Bild: imago

Die neuen Rechten tragen nicht Bomberjacke und Glatze, sondern Hemd und Anzug. Sie schwärmen nicht von Adolf Hitler, stattdessen wollen sie stolz sein auf eine "christlich-jüdische abendländische Tradition". Sie geben sich bürgerlich, präsentieren sich als voll integrierte Menschen aus der Mitte der Gesellschaft und wollen ihre rechtsradikale Ideologie in den Mainstream tragen.

Die neuen Rechten lassen sich in Ämter wählen, übernehmen Posten, stellen Gleichgesinnte an, produzieren alternative Medien und bauen so ein Netzwerk auf. Die Verbindungen der Szene reichen über die AfD bis in den Bundestag. 

Wie weit das Netz der neuen Rechten schon reicht – und wie sich die Szene finanziert – haben die Journalisten Christian Fuchs und Paul Middelhoff recherchiert.

Drei Jahre haben sie neurechten Denkfabriken nachgespürt und den Menschen, die das alles finanzieren. "Das Netzwerk der Neuen Rechten" heißt ihr Buch. Schon vor der Veröffentlichung am 11. März sorgte es für Unruhe in der Szene – bis hin zu unverhohlenen Drohungen gegen die beiden Autoren. Offenbar gefällt den neuen Rechten nicht, dass ihre Methoden und ihre Verbindungen transparent gemacht werden.

Zum Buch

"Das Netzwerk der Neuen Rechten" von Christian Fuchs und Paul Middelhoff. 🛒 Hier auf Amazon kaufen.

Affiliate-Link: Wenn jemand auf einen Link in diesem Kasten klickt und das Produkt in dem Online-Shop tatsächlich kauft, bekommen wir in manchen Fällen eine Provision. Produktbesprechungen erfolgen jedoch rein redaktionell und unabhängig.

Die neuen Rechten versuchen mit eigenen Medien, den Mainstream gegen Minderheiten und insbesondere den Islam in Stellung zu bringen. Beiträge von Szene-Publikationen werden zehntausendfach im Netz geteilt: Verdrehte Nachrichten, aus dem Kontext gerissen und aufgebauscht. Es gibt rechte Blogs, die auf Facebook und Twitter so erfolgreich wie "Süddeutsche Zeitung" oder Tagesschau sind. Was in solchen Postings behauptet wird, findet sich später in Bundestagsreden oder auf Plakaten auf Demonstrationen wieder.

"Für die Frisörin"

Eines der bekanntesten Medien der Neuen Rechten ist das "Compact"-Magazin von Jürgen Elsässer. In vielen Supermärkten liegt es in der Zeitschriftenabteilung aus – und es gilt als Sprachrohr von AfD und Pegida. Elsässer positioniere seine Zeitschrift nach eigenem Bekunden eher "für die Frisörin als den Akademiker", sagt Paul Middelhoff. 

Jürgen Elsässer sieht sich selbst gerne als der deutsche Stephen Bannon. Ganz so weit ist es mit dem Einfluss dann doch noch nicht: Bannon gilt als Vordenker der amerikanischen Rechten und schaffte es mit Donald Trump zeitweise bis ins Weiße Haus, als sein Chefstratege (SPIEGEL). Mit ihm haben sie für das Buch auch gesprochen.

Interessant findet Middelhoff die personelle Verflechtung: Sozusagen das Gegenmodell der "Compact" ist "Sezession" von Götz Kubitschek, herausgegeben von der neurechten Denkfabrik "Institut für Staatspolitik". "Ein sehr akademisches Blatt mit langen Texten", beschreibt es Middelhoff. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten mit "Compact": "Götz Kubitschek und Jürgen Elsässer haben zum Beispiel den Verein 'Ein Prozent' mitgegründet, der heute rechte Kampagnen und Organisationen finanziert", sagt Middelhoff.

Arm in Arm bei einer Blockade der Identitären Bewegung: Jürgen Elsässer und Götz Kubtischek.

(Bild: Bernd von Jutrczenka / dpa)

Millionen für rechte Organisationen

Solche Verflechtungen haben Middelhoff und Fuchs an mehreren Stellen gefunden: In der Pressestelle der AfD im Bundestag, schreiben die beiden, sitzen ehemalige Redakteure und Autoren der "Jungen Freiheit", ebenfalls einem Sprachrohr der Neuen Rechten. "Junge Freiheit"-Autor Karlheinz Weißmann gründete einst gemeinsam mit Götz Kubitschek das "Institut für Staatspolitik". 

