Bild: Imago/Chromorange
Warum Netzwerken zwischen Migranten so wichtig ist – und was auch Weiße dabei lernen können.

Wir würdet ihr reagieren, wenn euch eine fremde Person auf Twitter anschreibt und sich urplötzlich treffen möchte? Skeptisch oder doch offen für alles? Mir zumindest kam das sehr suspekt vor und doch habe ich diesen Schritt ins Ungewisse gewagt. Das Resultat: Der Podcast Kanackische Welle, den es ohne Malcolms anfängliche Direktnachricht nicht geben würde.

"Hey cooler Artikel beim BR!", schrieb er damals. Ich hatte kurz zuvor meinen ersten journalistischen Beitrag veröffentlicht. "Danke! Momentan eine Palästina-Flagge in der Bio und BR-Mitarbeiter, wer bist du? Was geht denn ab?", hoffentlich liest man die Verwunderung heraus. Ein medienschaffender Palästinenser in meiner Stadt? WTF! "Hey, ja mache dort bald ein Volo und bin noch freier Mitarbeiter bei Puls". "Ach krass! War als Prakti dort und wir sind uns nie über den Weg gelaufen. :( Voll schade, ein Homie wäre da echt nice gewesen!"

Nach außen Integration – nach innen aber Einsamkeit

Das Gespräch wurde schnell feinfühliger und obwohl es für mich sehr fremd war, einem noch Unbekannten meine emotionalen Narben zu zeigen, spürte ich mein eigenes Verlangen, eine tiefsitzende Leere zu füllen. Denn als Araber in München – und umso mehr beim Bayerischen Rundfunk und anderen Medienhäusern – hatte ich mich daran gewöhnt, nur mit Nicht-Kanaken leben zu müssen. Kein Hate gegen Nicht-Kanaken, wer aber jemals alleine in einer Gruppe war, kennt den Drang, nach Gleichgesinnten zu suchen. 

Kanackische Welle

Im Podcast "Kanackische Welle" sprechen die beiden deutschen Journalisten Marcel Nadim Aburakia (l.) und Malcolm Ohanwe über Probleme und Eigenheiten von kanakischen Communitys in Deutschland. Von Popkultur, Rassismus, religiösen Spannungen über Gender und dem Dasein als Männer of Color. Das alles gibt es mit einem Lächeln und hochkarätigen Gästen wie zum Beispiel der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli oder dem "4 Blocks"-Schauspieler Hassan Akkouch. 

So aber hatte ich eine Fassade aufgebaut, die nach außen hin Integration vorgaukelte, nach innen aber Einsamkeit bedeutete. Zu oft überkam mich das Gefühl, ein missverstandener Fremdkörper zu sein, dessen Themen "nicht so in die Redaktion passen". Damals mein einziger Ausweg: die Antworten weglächeln.

Aufgeweckt durch Malcolms Präsenz und das wohlige Zugehörigkeitsgefühl, wanderte die Entfremdung immer mehr auch in mein Privatleben. Auf mehrheitlich weißen Partys saß ich immer öfter allein in der Ecke und war fehl am Platz. "Jetzt sauf doch mal wie alle anderen hier und sei kein Spaßverderber!", hieß es dann. Dabei ließ sich das Problem nicht in lauwarmem Augustiner-Bier ertränken, auch wenn sich das Tobias, Jonas oder Maximilian oftmals sicher gewünscht hätten. 

Nicht-Kanaken können den Schmerz sehen, aber ihn nicht fühlen

In meiner Welt waren sie die Personae non gratae, denn auch wenn sie den Schmerz sahen, sie konnten ihn nicht fühlen. Auch wenn sie meine Einsamkeit hörten, verstehen konnten sie sie nicht. Frei nach dem Motto "geteiltes Leid ist halbes Leid" erwachte ich bald aus meinem Sunken-Place und meine Toleranz für weißen Einheitsbrei sackte immer mehr dahin. Seitdem wünsche ich mir ausschließlich migrantische Freundinnen und Freunde.

