam mit der Kita-Leitung, dem Betreuer-Team und den Eltern gefällt. 

Die Geschichte könnte hier schon zu Ende sein. Ist sie aber nicht. In rechten Netzwerken verbreitete sich das Schreiben, bald berichteten Lokalmedien, schließlich empörten sich Politikerinnen und Politiker von AfD bis FDP. Der Vorwurf:

Mit dem Karnevalsverbot sägt die Erfurter Kita an einer deutschen Tradition. 

Der Fall erinnert an die Aufregung um eine Leipziger Kita, die im vergangenen Jahr beschloss, kein Schweinefleisch mehr anzubieten (bento). Schnell ging es nicht mehr um einen Kindergarten, der im Einklang mit den Eltern eine für alle praktische Lösung findet – es ging um einen gesamtdeutschen Kulturkampf. Die Karnevalsabsage des Erfurter Kindergartens hat nun eine ähnliche Debatte entzündet.

Junge Generationen sind heute sensibler im Umgang mit kulturellen Identitäten und Rollenklischees. Das gilt für den Umgang mit anderen Menschen im Alltag, für unsere Arbeit oder auch für die Erziehung von Kindern. Wie gehen junge Erzieherinnen und Erzieher damit um?

Sollte man Identitätsfragen mit Kleinkindern diskutieren, ihnen gar bestimmte Kostüme verbieten? Und ist das dann Aufgabe der Kita oder der Eltern?

Wir haben drei junge Erzieherinnen und Erzieher gefragt, wie sie mit Kostümverboten an Karneval in ihren Einrichtungen umgehen – und wo es bei Kostümen ihrer Meinung nach No-Gos gibt. 

Hilal, 27 Jahre, aus Niedersachsen

"Wir feiern in unserem Kindergarten jedes Jahr total gerne Fasching, die Kinder freuen sich schon Tage vorher drauf, wenn wir mit dem Schmücken der Räume beginnen. Richtige 'Kostümverbote' sprechen wir nicht aus – ein Kind sollte einfach Kind bleiben können. Da gehört das Verkleiden an Fasching auch dazu. 

Die meisten wissen schon Wochen vorher, was sie tragen wollen. Es sind die typischen Kostüme: Die Mädels sind gerne Elsa aus 'Frozen', Hexen oder Einhörner und die Jungen sind Polizisten und Feuerwehrmänner. Ich habe bisher noch nie erlebt, dass ein Kind ein Kostüm angezogen hatte was gar nicht ging. 

„Ich denke, da müssen zum größten Teil die Eltern Vorbild sein und darauf achten, was angezogen wird und was nicht.“

Wir achten jedoch darauf, dass die Kinder keinerlei 'Waffen' mitbringen. Das kommunizieren wir auch im Vorfeld mit den Eltern, dass also zum Beispiel beim Polizistenkostüm die Waffe zuhause bleibt. Wir erklären es einfach kindgerecht, zum Beispiel das einige Kinder Angst haben könnten oder Waffen generell gefährlich sind. Es wird angenommen und verstanden.

Was den Fall aus Erfurt angeht, finde ich es schade, dass die Kita so entschieden hat. Es ist für die Kinder ein aufregender Tag, denn die meisten kommen als ihre Helden und möchten diese für diesen Tag gerne verkörpern, ich persönlich finde daran nichts Verwerfliches. 

Wir sehen in den Kinderaugen jedes Jahr den Stolz, wenn sie ihre Kostüme präsentieren. Das würde ich den Kindern nicht wegnehmen. Dass die Kita mitgebrachte Kostüme einfach ins Fach legen will, finde ich traurig. Wo bleibt denn da die Wertschätzung?"

Till, 28 Jahre, Erzieher aus Nordrhein-Westfalen

"Wie sollte man Fasching im Kindergarten feiern? Am besten gar nicht! Wir leben in 'woken' Zeiten, achten auf Political Correctness – also ist klar, dass es keine einfachen Antworten beim Verkleiden gibt. Es gibt nun mal politisch problematische Kostüme.

Sich zu verkleiden bedeutet meiner Meinung nach auch immer, dass man sich mit der Kultur und Geschichte hinter dem Outfit auseinandersetzen muss. Wer als Indianer rumlaufen will, sollte wissen, dass viele echte Indianer ausgelöscht und aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Das zu vermitteln, mögen die wenigsten Eltern oder Erzieher, denn es bedeutet Arbeit. 

Ich kann den Erfurter Kindergarten also gut verstehen: Wenn sie nicht allen Kostümen eine Absage erteilt hätten, hätte sich die Kindergartenleitung hinsetzen müssen und eine Liste mit erlaubten und nicht erlaubten Kostümen erstellen müssen. Das macht es nur noch komplizierter.

Allen Eltern kann man es sowieso nicht recht machen: Die einen finden eine Initiative gut, die anderen laufen dagegen Sturm. Das muss eine Kindergartenleitung aushalten. 

