Wir haben Demonstranten gefragt, warum sie auf die Straße gehen.

In Köln haben heute Zehntausende Anhänger der türkischen Regierungspartei AKP und andere Putschgegner demonstriert. Gleichzeitig gab es mehrere Gegendemos: Die Jugendorganisationen mehrerer Parteien organisierten "Erdowahn stoppen", auch die Initiative "Köln gegen Rechts" ging auf die Straße. Außerdem hatte eine Gruppe namens "Internationale Krefelder" sowie die rechtsextreme Partei Pro NRW je eine Veranstaltung angemeldet.

Wir haben in Köln mit Befürwortern und Gegnern der türkischen Regierung gesprochen.

Büsra, Yasen und Eyüp demonstrierten für Erdogan
(Bild: Felix Huesmann)
Büsra, 23

Dass ich hier demonstriere, hat nichts damit zu tun, für oder gegen Erdogan zu sein. Es geht für mich darum, meinem Land beizustehen und Solidarität zu zeigen. Ich habe auch bei der letzten Parlamentswahl gewählt – aber nicht die AKP.

Der Putschversuch war für mich ein Schock. Ich habe am nächsten Tag eine Klausur an der Uni geschrieben, trotzdem die ganze Zeit die Nachrichten verfolgt. Ich wusste erst mal gar nicht, wie ich das verarbeiten soll und hatte richtig Angst, dass daraus ein Bürgerkrieg entsteht. So etwas kannte ich bis dahin nur aus den Geschichtsbüchern.

Die politischen Entwicklungen in der Türkei habe ich auch vorher immer verfolgt. Wenn man den Hintergrund nicht versteht, versteht man auch nicht, warum Erdogan so hart durchgreift. Das muss er machen, damit nicht in ein paar Jahren der nächste Putschversuch folgt.

Im Slider: Der Demo-Tag in Bildern

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(Bild: Felix Huesmann)
Yasen, 20

Unser Präsident wurde demokratisch vom Volk gewählt und wir unterstützen ihn bis zum Ende. Wir gehen für die Demokratie auf die Straße, für unser Volk und unseren Präsidenten.

Den Putschversuch zu erleben, war für mich wie ein Schlag: Wie kann sich das Militär einfach so darüber erheben, dass jemand demokratisch gewählt wurde? Das ist eine Beleidigung für das Volk.

Die Verantwortlichen dafür müssen bestraft werden. Auch Deutschland als Partner der Türkei sollte mithelfen und Leute ausliefern, die daran beteiligt waren. Deutschland sollte der Türkei zeigen: Wir stehen hinter euch.

Deutschland ist meine Heimat, weil ich hier aufgewachsen bin und hier Freunde und Familie habe. Aber zur Türkei habe ich auch eine starke Beziehung, meine Familie kommt da her und ich bin jedes Jahr dort. Das ist auch meine Heimat.

Leider darf ich dort nicht wählen, weil ich keinen türkischen Pass habe. Wenn ich wählen dürfte, würde ich die AKP wählen.

(Bild: Felix Huesmann)
Eyüp, 18

Ich bin hier, um zu zeigen, dass die Türkei nicht allein ist und dass auch wir Türken im Ausland zu unserer Nation stehen. Meine Brüder und ein Teil meiner Familie leben in der Türkei.

Beim Putschversuch sind Kampfjets über das Haus meiner Tante in Istanbul geflogen. Meine Verwandten haben mir aber gesagt, dass denen die Flugzeuge und Panzer egal waren: Sie sind trotzdem auf die Straße gegangen.

Ich finde, dass man es der Türkei überlassen sollte, wie sie gegen die Putschisten vorgeht. Alle Leute, die noch eine Gefahr darstellen, sollten in Haft genommen werden. Das finde ich völlig in Ordnung. Ich bin auch dafür, die Todesstrafe einzuführen.

Joachim, Selenay und Wayne nahmen an einer Gegendemo teil
(Bild: Felix Huesmann)
Joachim, 25

Ich habe den Putschversuch live verfolgt: Abends habe ich zufällig Nachrichten geguckt – und dann die ganze Nacht damit verbracht.

Demokratie und Menschenrechte sind unglaublich wichtig. Und ich kann es nicht mit ansehen, wenn diese Werte in einem Partnerland einfach so abgewatscht werden. Dagegen muss man etwas machen – zum Beispiel auf die Straße gehen. Darum habe ich diese Gegenkundgebung mit organisiert.

Ich selbst bin Mitglied bei den Jungen Liberalen, das ist aber eine gemeinsame Aktion zusammen mit der Grünen Jugend, den Jusos und der Linksjugend. Die Idee kam uns, als wir gelesen haben, dass AKP-Anhänger hier in Köln eine Demo planen.

Natürlich darf jeder in Deutschland demonstrieren. Aber genauso hat jeder das Recht, dagegen auf die Straße zu gehen.

(Bild: Felix Huesmann)
Selenay, 18

Ich denke, dass der Putsch von Erdogan inszeniert wurde. Erdogan ist ein Mann, der die Macht für sich allein haben will und dafür auch sein Land in Trümmer legen würde. Ich bin alevitische Kurdin und meine Familie hat in der Türkei überhaupt keine Rechte. Darum bin ich auch auf fast jeder Demo zu diesem Thema dabei.

Meine Verwandten leben im Osten der Türkei, von ihnen erfahre ich viel, wie die Leute unterdrückt werden: Du sollst nicht deine Muttersprache sprechen und deinen Glauben nicht ausleben.

Und die deutsche Politik schaut einfach nur zu und lässt Erdogan machen, was er will. Den Erdogan-Anhängern in Deutschland sollte man sagen: Wenn du nach seiner Politik leben willst, dann kannst du in der Türkei weiterleben. Dann hast du hier nichts zu suchen!

(Bild: Felix Huesmann)
Wayne, 21

Ich demonstriere dagegen, dass ein Land in eine Diktatur verfällt. Natürlich verurteile ich den Militärputsch. Aber es ist genauso falsch, mit anzusehen, wie ein Land seine Demokratie abschafft. Wenn dann auch noch in Deutschland für Menschenrechtsverletzungen demonstriert wird, kann ich mir das nicht einfach angucken.

Ich bin ein politischer Mensch, ich setze mich für Dinge ein und gehe auch ab und zu auf Demos. Meist vor allem gegen rechts. Und jetzt quasi in Kombination: Gegen rechts und gegen Erdogan.

Den AKP-Anhängern sollte man das Demonstrieren natürlich nicht verbieten, wir sind ja eine Demokratie. Eine Demo kontert man am besten mit einer Gegendemo.

(Bild: Felix Huesmann)


Art

Fotos: Von der anderen Seite
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Der Fotograf Oliver Curtis hat sich aufgemacht zu den Sehenswürdigkeiten der Welt: Nach Indien ist er gereist, nach China, durch Großbritannien. Er war in Berlin und New York. Und dann ist er weiter, immer weiter.

Doch statt wie wir, ganz touristisch, den Fotoapparat auf die Pilgerstätten zu richten, hat er sich jeweils umgedreht – und in die umgekehrte Richtung fotografiert. Volte-face hat er seine Fotoserie genannt, Kehrtwendung.