Paul ist 29, geboren in der Lüneburger Heide, nun Wahlberliner und derzeit Journalist auf "Ostwalz", so nennt er sein Projekt: Sieben Wochen wandert er durch die ehemalige DDR und will Geschichten von Menschen sammeln.

Sarah ist nur zwei Monate älter, im Erzgebirge geboren, lebt in Chemnitz und ärgert sich oft darüber, wie über "den Osten" geredet wird. Und nun kommt auch noch Paul. Ihre Gefühle zu seinem Projekt: gemischt. 

Wir haben die beiden zusammengebracht, um sie diskutieren zu lassen. 

Sarah und Paul begegnen sich zum ersten Mal in der Sitzecke von Radio T, ein kleiner, nicht-kommerzieller Chemnitzer Radiosender. Sarah kennt hier alle mit Namen, seit Studi-Zeiten macht sie mit. Zur Begrüßung umarmt sie Paul und serviert Bier.

Danach geht es schnell raus aus der Komfort-Zone …

Sarah: Als ich von deiner Ostwalz hörte, dachte ich: 'Oh ne, noch so einer.' Und: 

„Du musst doch spinnen, als Westdeutscher, dass du hier herkommst, um uns zu beobachten wie im Zoo.“
Sarah

Paul: Du bist nicht die Erste, die das sagt.

Sarah: Als ich später deinen Blog gelesen habe, ist mir bewusst geworden, dass ich über Westdeutschland auch nicht so viel weiß. Du bist der zweite Mensch aus Niedersachsen, den ich kennenlerne.

Paul: Und ich weiß von Chemnitz nur, was in den Nachrichten lief. Und kenne Trettmann und Kraftklub. 

Sarah: Ich werde ständig gefragt, wie ich es in Chemnitz aushalte. Leute aus der hiesigen Kultur wie Kraftklub müssen dauernd Statements abgeben, wie schlimm es hier ist oder eben doch nicht. Das nervt. Aktuell macht wieder eine überregionale Zeitung eine "Reise durch Ostdeutschland", um zu gucken, wie wir hausen. Was machst du anders? Und hättest du die Ostwalz gemacht, wenn es medial nicht so brennen würde?

Sarah schaut Paul direkt in die Augen. Die Antwort ist ihr wichtig. Paul überlegt eine Sekunde. Bevor er etwas sagt, schiebt Sarah noch schnell ein "Ehrlich?" an ihre Frage.

Die Atmosphäre ist spannungsgeladen, ernsthaft. Man merkt den beiden an, dass sie ehrliches Interesse am jeweils anderen haben. Aber da ist auch Skepsis, vor allem bei Sarah.

Paul: Als ich mir die Reise überlegt habe, da wusste ich natürlich, dass Landtagswahlen anstehen. 

„Mit der Safari-Kritik trefft ihr einen Punkt.“

Aber ich bin nicht hier, um der große Osterklärer zu werden. Ich geh offen hin und lasse mich treiben.  Ich fahre einfach durch die Gegend und höre zu. 

Sarah: Was interessiert dich denn so an den Ostdeutschen? Interessierst du dich genau so für deine eigene Heimat?

Paul: Ich habe mich nie westdeutsch gefühlt. Bis ich "Gundermann" im Kino gesehen habe, auch das alltägliche Leben zu DDR-Zeiten. Seither frage ich mich: Was macht mich westdeutsch, was macht den Osten ostdeutsch? Vorher hat Ostdeutschland überhaupt keine Rolle in meinem Leben gespielt. 

Sarah: Wir sind beide 29. Eigentlich betrifft uns das marginal. Aber ich bin in dem Bewusstsein aufgewachsen, ein Ostkind zu sein. Ich komme aus dem Erzgebirge, einer Region mit viel Stolz, mit Bergmannsumzügen, Traditionszeug. Das wird an die nächste Generation weitergegeben. Dass meine Eltern anders aufgewachsen sind als ich, war oft Thema. 

In meinem Umfeld gibt es viele Menschen, die durch die Wende ihren Beruf verloren haben, diese Brüche in der Biographie sind omnipräsent. Selbst in der Schule, weil die Lehrer zwangsläufig aus dieser Generation kamen.

Paul: Wir haben nie über uns als Westdeutsche geredet, wir haben nie über den Osten geredet. Der Bruch durch die Wende, wie krass der eigentlich war, ist mir jetzt erst bewusst geworden. Was für ein Riesenunterschied zwischen Ost- und Westdeutschen!

Sarah nickt. Ein Unterschied, der ihr bereits bewusst ist, schon immer bewusst war. Sie ist aufgewachsen in einer Gesellschaft, die sich zu "den Wessis" abgrenzte. Während Paul unter Menschen Kindheit und Jugend verbrachte, denen "die Ossis" relativ egal waren.

Sarah: Dieses Ostdeutsche, dieser Hang zum Sozialismus, dass es ein anderes System als das heutige gab, andere Nahrungsmittel, die Idee des Kollektivs – das kriegst du schon als Kind mit. Was sind deine Lieblingskinderbücher, Paul?

