Bild: Jan Petter/bento
Mustafa musste Deutschland mit acht Jahren verlassen. Nun will er zurück – als Arbeitskraft

Als Mustafa Krasnic mit seinem silbergrauen Audi 80 um die Kurve fährt, klappert die Beifahrertür des alten Autos, als würde sie gleich aufspringen. “Halt mal bitte” sagt Mustafa in akzentfreiem Deutsch, dann schaltet er zurück in den vierten Gang. Eigentlich wollte der 20-Jährige auf dem Flohmarkt in Nikšić, Montenegro, ein paar gebrauchte Skianzüge verkaufen, doch den ganzen Morgen über hat es pausenlos geregnet. Zwei Stunden Fahrt waren umsonst, Mustafa will nur noch nach Hause.

Eigentlich sollte er hier längst weg sein. Zurück in Deutschland, dem Land, in dem er geboren wurde. Mustafa und seine Familie mussten gehen, als er acht Jahre alt war. Aus einer Kleinstadt bei Tübingen zogen sie an den Rand einer Mülldeponie in Montenegro. 

(Bild: Jan Petter/bento)

Aber jetzt braucht die Bundesrepublik ihn plötzlich. Dringend sogar.

Doch die deutsche Botschaft in der Hauptstadt Podgorica lässt sich Zeit mit dem Visum. Also ist Mustafa weiter mit dem klapprigen Auto seines Vaters unterwegs. Am Horizont drücken sich tief hängende Regenwolken an die dunklen Berge, die Montenegro seinen Namen geben. Montenegro ist ein schönes Land, das wenig Arbeit hat. Wenn Mustafa etwas findet, sind es Gelegenheitsjobs für 10 bis 15 Euro am Tag. Holz hacken, Skianzüge verkaufen, auf Baustellen ackern.

Mustafas Geschichte ist eine Parabel für eine Welt, in der Migration als Makel verstanden wird und zeigt die Widersprüche eines Landes, das auf den Fachkräftemangel zuging und sich trotzdem nicht überwinden konnte, ganz offiziell "Einwanderungsland" sein zu wollen.

Aber Mustafa ist nicht wütend auf Deutschland. Er will arbeiten. Und er hofft, dass die Botschaft ihm bald antwortet. 

1057 Kilometer nordwestlich sitzt Johannes Flothow in Stuttgart an seinem Schreibtisch und hofft dasselbe. Flothow, 66, hat ein weiches, freundliches Gesicht mit weißem Stoppelbart. Auf Fotos trägt er oft eine Fleecejacke über dem Hemd, Flothow ist eigentlich kein Bürotyp. Seit vielen Jahren arbeitet er als Entwicklungshelfer für die Diakonie in Ländern wie Serbien, Russland oder dem Kosovo. Oft trifft er auf junge Menschen, die auf ein besseres Leben warten und nicht wissen, ob sie es noch finden werden.

Seit einiger Zeit führt ihn seine Arbeit ihn auch an prekäre Orte wie Gammertingen oder Freudenstadt – mitten in Baden-Württemberg. 

Viele Alters- und Pflegeheime suchen seit Jahren verzweifelt neue Fachkräfte. Irgendwann kam Flothow die Idee, Arbeitsuchende und Altersheime zusammenzubringen. 

Inzwischen ist es das nach eigenen Angaben größte Projekt in ganz Deutschland, das ausländische Pflegekräfte ausbildet.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte kürzlich eine ähnliche Idee. Im vergangenen Jahr fehlten deutschlandweit mehr als 40.000 Pflegerinnen und Pfleger. Bis Stellen für Altenpflegefachkräfte besetzt waren, dauerte es laut Bundesagentur für Arbeit im Schnitt 183 Tage. Doch junge Deutsche haben kaum Interesse an den Jobs. Zu schlecht bezahlt, zu anstrengend, zu undankbar. So sehen es viele. Die Bezahlung wurde inzwischen verbessert, doch die Lücke bleibt. 

Seit Monaten wirbt Spahn deshalb um junge Pflegekräfte aus dem Ausland.  Das im Sommer beschlossene Fachkräfteeinwanderungsgesetz, mit dem Deutschland offiziell zum Einwanderungsland werden soll, tritt erst im nächsten März in Kraft. Noch immer wird darüber gestritten, ob es überhaupt ausreicht. 

Johannes Flothow ist schon einige Schritt weiter, sein Programm läuft seit fünf Jahren. Die erste Generation an Auszubildenden arbeitet längst in den Heimen. Vor wenigen Wochen kamen 80 weitere junge Menschen vom Balkan nach Baden-Württemberg, um Pflegefachkraft zu werden. Mustafa sollte eigentlich der 81. sein.  

Seine Ausbildung in einem evangelischen Pflegeheim in Tübingen sollte schon Anfang Oktober beginnen. Stattdessen sitzt Mustafa seit Wochen in der engen Zwei-Zimmer-Wohnung seiner Familie. Die Krasnics leben in Konik, dem Roma-Viertel der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica. Auch die Familie gehört der Minderheit an. 