Magazine wie "Compact" und "Sezession" hätten stabile Abonnenten-Zahlen und könnten sich wohl ganz gut halten. Die Website "Jouwatch" hingegen erhält auch finanzielle Unterstützung vom amerikanischen "Middle East Forum". Dieser Thinktank habe laut den beiden ein Budget von jährlich 5,5 Millionen Euro und unterstützt damit rechte Organisationen. 

Solche Geldgeber gibt es auch in Deutschland, sagt Middelhoff: Helmut E. sei einer von ihnen – er hat die "Titurel-Stiftung" ins Leben gerufen. Und die spendete für ein Buchprojekt von Götz Kubitschek. "So fließt das Geld durch die Szene zu Projekten, von denen diese wohlhabenden Gönner meinen, dass sie ihrer Sache dienen", fasst Middelhoff zusammen.

Drohung mit Privatadressen

Die rechten Medienmacher wehren sich gegen die Veröffentlichungen in dem Buch. Als Anlass nehmen sie insbesondere eine Deutschlandkarte, welche die Verflechtungen in der rechten Szene zeigt. Auf "Jouwatch" wird sie "Stasi-Karte" genannt, auf dem Blog "Philosophia Perennis" steht, man könne auf der Karte fast den Eingang der "Redaktionsräume" sehen – weshalb die Leserinnen und Leser gefragt werden, ob man nicht auch die Privatadressen von Christian Fuchs und Paul Middelhoff veröffentlichen solle. 

Nur: Anhand der Deutschlandkarte über die Neuen Rechten lässt sich nicht einmal erkennen, in welcher Berliner Straße die neuen Rechten arbeiten. Die tatsächliche Adresse findet sich lediglich im gesetzlich vorgeschriebenen Impressum von "Philosophia Perennis".

Angestachelt von den rechten Medien erleben die Autoren seit der Veröffentlichung ihres Buches massive Anfeindungen im Internet. "Das hat Christian Fuchs schon im vergangenen Jahr erleben müssen. Da hatte ein Befehlshaber einer Troll-Armee den Befehl gegeben hat, einen Shitstorm gegen ihn zu fahren.", sagt Middelhoff. "So etwas Ähnliches erleben wir jetzt auch."

Die Attacken auf die Privatsphäre finden die Autoren hochproblematisch: "Das zeigt, wie dysfunktinoal der politische Diskurs in diesen Teilen des Netzes ist – und wohl auch in Teilen der analogen Gesellschaft." Denn auch wenn der Verfassungsschutz mittlerweile genauer hinschaut und den AfD-Nachwuchs zum "Verdachtsfall" erklärt hat, geben sie keine Entwarnung. Im Gegenteil: Die Szene sei "kein kurzfristiges Phänomen". Zu erfolgreich sei die AfD bei Wahlen, zu gut vernetzt die Protagonisten des Milieus.

bento per WhatsApp oder Telegram


Gerechtigkeit

Liebe Junge Union, ihr wollt der "Stachel im Fleisch der CDU" sein – wo bleibt ihr bei Artikel 13?

Am Dienstag wird im Europaparlament über ein neues Urheberrecht abgestimmt. Dann wird sich entscheiden, ob als Konsequenz Uploadfilter kommen – oder ob die Proteste gegen "Artikel 13" mit mehr als 150.000 Teilnehmenden am Samstag die Abgeordneten am Ende doch umstimmen.

Selbst Kreative, die eigentlich von der Reform profitieren und vor großen Internetkonzernen geschützt werden sollten, haben inzwischen gemerkt: Das Vorhaben ist vor allem ein riesiges Geschenk an Unternehmen, die über Verwertungsgesellschaften kräftig mitverdienen sollen. Die Künstlerinnen und Künstler selbst würden durch die Richtlinie nicht automatisch besser entlohnt. (SPIEGEL ONLINE)

Lena Meyer-Landruth, die als Unterstützerin angeführt wurde, distanzierte sich inzwischen von "Artikel 13":