Paul: Momo, die Brüder Löwenherz und der Räuber Hotzenplotz.

Sarah: Ah, Räuber Hotzenplotz, der Autor Otfried Preußler ist ja auch irgendwie ostdeutsch, er ist in der Lausitz aufgewachsen.

Paul: Wusste ich nicht, echt?

Sarah: Ja. Meine Lieblingsbücher waren die Bücher von Alexander Wolkow, beispielsweise "Der Zauberer der Smaragdenstadt". Das hat mich und mein Umfeld geprägt. Die Kinder lesen sie bis heute. Die kennt ihr gar nicht!

Sarah und Paul holen sich eine Pizza  und schlendern den Brühl entlang. “Ein bißchen Ostromantik“, sagt Sarah lakonisch. Der Brühl war ein Vorzeige-Boulevard zu DDR-Zeiten. Dann Wende. Leerstand. Verfall. Seit ungefähr fünf Jahren tröpfchenweise Zuzug. Sarah ist Mitglied der "Brühlpioniere", einer kleinen Genossenschaft, und hat sich ihre Wohnung selbst ausgebaut.  Die Stimmung zwischen Sarah und Paul wird immer lockerer.

Paul: Sarah, ich finde es toll, dass du mir solche Fragen stellst. Ich war letzte Woche in Görlitz und hab in einem linken Jugendzentrum gepennt. Da hätte ich kritische Fragen erwartet. Stattdessen sagten alle: 'Cool, dass du hier bist, dass endlich mal einer fragt, was die Leute vor der Wende gemacht haben.'

Sarah: Naja, um mal polemisch zu fragen: Ist das denn so spannend? Was der Müller Klaus vor der Wende gemacht hat? Ich meine, im Zweifel war das einfach nur Alltag.

Paul: Ich finde es wichtig, Menschen in abgelegeneren Gebieten eine Stimme zu geben. Warum reden alle nur über Pegida, wenn es um Ostdeutschland geht? Weil sie so laut sind.

Sarah: Genau – und weil sie glauben, nicht gehört zu werden.

Paul: Viele Leute glauben das. Doch nicht alle rasten aus. Ein Vorurteil von mir war, dass ich dachte, alle hier reden über Pegida, Migration, die AfD, Asylbewerber. Das stimmt nicht. Sie erzählen mir von ihrem Wohngebiet, in dem es keinen Treffpunkt mehr gibt, Alltäglichem, der Wende. Ich finde schon, dass jeder eine Berechtigung hat, gehört zu werden, gerade die Wendegeschichten. Ich finde das relevant.

Sarah: Ich glaube tatsächlich, dass es für Ostdeutsche weniger relevant ist als für Westdeutsche. Wir kennen die Geschichten. Ihr offenbar nicht.

Paul: Vielleicht ist meine Ostwalz dann keine so schlechte Idee. 

Ein Thema kam bisher nur am Rand auf: Der große Erfolg der AfD. Die Präsenz rechter Gruppierungen in Sachsen. Was denkt Paul als Westdeutscher darüber? Zuerst zögert er.

Paul: Rechte und die AfD, deshalb bin ich nicht hergekommen. Ich glaube nicht, dass es ein speziell ostdeutsches Problem ist. Eines ist mir aber in Gesprächen in Brandenburg und Sachsen aufgefallen. Irgendeiner sagt: 'Ja, die scheiß Asylanten.' Und niemand in der Runde widerspricht. Warum?

Sarah: Es gibt Unterschiede. In Nazi-Klamottenmarken kannst du in Chemnitz unbehelligt herumlaufen. In Göttingen oder Heidelberg hast du eine Zivilgesellschaft, die das sanktioniert. Da hast du, Paul, eine sehr privilegierte Perspektive.

Paul: Ich finde, es gibt eine Pflicht einzuschreiten. Ich komme vom Land und in meiner Jugend waren so einige rassistisch. Ich habe viel Zeit damit verbracht, mit ihnen zu diskutieren.

Sarah: Würdest du als Journalist einschreiten?

Paul: Nein, aber dokumentieren.

Sarah: Und dann?

Paul: Dann steht es irgendwo, man muss sich dafür rechtfertigen.

Sarah: Aber wenn Konsens ist, dass rechte Aussagen für gut befunden werden, dann lesen die Leute das in der Zeitung und sehen sich bestätigt. Die denken: 'Guck, der sagts doch auch.' Ich kenne genug Leute, deren Kollegen rechtes Gedankengut äußern, die aber nicht dagegen halten können, weil die anderen in der absoluten Mehrheit sind! 

Es ist ein riesiger Unterschied, links und progressiv in einer Region zu sein, in der du damit die Norm erfüllst. Hier musst du damit rechnen, sozial sanktioniert zu werden, verbal und mit Gewalt.

Paul: Krass.

Fast drei Stunden haben sich Sarah und Paul unterhalten, haben gestritten, Bier getrunken, gelacht. Unter den Laternen im Brühl umarmen sie sich zum Abschied. "Wir hören voneinander!" 


Fühlen

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