„Ich glaube, vielen, die sich jetzt empören, geht es gar nicht um den Fasching. Das ist ein Bullshit-Argument.“

Niemand hat den Eltern verboten, mit ihren Kindern auf weitere Feiern oder Umzüge zu gehen. Tatsächlich regen sich die Eltern auf, weil angeblich Traditionen und Werte verraten werden. Es ist eine Scheindebatte auf dem Rücken der Kinder.

Kinder verkleiden sich übrigens immer gerne. Egal ob Fasching ist. Also muss ein Kindergarten auch ganzjährig Antworten darauf finden. Man kann unkomplizierte Themenfeiern anbieten – alle sollen sich als Tiere verkleiden zum Beispiel – oder Projektwochen einberufen, in denen der Umgang mit Kostümen spielerisch erarbeitet wird. Für Kleinkinder bis drei Jahre halte ich das noch für zu früh, aber spätestens in der Grundschule kann man das prima umsetzen."

Sabine, 36 Jahre, aus Thüringen

"Beim Fasching geht es darum, zusammen zu feiern – und genau das machen wir auch in unserem Kindergarten. Es wird sich verkleidet, geschminkt, es gibt Berliner zu essen, Musik und lustige Spiele. Mit den ganz Kleinen im Krippenbereich natürlich nicht so umfangreich wie mit den Größeren.

Wichtig ist, dass wir allen Kindern – egal wie alt – zeigen, dass man einander akzeptiert, egal, wer man ist. Dementsprechend gibt es meistens eine Projektwoche vorher, in der es um verschiedene Länder, Bräuche und Kulturen geht. Wir wollen so die Kleinen etwas sensibiliseren und Vorurteile nehmen.

Dass wir über Kostüme reden, halte ich für wichtig. 

„Jungs wollen immer Cowboy, Pirat oder Superheld sein – aber warum können sie nicht auch mal einen Puppenwagen schieben?“

Ein Papa schiebt ja später auch den Kinderwagen und kümmert sich um sein Kind. 

Bei uns sind Waffen ein Thema, sie sind nun mal bei vielen Kostümen dabei, von der Räuberpistole bis zum Pfeil und Bogen. Bundeswehr-Soldaten benutzen Waffen, Jäger auch. Also kann ich nicht einfach sagen, dass Waffen grundsätzlich nicht gut sind. Ich versuche aber, die Kinder zu sensibilisieren, wie sie warum genutzt werden. Gerade die Größeren kann man zum Nachdenken anregen. 

Grundsätzlich sollten vor allem die Eltern mit ihren Kindern klären, welche Kostüme okay sind. Gerade wenn es um Waffen geht, muss das Elternhaus dahinterstehen. Ich kann ja dem Kind nicht erklären, dass Waffengewalt bedenklich ist, wenn die Eltern zu Hause Egoshooter spielen."


Fühlen

"Irgendwann wirst du mir gehören": Merle wird seit zwei Jahren gestalkt
So geht sie jetzt gegen den Täter vor.

Das Geräusch ihres Handys lässt Merle, 25, aus dem Schlaf schrecken. Mitten in der Nacht bekommt sie eine Nachricht. Das Licht des Displays blendet sie, doch die Buchstaben kann sie trotzdem entziffern: "Irgendwann wirst du mir gehören." In dieser und vielen weiteren Nächten kann sie vor Angst nicht mehr einschlafen.

Seit zwei Jahren hat Merle einen Stalker, er bedroht sie, schickt ihr regelmäßig Pakete. Er bringt sie fast zum Aufgeben. Doch sie beschließt, sich zu wehren und ihn vor Gericht zu bringen.

Als wir uns treffen, sitzt Merle in ihrer Berliner Wohnung und trinkt Kaffee. Sie wirkt gefasst, spricht ruhig über den Tag, an dem sie ihrem Stalker begegnete.

Im Sommer 2017 reist sie quer durch Deutschland und hält Vorträge über Antisemitismus und Geschlechterverhältnisse. Danach spricht sie jedes Mal mit dem Publikum, vernetzt sich mit manchen über Facebook. Auch ihr späterer Stalker schickt eine Freundschaftsanfrage an ihr öffentliches Profil. Miteinander geredet haben sie zuvor nicht. Er schreibt ihr, dass er sich in sie verliebt habe. Bei Facebook sieht sie einen ungefähr 40 Jahre alten Mann, mehr gibt sein Profil nicht her. 

Sie bittet ihn, ihr nicht mehr zu schreiben, doch er macht weiter. Ein Jahr lang bekommt sie daraufhin fast täglich Nachrichten, meistens in der Nacht, irgendwann von unterschiedlichen Profilen, doch jedes Mal erkennt sie ihn. Der Ton ändert sich: Während er anfangs vom Verliebtsein spricht, beleidigt er sie bald als "Fotze" und "Schlampe". 

Merle spricht mit niemanden über ihn, ignoriert seine Nachrichten, hofft einfach, dass es irgendwann aufhört. Ihr Schweigen scheint ihn nur noch mehr anzustacheln, er kommentiert ihre Posts auf Facebook und Twitter, droht, sie zu vergewaltigen und ihren Freund zu verprügeln. "Ich hatte das Gefühl, dass ich überhaupt keine Kontrolle mehr darüber habe, was er über mich schreibt", erzählt Merle.