Bild: dpa / Monika Skolimowska
In Deutschland sind Migration und Arbeit schwer voneinander zu trennen. Elmedin fragt sich, was das mit ihm gemacht hat.

Ich merke, dass es heute noch diese Situationen gibt, in denen ich reagieren muss. Es reicht eine plumpe Aussage wie "Diese Ausländer/Migranten/Einwanderer/Flüchtlinge leben doch alle von Sozialleistungen, die liegen dem Staat auf der Tasche" und prompt spüre ich den Drang zu widersprechen. "Das stimmt doch gar nicht" entgegne ich und lege los: 

Ich nenne viele Menschen als Beispiel, angefangen mit der Familie, hin zu Freundeskreis und sonstigen Menschen, die ich kenne und die erwerbstätig sind. Ich zitiere fließbandartig Studien und Statistiken, die eindeutig belegen, dass Menschen mit Migrationsgeschichte dem Staat mehr Steuern einbringen, als sie an Sozialleistungen beziehen. Ich versuche diese Aussage, die rassistische Stereotype bedient, zu widerlegen, weil ich es nicht anders kenne. Ich rechtfertige mich für mein Dasein. 

Nur wenn du Arbeit hast, bist du willkommen

Einfach zu sagen "Hör auf mit solchen rassistischen Äußerungen", das kommt mir nie in den Sinn. Denn migrantisch sein heißt für viele eben auch: Nur wenn du Arbeit hast, darfst du hier sein.

Migration und Arbeit sind seit jeher nicht voneinander zu trennen. Deutschland holte in den 60ern keine Menschen, sondern "Gastarbeiter". Heute werden Einreisebestimmungen für bestimmte, in Deutschland dringend benötigte, Berufe gelockert – nicht für alle. 

Der Gedanke, "nützlich" sein zu müssen, schwebt über allen Menschen mit Migrationsgeschichte, unabhängig vom Herkunftsland, Sprache oder Glaubensrichtung. Denn der Zusammenhang zwischen Migration und Verwertbarkeit ist allgegenwärtig. Dafür genügt ein kurzer Blick auf die geltende Rechtslage. 

Das Aufenthaltsgesetz und Staatsangehörigkeitsgesetz sind abgesehen von einigen Ausnahmefällen davon geprägt, das Bleiberecht, beziehungsweise das Deutschsein, mit dem Lebensunterhalt von Migrantinnen und Migranten zu verknüpfen. 

Kann man seinen Lebensunterhalt nicht selbst sichern, so wird es schwer mit einer Niederlassungserlaubnis. Ist man nicht imstande, sich und seine Angehörigen zu ernähren, so wird es schwer mit der Einbürgerung. Ist der Job jedoch prekär, reicht das Geld gerade so vom Monat zu Monat. Und die Einbürgerung kann ganz schnell 500 Euro oder mehr kosten. Pro Person. Ein Teufelskreis.

Hauptsache, auch Geflüchtete machen sich endlich nützlich

Wie sehr der Gedanke, dass Migranten nützlich sein sollen, auch im täglichen Leben präsent ist, zeigt die aktuelle Spargelernte. Deutschland fliegt mindestens 40.000 Menschen aus Osteuropa ein. Aus einfachem Grund: Sie sind billiger. 

Zum Glück konnten Geflüchtete, die man sonst gerne abschieben würde, nicht dazu verpflichtet werden. Genau das wurde jedoch in Erwägung gezogen (Süddeutsche Zeitung). Bisher waren diese Menschen in der Verwertbarkeitslogik nutzlos. Andere Gründe für ihre Anwesenheit in Deutschland schienen in diesem Augenblick keine Rolle zu spielen. Hauptsache, sie werden produktiv!

Das Prinzip der gelungenen Integration durch Erwerbstätigkeit ist so tief in das kollektive Denken von Menschen mit Migrationsgeschichte eingebrannt, dass die Mutter eines in Hanau Ermordeten in einem Interview sagte, ihr Sohn habe doch eine Ausbildung abgeschlossen und sei nicht arbeitslos gewesen. Eine Mutter, im tiefsten Schmerz über den Verlust ihres Sohnes, rechtfertigt seine Anwesenheit. Sie versucht zu erklären, dass ihr Sohn keiner "von denen" war. 

Bis heute denke ich oft an diesen Satz. Ich frage mich, was es mit Menschen macht, ein Leben lang Projektionsfläche zu sein, den eigenen Nutzen ständig unter Beweis stellen zu müssen. 

Eine Folge davon ist eine Art Überbietungswettbewerb in migrantischen Communities selbst. Wird ein Vorschlag aus der Politik für strenge Restriktionen unterbreitet, melden sich viele Menschen mit Migrationsgeschichte im gleichen Schema zu Wort: "Schaut her, das trifft auf mich nicht zu, ich bin nicht wie die, auf die ihr abzielt.“ Diese Denkweise ist fatal, denn dadurch legitimiert man die Position dieser Politik indirekt:

Studiert, steuerzahlend, kein Sozialleistungsbezug, sich nie was zu Schulden kommen lassen = bleibeberechtigt.  

