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Und warum Chancengleichheit nicht nur ein sozialer, sondern auch ein zutiefst liberaler Gedanke ist.

Chancengleichheit und Gerechtigkeit sind große Worte. Politikerinnen und Politiker verwenden sie gerne, wenn sie als besonders fair und verständnisvoll rüberkommen wollen, fast im gleichen Atemzug aber Umverteilung gegen Armut ablehnen. 

Die FDP etwa forderte in der Vergangenheit "Chancengerechtigkeit statt Umverteilung", Parteichef Christian Lindner sagte: "Die Ungleichheit in Deutschland, die mich beschwert, das ist die Ungleichheit der Chancen. Die eigentliche soziale Frage ist deshalb die Bildung." (FR

Wichtig sei doch, dass alle die gleichen Chancen hätten, heißt es in solchen Reden immer. Chancen, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Hautfarbe. Was Menschen dann daraus machten, das sei ja ihnen überlassen. In Deutschland gebe es gute Schulen, solide Krankenversicherung und im internationalen Vergleich günstige Unis für jeden. 

Und es stimmt: Die Ausgangslage ist prinzipiell gut. 

Nach oben schaffen es trotzdem wenige. 

Denn die größten Faktoren für Chancenungleichheit und Ungerechtigkeit sind solche, die Individuen nicht beeinflussen können: 

  • Unser Wirtschaftssystem, das im Sinne des Wachstums oft entweder Produkte teurer macht oder an Löhnen oder Arbeitsplätzen spart. Oder alles zusammen.  
  • Die damit verbundenen, steigenden Lebenshaltungskosten, die heute selbst für Menschen mit Hochschulbildung immer stärker das Sparen unmöglich machen. (bento)
  • Und vor allem: Einkommen und Besitz der Eltern. 

Sozialer Aufstieg, Wohlstand, Wohneigentum – das sind Träume, die immer weniger Menschen zur Realität machen können. 

Der Wohlstand ist in Deutschland nicht weniger geworden, er wurde nur schlecht verteilt. Der Umverteilungsbericht des DGB von 2018 zeigt: Die reichsten zehn Prozent der Deutschen kontrollieren zwei Drittel des gesamten Nettovermögens, das oberste Prozent allein die Hälfte davon. (bento) Das restliche Drittel des Nettovermögens müssen sich die anderen 72.000.000 Deutschen teilen. 

Wer wenig Einkommen hat, kann wegen der steigenden Kosten naturgemäß nichts zurücklegen. Miete und Schuldzins dezimieren das Gehalt schon lange vor Monatsende. Die Schere zwischen Arm und Reich geht hierzulande daher immer weiter auf, trotz des vergangenen "goldenen Jahrzehnts" der Wirtschaft. Etwa 13 Millionen Deutsche sind laut Paritätischem Wohlfahrtsverband extrem armutsgefährdet. (SPIEGEL ONLINE) Gerade junge Menschen werden aktuell aus der Mittelschicht nach unten gedrängt. (bento

Anders ist es, wenn man reiche Eltern hatte. 

Stefan Quandt und Susanne Klatten etwa, beide Großaktionäre bei BMW, haben 2018 in jeder halben Stunde mehr verdient, als ein Polizist im ganzen Jahr bekommt. (taz) Nur, dass sie sich im Gegenzug zu den Beamten dafür nicht mit Steinen von Kapitalismuskritikern bewerfen lassen mussten – sondern einfach die richtigen Eltern hatten. Sie haben geerbt. 

Manche würden sagen, sie lassen nun "ihr Geld für sich arbeiten". Das ist aber falsch. Sie lassen andere für sich arbeiten, die weniger Geld haben: Aus ihrem Aktienpaket entsteht ohne jegliche Arbeit Einkommen, das andere – mit weniger Besitz – durch deren Arbeit für das Unternehmen erwirtschaften. 

Man kann, so wie Juso-Chef Kevin Kühnert aktuell, die Fairness dieser Praxis in Frage stellen. (bento)

Amerikanische Philosophen befürchten schon, dass arme Menschen auf die Idee kommen könnten, die Besitzverhältnisse infrage zu stellen. (hpd)

Man könnte tatsächlich noch weiter gehen als Kühnert und kritisch nachfragen, ob massiver und geerbter Besitz nicht sogar zutiefst unmoralisch sind. Wie kann man es verantworten, Geld einfach nur zu horten, wenn im selben Ort Kinder unter Hunger leiden? Wie moralisch ist es, wenn man allein durch großen Besitz dazu in der Lage ist, armen Rentnern ohne Besitz die Mietwohnung wegzunehmen – oder zumindest deutlich teurer zu machen? 

Man muss kein Kommunist sein, um das zu begreifen. Chancengleichheit ist nicht nur ein sozialer, sondern auch ein zutiefst liberaler Gedanke. Dabei geht es darum, Menschen zu motivieren: Niemand soll etwas einfach geschenkt oder als Hindernis in den Weg gelegt bekommen, das ihn vom Entfalten seiner Kreativität, seiner Leistungsfähigkeit und seiner Arbeitskraft abhält. 

Denn genau wie geerbte Armut tut geerbter Besitz genau das: Egal, ob in Form von Kapital, Immobilien oder Firmenanteilen, hindert er einen daran, sich selbst etwas aufbauen zu müssen – weil man schon ab der Geburt alles hat. Wahrer Wettbewerb sieht anders aus. Das Argument, das Liberale und Konservative oft gegen höhere staatliche Hilfen für Arbeitslose anbringen, funktioniert also auch beim Erbe. Viele Ökonomen sehen das genauso. (Sueddeutsche)

Das Erbe aller auf alle Landeskinder in der nachfolgenden Generation zu verteilen, als kreatives Startbudget oder Grundsicherung, wäre eine denkbare Alternative. 

Eine hundertprozentige Erbschaftsteuer wäre ein radikaler Schritt der Umverteilung. 

Bestehendes Kapital könnte in Fonds eingezahlt werden (Sueddeutsche), Ländereien und Immobilien würden der Gesellschaft zur Verfügung gestellt. Ganz neu ist das nicht: Auch heute wird schon munter enteignet. Mit einem Unterschied: Es geschieht meist nicht im Sinne der Armen, sondern im Sinne der Unternehmen. Etwa, wenn Autobahnen gebaut oder Kohle ausgebuddelt werden soll. Immerhin bekommen die Enteigneten Ausgleichzahlungen. (Twitter)

Vereinfacht ausgedrückt wäre es bei einer 100-Prozent-Erbschaftssteuer ein bisschen wie bei "Monopoly" oder "Hotel": Wer aus dem Spiel ausscheidet, muss alle Besitztümer zurück auf den Markt geben. Je nach politischer Einstellung mag man das dystopisch oder utopisch finden. 

Die Steuer würde aber dafür sorgen, dass wirklich jeder dafür arbeiten müsste, um mit einer Yacht durch die Karibik zu düsen. Alle Kinder hätten die gleiche Chance. 

Und müssten sich nicht auf der Arbeit anderer ausruhen.


Fühlen

Schreib! Mich! An!
Für 10 Cent pro Nachricht chattet Leonie, 22, mit fremden Männern.

Sonntagvormittag im Café. Ich freue mich über den Platz mit dem Rücken zur Wand: So kann niemand im Vorbeigehen einen Blick auf meinen Laptop werfen, auf dem ich gerade ein Foto von einem steifen Penis öffne. Und es wieder schließe.

Stattdessen konzentriere ich mich auf die Nachricht daneben:

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