Leider entstehen diese migrantischen Verbindungen oft erst aus der Not und dem Schmerz von Minderheiten: Für viele Schwarze Menschen in Deutschland waren die Black-Lives-Matter-Demonstrationen so ein politisierender Anfang, der ihnen das Gefühl gab, eben doch nicht alleine in ihrem Kampf zu sein. Der Protest inmitten ihrer Peers vermittelte Zugehörigkeit, die sie so in mehrheitlich weißen Spaces selten erleben konnten. 

Vielen Muslimas und Muslimen ging es nach dem schrecklichen Terroranschlag in Hanau ähnlich. Sie fanden den Raum, um als Glaubensgeschwister ihre Ängste zu teilen und sich über anti-muslimischen Rassismus in all seinen hässlichen Facetten auszutauschen (bento). Und für asiatisch- markierte Bürgerinnen und Bürger erreichte der Hass zu Anfang der Corona-Pandemie neue Höhen und es war gleichzeitig eine Zeit, in der die Solidarität der migrantischen Community wohltuend wirkte (bento). 

Für mich stellte sich die Frage: Wo anfangen? Denn wie finde ich Menschen, an denen ich bisher offenbar vorbeigelebt habe?

Vernetzt euch mit anderen migrantischen Communities!

Hilfe kann der Verein neue deutsche organisationen leisten, ein bundesweites Netzwerk von rund 120 Vereinen, Organisationen und Projekten, das sich für mehr Sichtbarkeit, Teilhabe und Chancengerechtigkeit engagiert. Im Einzelnen sind das oft Special Interest – Vereine, wie Each One Teach One (EOTO), der sich für das Empowerment von Schwarzen, Afrikanischen- und Afrodiasporischen einsetzt. Oder Korientation, ein Netzwerk für asiatisch-deutsche Perspektiven. All diese Gruppen sind Safe Spaces, in denen Mitglieder ihre schmerzhaften Erfahrungen als BPoC im Ventil des Kampfes als postmigrantische Bewegung gegen Rassismus rauslassen können. Für Medienschaffende sind die Neuen deutschen Medienmacher*innen Pflicht! Das ist ein bundesweiter Zusammenschluss von Medienschaffenden mit unterschiedlichen kulturellen und sprachlichen Kompetenzen und Wurzeln. Egal ob als Forum für Information und Austausch oder zur gegenseitigen Unterstützung und Förderung, ich ärgere mich sehr, nicht früher auf diese Netzwerke gestoßen zu sein.

Seid euch deshalb nicht zu fein, auch außerhalb eurer direkten migrantischen Community zu suchen. Oft werdet ihr sehen, dass Dynamiken, die euch plagen, übertragbar sind und so einen Austausch schnell zu Wellness für die Seele werden lassen. Teilt eure Marginalisierungserfahrungen, zeigt euch solidarisch und ihr werdet mindestens so viel Liebe zurückbekommen.

Auch nicht-migrantische Menschen müssen hinhören

Seid außerdem sichtbar und bezieht Position in den sozialen Netzwerken. Egal, ob Instagram, Twitter oder berufliche Netzwerke wie Xing oder LinkedIn. Geht proaktiv auf BPoCs in eurer Uni, Schule oder Firma zu, tretet verschiedenen Gruppen auf Facebook bei oder nehmt an speziellen Events wie Reisestipendien teil. Sehr wichtig ist es auch, direkt Kontaktdaten, egal ob Instagram-Handle, Telefonnummer oder Mail-Adresse, auszutauschen. Denn wenn ihr mal ein offenes Ohr braucht, ist das euer Weg aus der Misere.  

Aber das hier soll kein Appell sein, der weiße, nicht-migrantische Menschen nichts angeht. Das Ziel darf keine Parallelwelt werden, in der BPoCs nur noch mit BPoCs abhängen. Nicht-migrantische Menschen müssen lernen, die Ängste und Probleme anderer ernst zu nehmen, dafür Empathie zu entwickeln und ihre eigene Rolle zu reflektieren. Damit am Ende Menschen wie ich auf Partys nicht länger allein rumsitzen müssen.

Für mehr persönliche Geschichten zur Vernetzung als BpoC, hört in die Folge der Kanackischen Welle rein oder einfach in die aktuelle, wo es um Penisse, genauer: um Beschneidung, medizinisch wie theologisch geht.. Hören könnt ihr sie hier.


Fühlen

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