Sagt jemand, dass Personen aus dem Land XY Sozialleistungen beziehen, springen alle mit Wurzeln in diesem Land auf und wollen das Gegenteil beweisen. Auch ich bin von diesem Denken nicht gänzlich befreit. Und viele andere offenbar auch nicht, selbst, wenn sie es nicht böse meinen.

Warum hat ein großes deutsches Medium nach Hanau 142 Menschen mit Migrationsgeschichte, die tendenziell "es geschafft haben" und der Öffentlichkeit weitgehend bekannt sind, die Plattform gegeben, sich zu Hanau zu äußern? Warum fehlen da der Dönerverkäufer von nebenan, die Kopftuch tragende Krankenschwester oder eben auch die Nachbarsfamilie, die Sozialleistungen bezieht? Ja, ich bediene bewusst diese Klischees! Diese Menschen sind genauso vom Rassismus betroffen, sie dürfen auch hier leben und sein und ihre Stimmen sind mir genauso wichtig. Doch sie gelten nicht als die Gesichter "erfolgreicher Integration". Die Formel der Verwertbarkeit von Migration – auch hier geht sie blendend auf. 

Migranten spielen das Spiel mit

Viele Menschen mit Migrationshintergrund haben sie so verinnerlicht, dass sie die Denkweise auch noch anderen Migranten gegenüber reproduzieren. Das merke ich häufiger in meinem Beruf. Als Jurist in der Antidiskriminerungsarbeit habe ich oft mit Behörden und Institutionen zu tun. Ich freue mich immer, wenn mir Menschen mit Migrationsgeschichte gegenübersitzen. Aber Migrationsgeschichte ist lange keine Garantie dafür, dass jemand diskriminierende Strukturen als solche wahrnimmt oder erkennt. Oft geben sie die Haltung der Behörde wieder und halten sie selbst aufrecht. Klar, um sie einzureißen, müsste man sich in vielen Fällen mit Vorgesetzten anlegen und manchmal die eigene Karriere gefährden.

Die migrantische Community tut sich aber keinen Gefallen damit, das Schema "good migrant, bad migrant" zu bedienen. Migration ist eine Tatsache, die stattfand, stattfindet und stattfinden wird. 

Die Frage ist, wie wir sie gestalten.


Uni und Arbeit

Junge Wissenschaftler suchen nach Corona-Impfstoff: "Wir sind essenziell für Forschungsprojekte"
Vier Doktoranden über ihre Forschungsarbeit in der Coronakrise, Generationenkonflikte und Jobs in der Wissenschaft.

Wenn vier junge Forscherinnen und Forscher in München um ein Telefon im Lautsprecher-Modus sitzen und mit einem Reporter in Hamburg telefonieren, anstatt sich persönlich zu treffen, dann ist Coronakrise. Die vier Doktorandinnen und Doktoranden Alina, 28, Liangliang, 26, Jan Hendrik, 28, und Leonard, 26, sind die jüngsten Mitglieder eines Teams um den Virologen Gerd Sutter, das an der Ludwig-Maximilians-Universität in München an einem Corona-Impfstoff forscht. 

Die Zeit bei der Suche nach einem Impfstoff rennt, die Erwartungen der Gesellschaft an die Wissenschaft sind groß. Vor einigen Wochen wurden in den USA potenzielle Corona-Impfstoffe sogar schon an Menschen getestet. Dass dies ausnahmsweise in einem so frühen Forschungsstadium möglich ist, hat die Weltgesundheitsorganisation WHO Mitte Februar beschlossen (SPIEGEL, €). Auch in Deutschland wurde nun erstmals eine Zulassung für die klinische Prüfung von Corona-Impfstoffen erteilt. Bis feststeht, ob eine Impfung wirklich hilft, wird es Monate dauern (SPIEGEL).

In München tüftelt das Team um die vier jungen Forschenden an einem vektorbasierten Impfstoff gegen das Coronavirus. Dafür wird Viruserbmaterial mithilfe eines anderen Virus in menschliche Zellen eingeschleust. Die Wissenschaftler wollen einen Pocken-Impfstoff als Transportvehikel für Erbmaterial des neuartigen Coronavirus nutzen. Diese Methode haben sie bereits gegen das verwandte Mers-Virus in einer kleineren Studie getestet. (SPIEGEL, €)

Vor Corona gab es kaum öffentliche Aufmerksamkeit für die Virologie. Jetzt, auf der Suche nach einem Impfstoff, steht das Fach plötzlich im Blickpunkt. Wie fühlt sich das für junge Forschende wie Alina, Liangliang, Jan Hendrik und Leonard an? Wir haben mit ihnen über die Arbeit im Labor, Generationenkonflikte und Chancen für die Wissenschaft gesprochen.