Bild: Grüne Jugend
Ricarda, 20, kommt aus der Lausitz – und will ihre Heimat nicht den Rechten überlassen.

Braunkohle ist ein wichtiger Energieträger – aber ein schmutziger. Rund ein Drittel der Stromversorgung in Deutschland kommt immer noch aus Braun- und Steinkohle (AG Energiebilanz). Abbau und Verbrennung der Kohle schaden dem Klima, die Bundesregierung hat daher den Ausstieg aus der Kohleverstromung beschlossen. Allerdings erst bis 2038.  

Klimaschützern reicht das nicht: Wenn man die Erderwärmung aufhalten will, muss der Kohleausstieg schneller und radikaler vollzogen werden, sagen sie. Allerdings hängen an vielen Tagebauen und Kohlekraftwerken Arbeitsplätze. Kraftwerke zu schließen, sorge nur für neue Probleme, sagen Befürworter der Kohleindustrie.

Der Streit um den Kohleausstieg wird kaum an einem Ort in Deutschland so lebendig ausgefochten wie in der Lausitz – nun wollen Mitglieder von "Ende Gelände" eine Lösung erzwingen.

Für das Wochenende haben sie Dutzende Proteste angekündigt. Allein im Lausitzer Revier sind mehr als 20 Mahnwachen und Versammlungen angemeldet. Auch im Leipziger Revier wollen Klimaaktivisten mit Mahnwachen, Menschenketten und Blockaden protestieren. Die Kohlegegner versprechen einen friedlichen Protest, sie wollen mit zivilem Ungehorsam den Betrieb lahmlegen. (SPIEGEL)

Gegner von "Ende Gelände" bezeichnen die Aktivistinnen und Aktivisten als "Linksextremisten" und werfen ihnen vor, von außerhalb anzureisen, um in der Lausitz Stunk zu machen. Aber ganz so einfach ist es nicht. 

Ricarda Budke, 20, ist bei den Protesten dabei – und stammt selbst aus der Region. 

Ricarda Budke engagiert sich bei der Grünen Jugend in Brandenburg und bei "Ende Gelände".

(Bild: BTU Cottbus)

Im Interview spricht die Cottbusserin über lokale Deutungshoheiten und ihre Zukunftsvision für die Lausitz.

bento: Ricarda, wo erwischen wir dich gerade?

Ricarda Budke: Ich bin gerade bei einer Schienenblockade in Koppatz, südlich von Cottbus. Hier fahren normalerweise die Kohlezüge zum Kraftwerk Jänschwalde – dass sie rollen, verhindern wir gerade.

bento: Und warum?

Ricarda: Ich finde es wichtig, für den Klimaschutz auf die Straße zu gehen. Unsere Zukunft hängt davon ab, wie wir mit der Klimakrise umgehen. Allerdings scheint sich die Bundesregierung für Protest nicht mehr groß zu interessieren: 

„Obwohl Hunderttausende seit mehr als einem Jahr bei "Fridays for Future" mitlaufen, wurde das groß angekündigte Klimapaket nur ein Päckchen.“

Also glaube ich, demonstrieren reicht nicht – ziviler Ungehorsam wird nötig.

bento: Was genau fordert ihr?

Ricarda: Wir brauchen den Kohleausstieg, schnellstmöglich. Wir müssen jetzt aber unbedingt darüber reden, wie eine Lausitz ohne Braunkohleverstromung aussehen kann.

bento: Von den Kumpeln, die in der Lausitz arbeiten, kommt der Vorwurf, ihr seid "Demotouristen" von außerhalb und sollt aufhören, für ihre Belange zu sprechen – oder über die Zukunft der Lausitz zu bestimmen.

Ricarda: Das ist Quatsch. Ich komme selbst aus Cottbus, genauso wie viele Aktvistinnen und Aktivisten aus Cottbus oder anderen Orten der Lausitz kommen. Außerdem betrifft die Klimakrise, mitverursacht durch die Lausitzer Braunkohle, die ganze Welt. Da haben alle das Recht mitzureden. 

bento: Auf der Gegenseite stehen heute Pro-Kohle-Aktivisten, aber auch rechte Bündnisse wie "Zukunft Heimat". Kommt ihr mit denen ins Gespräch?

Ricarda: Na ja, mit Rechtsextremen rede ich ungern über den Strukturwandel in der Lausitz – da habe ich das Gefühl, wir müssten erst mal über Grundsätzlicheres reden. Aber mit den anderen rede ich natürlich! 

bento: Und wie reagieren die?

Ricarda: Unterschiedlich. Ich habe Bekannte, die bei der LEAG arbeiten, dem großen Energieunternehmen hier. Manche denken, es geht mir nur um das Kohleaus und ich interessiere mich nicht für das Danach. Aber mit anderen kann ich ganz gut darüber reden, wie wir uns die Lausitz in ein paar Jahren vorstellen. 

„Wir sind uns einig, dass es mit der Kohle sowieso zuende geht – und wir nur gemeinsam Lösungen finden, wie es weitergeht.“

bento: Wie ginge es denn deiner Meinung nach weiter?

Ricarda: Die Lausitz muss attraktiv werden, damit sich hier neue Unternehmen ansiedeln und es auch künftig Jobs gibt. Da muss die Politik erst mal mit Grundlegendem helfen: Wir haben hier einen sehr miesen Handyempfang und die Bahnverbindungen sind auch übel.

bento: Wie übel denn?

Ricarda: Nach Berlin fahren von Cottbus tagsüber noch regelmäßig Züge, aber fast immer überfüllt, nachts kommt man nicht mehr weg. Und die Verbindungen nach Leipzig oder Dresden sind grundsätzlich schlecht. Nach Dresden, eigentlich um die Ecke, braucht man mit dem Zug fast zwei Stunden. 

bento: Und falls das alles besser wird: Für welche Industrie wird die Lausitz dann bekannt?

Ricarda: Wir dürfen uns nicht auf nur eine Großindustrie konzentrieren, sondern müssen uns breit aufstellen. Aber ich persönlich würde mir wünschen, dass die Lausitz unter anderem Energieregion bleibt und die Windenergie ein Standbein wird. Leider schraubt da die Politk gerade zurück. Erst kürzlich sind hier 500 Arbeitsplätze in der Windenergie weggebrochen – nur, dass darüber nicht so heftig diskutiert wird wie über die Arbeitsplätze in der Kohle.


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