(Bild: Jan Petter/bento)

Wenn Mustafa auf die unverputzte Beton-Veranda geht, kann er den Rauch der nah gelegenen Deponie gut sehen. Es riecht nach Plastik und Dreck, vor den Müllbergen grasen ein paar Kühe auf einer verschlammten Wiese. Die  Häuser sind oft einstöckig, viele Menschen heizen mit Holzöfen. Die Gegend ist arm. 

Mustafa holt ein altes Handy aus der Tasche seines roten Trainingsanzugs. Auf dem zersprungenen Display erscheinen vier Felder. Es ist das Ergebnis seines Deutschtests. Er tippt auf den Bildschirm: Er war in allen vier Kategorien gut, beim Hörverständnis hatte er 97 Prozent richtig.

(Bild: Jan Petter/bento)

Kein Wunder – bis heute spricht seine Familie zu Hause die Sprache seines Geburtslandes. Mustafas Eltern kamen als Jugendliche in die Bundesrepublik, als Flüchtlinge vor den Jugoslawien-Kriegen. Die Mutter aus Bosnien, der Vater aus Montenegro. Beide Roma. Erst in Deutschland lernten sie sich kennen. Mustafa kam 1999 in Tübingen zur Welt, zwei Jahre später folgte sein Bruder Anton.

Hätten die Krasnics bleiben können, würde Mustafa heute vielleicht schwäbisch sprechen und noch immer in Mösingen Fußball spielen. “Ich wollte Lehrer oder Polizist werden”, erinnert er sich, während er den Wagen seines Vaters um die Schlaglöcher in Konik lenkt. Doch im März 2008 musste die Familie das Land verlassen. Die Kriege auf dem Balkan waren vorbei, die Geflohenen sollten wieder gehen.

Es war ein einfacher Deal für Bosnien-Herzigowina, Serbien und Montenegro: Studierende, Geschäftsleute und Wissenschaftler durften leichter in die EU reisen, Hunderttausende Flüchtlinge und Asylbewerber mussten zurück. 

Mustafas Familie musste sich entscheiden: Die Kinder waren in Deutschland geboren, die beiden Eltern aus unterschiedlichen Ländern. Schließlich gingen sie dorthin, wo der Vater herkam. Die Ehefrau eines Diakonie-Mitarbeiters half ihnen dabei, die Ausreise zu organisieren. Als sie sich verabschiedeten, machte ihr Mann der Familie Mut: Man sehe sich bestimmt einmal wieder. Der Mann war Johannes Flothow.

In Deutschland, sagt Mustafa, habe er sich nie als Roma gefühlt. In Montenegro landeten sie dort, wo auch die anderen Roma lebten. In Konik, am Rande einer Mülldeponie. Die erste Zeit lebten sie bei den Großeltern in einer einstöckigen Baracke. Inzwischen hat die Familie eine kleine Dachgeschosswohnung.

Vor einem Jahr haben Mustafa und seine Freundin einen Sohn bekommen. Die drei leben jetzt in einem der beiden Zimmer der Wohnung, Mustafas Bruder und die jüngere Schwester im anderen. Die Eltern legen sich abends auf das Sofa im Wohnzimmer. 

(Bild: Jan Petter/bento)

Montenegro gehört bis heute zu den ärmsten Ländern des Balkans. Inzwischen wächst die Wirtschaft langsam, doch die Jugendarbeitslosigkeit liegt nach offiziellen Angaben noch immer bei etwa 30 Prozent (Weltbank). Das gesamte Land hat weniger Einwohner als Stuttgart, für Roma gibt es, das sagt auch die EU, bis heute keinen gleichberechtigten Platz. Roma-Kinder wurden lange Zeit auf Sonderschulen geschickt, viele Familien verzichteten gleich ganz darauf. Ein Teufelskreis, der nur schwer zu durchbrechen ist.

Wer in Deutschland Pflegefachkraft werden will, braucht einen mittleren Schulabschluss, einen Ausbildungsvertrag und einen erfolgreichen Deutschtest auf fortgeschrittenem Niveau.

Mustafa hat alles. Als Erster in seiner Familie und obwohl er die Landessprache in Montenegro erst mit acht Jahren lernte. “Von den anderen Kindern wurde ich Esel genannt, weil ich so groß war und dennoch kein Wort sagen konnte”, erzählt Mustafa heute. Doch er biss sich durch. Als er die mittlere Reife machte, war Mustafa der erste Rom, der den Schulpreis für durchgehend sehr gute Leistungen erhielt. 

Ist es nicht fatal, wenn talentierte junge Menschen wie er jetzt ihr Land verlassen, um Altenpfleger in Süddeutschland zu werden?

Johannes Flothow seufzt, er kann die Frage nicht mehr hören. “Wenn wir hier jedes Jahr 90 arbeitslose junge Leute vom Balkan nach Deutschland in eine Ausbildung bringen, macht das die Wirtschaft nicht kaputt. Es sorgt höchstens dafür, dass diese Menschen eine Zukunft haben”, sagt er am Telefon.

