Während meines Erasmus-Semesters in Warschau muss ich mich oft mit der deutschen Vergangenheit auseinandersetzen.

Jemand hat mit Edding "Hitlerowcy = Niemcy" auf die beige Mauer neben dem Postamt mitten in der Warschauer Innenstadt geschrieben. "Das soll heißen, dass ihr Deutschen noch immer Nazis seid", übersetzt Magda, mit der ich am ersten Tag meines Auslandssemesters durch Polens Hauptstadt laufe.

In meiner Erasmus-Bewerbung hatte ich zwar geschrieben, ich wolle etwas über den Umgang der Polen mit der deutsch-polnischen Vergangenheit lernen. Dass es für einen ersten Eindruck keine 24 Stunden braucht, hätte ich aber nicht gedacht.

Aus Philips Fotoalbum – die Fotostrecke aus Warschau:
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Nach acht Wochen in Warschau kann ich sagen, dass ich immer wieder eine diffuse Abneigung gegen mich als Deutschen gespürt habe. Ich habe zum Beispiel erlebt, dass junge Polen in einer Bar nur so lange mit mir reden, bis ich ihnen erzähle, woher ich komme. Andere haben mir gesagt, dass sie Deutschland generell nicht mögen.

Ich will wissen, warum das so ist.

Der Spruch am Warschauer Postamt. Auch nach acht Wochen ist er noch nicht entfernt.(Bild: Philip Raillon)

Als ich über einen Freund eine 20-jährige Jura-Studentin kennenlerne, die sagt, sie möge Deutschland nicht, verabrede ich mich kurzerhand mit ihr. Wir treffen uns auf einen Kaffee nahe der Warschauer Altstadt.

Ich will von ihr wissen, wieso sie die Deutschen ablehnt. "Wir Polen sind vor allem neidisch. Wir glauben, dass wir genauso erfolgreich wären wie ihr, hättet ihr uns im Zweiten Weltkrieg nicht so viel weggenommen", erzählt sie mir. Eine Theorie, von der ich hier schon häufiger gehört habe. Sie sagt auch, sie finde die deutsche Sprache unangenehm und "Deutsche sind laut und aggressiv".

Mein Freund Philipp ist ein Deutscher mit polnischen Eltern. Er erzählte mir, dass "der Krieg in Polen noch eine viel größere Rolle spielt als bei uns in Deutschland".

Auch sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Mai 1945 unterscheiden viele Polen noch immer nicht zwischen Nazi-Deutschland und der Bundesrepublik, so sein Eindruck. Es bleibe unvergessen, dass allein sechs Millionen Polen im Krieg umkamen und die Nazis 1944 Warschau brandschatzten.

"Die Polen sehen sich traditionell als Christus unter den Völkern, also in einer kontinuierlichen Opferrolle", sagt der Bochumer Historiker Frank Hoffmann. Der Zweite Weltkrieg begann im September 1939 mit dem Angriff der Deutschen auf Polen. Laut Deutsch-Polnischem-Barometer 2015 sehen noch immer ein Viertel der Befragten Polen in Deutschland eine militärische Bedrohung.

Agnieszka Łada vom Institut für öffentliche Angelegenheiten, einem unabhängigen Thinktank in Warschau, hat nicht nur das Deutsch-Polnische-Barometer herausgegeben, sie hat 2014 bereits eine ähnliche Umfrage veröffentlicht: Da lag die Anzahl der Anti-Deutschen bei 16 Prozent der befragten Polen. Sie rechnet damit, dass dieser Wert wieder steigen könnte.

Gerade viele junge Polen, die zuletzt keine Meinung zum deutsch-polnischen Verhältnis hatten, ließen sich von der Propaganda der nationalkonservativen Partei Prawo i Sprawiedliwość (PiS), die seit Oktober 2015 an der Macht ist, beeinflussen: "Die Denkweise der PiS-Regierung: Die Deutschen waren früher die Täter und sie haben sich nicht geändert", sagt Łada.

Hegen die meisten Polen also einen Groll gegen die Deutschen? Ich frage Matthias Kneip, der das Buch "111 Gründe Polen zu lieben" geschrieben hat. "Wenn man nach Polen fährt, nimmt einen der Großteil der Menschen als Gast war", sagt er. Meine Erfahrungen überraschen ihn: "Die junge Generation hat massiv von Deutschland profitiert. Und viele wissen das auch.“

Trotz meiner negativen Erlebnisse muss auch ich sagen: Ja, die meisten Polen sind freundlich zu mir. Ich würde mich sofort wieder für ein Erasmus-Semester in Warschau entscheiden. Vielleicht gerade, weil die Anti-Deutschen-Thesen eine Herausforderung für mich sind.

Natürlich haben wir eine schreckliche Vergangenheit, mit der es umzugehen gilt. Aber wir jungen Deutschen sind nicht selbst zu Tätern geworden und ich möchte mit meinem Auftreten in Polen zum Prozess des Umdenkens beitragen.

Die Deutsche Zentrale für Tourismus, die im Auftrag der Bundesregierung Deutschland bewirbt, macht es gerade mit einem Werbe-Trailer in der Warschauer U-Bahn vor. Der kleine Film endet mit der Aufforderung: "Change your perspective".

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