Es wird Herbst in Deutschland. Konservative Politiker fordern von Angela Merkel eine restriktivere Flüchtlingspolitik, Bayerns Finanzminister und Chef-Populist Markus Söder stellt das Asylrecht grundsätzlich in Frage und rollt den ganz Rechten einen roten Teppich in die Mitte der Gesellschaft.

In einigen Flüchtlingsheimen geraten die zusammengepferchten Bewohner aneinander, seit Monaten zünden Unbekannte fast nächtlich Gebäude an, die Unterkünfte hätten werden können. Die Stimmung kippt, freuen sich die geistigen und tatsächlichen Brandstifter. Klar ist jedenfalls: Die Dummen kippen nach.

Ist die Solidarität der Deutschen aufgebraucht, nach einem Sommer der Hilfsbereitschaft? Sind die 10 Milliarden Euro, die Versorgung und Integration der aus ihrer Heimat Vertriebenen in diesem Jahr kosten könnten, zu viel für uns? Und überhaupt: „Wer hilft denn den Obdachlosen bei uns?“, kommentieren „besorgte“ Facebook-Nutzer in praktisch jedes Forum, das sie finden.

Mal abgesehen davon, dass das Argument manchem echten Obdachlosen ziemlich auf den Keks geht: Arm gegen Arm auszuspielen steht in der „Einführung in die Demagogie“ schon im Vorwort. Dabei sind viele Deutsche reich: Mehr als 100 Milliarden Euro haben die Deutschen 2014 vererbt und verschenkt? Deutlich mehr als im Jahr davor und in vielen Fällen praktisch steuerfrei.

Viele Arme hatten einfach Pech mit ihrer Herkunft - genau wie Flüchtlinge

Erbschaften und Schenkungen sind meist leistungsloses Einkommen. Egal, ob die Vorgenerationen jeden Cent davon hart erarbeitet haben: Niemand hat es sich verdient, reiche Eltern oder Großeltern zu haben. Dennoch trägt die Erbschafts- und Schenkungssteuer in Deutschland deutlich weniger zum Steueraufkommen bei als in anderen hochentwickelten Industrieländern. Unternehmenserben sind sogar weitgehend von der Steuer befreit - eine so eklatant unfaire Praxis, dass das Bundesverfassungsgericht sie bereits als grundgesetzwidrig bewertet hat.

Wer nichts erbt, hat einfach Pech mit seiner Herkunft gehabt. Arme sind genau wie Flüchtlinge auf einen starken Staat angewiesen. Beide brauchen ein gut finanziertes Bildungssystem und Integrationsprogramme in den Arbeitsmarkt, um es in Deutschland nach oben zu schaffen.

Eine höhere Erbschaftssteuer für Superreiche wäre die beste Idee, um diese Programme zu finanzieren. Bislang verweigern viele Wohlhabende selbst das bisschen Solidarität, das ihnen abverlangt werden soll: 2014 wurde auch deswegen so viel verschenkt, weil viele wegen dem Urteil des Verfassungsgerichts genau diese Erhöhung fürchten und ihr Geld noch schnell in Sicherheit bringen wollen.

Ist die Solidarität in Deutschland aufgebraucht? Viele Reiche müssten erst mal lernen, was das ist.

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