Die 80 Pflege-Azubis, die vor wenigen Wochen nach Baden-Württemberg kamen, haben alle mindestens einen Mittelschulabschluss. Viele haben bereits im Gesundheitsbereich gearbeitet. Sie mussten Deutsch lernen, falls sie es nicht bereits wie Mustafa konnten. Preis: bis zu 1300 Euro. Kein Schnäppchen, aber immer noch weniger, als private Hochschulen und dubiose Ausbildungszentren für einen Abschluss oft verlangen. 

Für Johannes Flothow sind die Sprachkurse vor allem der Nachweis, dass die Beteiligten es ernst meinen. Für ihre Investition erhalten die Auszubildenden später die normale Ausbildungsvergütung, die Diakonie hilft bei der Wohnungssuche und zahlt einen Teil der Sprachkurs-Gebühren zurück.

Sie machen eine Ausbildung, die staatlich anerkannt ist und nach dem Abschluss zur Arbeit in Deutschland berechtigt. Aufenthalt durch Arbeit. Es ist für beide Seiten ein pragmatisches Modell. 

Jens Spahn schwebt etwas anderes vor. Der Gesundheitsminister und viele Einrichtungen würden am liebsten nur fertig ausgebildete Pflegekräfte nach Deutschland holen. 1000 dürfen allein aus dem Kosovo künftig pro Jahr kommen. Dafür sollen private Schulen vor Ort auf deutsche Standards verpflichtet werden. Es ist ein Modell von Arbeitsmigration, bei dem die meisten Risiken im Ausland bleiben und die Bundesrepublik wenig Verpflichtungen eingeht. 

Wenn Mustafa bald aufbricht, würde seine Familie am liebsten mitkommen. 

(Bild: Jan Petter/bento)

Seine Mutter hat den Tisch für das Abendessen großzügig gedeckt. Es gibt Börek mit Hackfleisch und Käse, dazu eine dicke Nudelsuppe und Ayran. Es wirkt gleichzeitig wie ein Festessen für den Besuch aus Deutschland und ein Abschiedsessen für den Sohn. 

"In Tübingen war alles so sauber", schwärmt die Mutter kurze Zeit später im Wohnzimmer. Im Hintergrund läuft lautlos die deutsche Version von “Love Island”. In der Sendung geht es um ein Leben abseits der Wirklichkeit, auf einer Insel mit eigenen Regeln. Den Krasnics würde auch Baden-Württemberg reichen, doch eine gemeinsame Rückkehr dürfte kaum möglich sein. Mustafas Eltern haben keinen Berufsabschluss. Als sie in Deutschland waren, hielten Duldungen, die immer wieder verlängert wurden, Migranten zuverlässig vom Arbeitsmarkt fern. Für Menschen wie die Krasnics war es immer noch angenehmer als in der Heimat. So lief es jahrzehntelang in Deutschland.

Johannes Flothow findet, dass es eine vertane Chance war. Doch von grenzenloser Einwanderungsromantik hält er wenig. Statt zurückzublicken setzt er auf diejenigen, die in den kommenden Jahren gute Chancen haben. Junge Menschen, gut ausgebildete Frauen. 

Den Auszubildenden empfahl er schon vor Monaten, sich im Internet über die neue Umgebung zu informieren. Je mehr Pläne und Ideen es gibt, desto leichter das Ankommen. Ein ehemaliger Auszubildender, der vor fünf Jahren noch kein Deutsch konnte, ist heute Teamleiter, erzählt Flothow. Integration scheint oft auch eine Frage von Träumen zu sein. 

Mustafa fällt es dennoch schwer, seine Familie zu verlassen. Während die Eltern Tübingen gut kennen, ist Deutschland für seine Freundin ein fremdes Land. Sie spricht bisher weder Deutsch noch Englisch. Wenn die Familie erzählt, bleibt sie oft im Hintergrund und kümmert sich um den Sohn. Am liebsten würde Mustafa sie bald nachholen, bei Spaziergängen bringt er ihr seit einigen Monaten bereits Deutsch bei. Eines Tages will Mustafa ihr und seinem Sohn zeigen, wo er aufgewachsen ist. 

Die Liebe, sagt Johannes Flothow, sei für sein Programm neben der Bürokratie die größte Herausforderung.  

Auch Mustafa war dafür bereits in Tübingen. Auf seiner Station arbeiteten Menschen aus fünf verschiedenen Ländern. Noch heute, Wochen später, weiß Mustafa die Namen der älteren Bewohnerinnen auswendig. Obwohl seine Familie ihm fehlte und er es komisch fand, dass so viele deutsche Senioren freiwillig ins Heim gingen, hofft Mustafa, dass es bald wirklich losgeht. 

Wenn das Visum endlich da ist, will er mit dem nächsten Nachtbus nach Tübingen. 24 Stunden Busfahrt, quer durch Europa. Doch wenn er es geschafft hat, ist Mustafa wieder da. Herr Flothow hat bereits angekündigt, dass er ihn abholt. Er braucht ihn.


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