Seit dem 1. August müssen in Polen Menschen unter 26 keine Einkommensteuer mehr zahlen –wer im Jahr weniger als 85.500 Zloty (etwa 20.000 Euro) verdient, ist seitdem von der Steuer befreit (SPIEGEL ONLINE). In Deutschland beträgt die Obergrenze für steuerfreies Einkommen derzeit 9168 Euro für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – während hierzulande die Löhne insgesamt höher sind als in Polen.

Die polnische nationalkonservative Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) möchte mit dem Gesetz die Beschäftigung junger Menschen erhöhen und gleichzeitig Schwarzarbeit verringern. Polen leidet außerdem unter Fachkräftemangel, die Regelung könnte weitere Arbeitskräfte aus der Ukraine ins Land holen. 

Einkommensteuer für junge Menschen mit niedrigem Gehalt abschaffen. Klingt nach einem Gesetz, von dem viele profitieren können – wäre das nicht auch etwas für Deutschland? 

Das haben wir den Ökonomen Tobias Hentze vom Institut der Deutschen Wirtschaft gefragt. 

Wäre es sinnvoll, das System auf Deutschland zu übertragen?

"Für junge Menschen mit einem Einkommen, das unter dieser Grenze liegt, klingt das attraktiv. Aus ökonomischer Sicht sollte man aber immer das ganze System im Blick haben – und aus diesem Blickwinkel wäre das nichts anderes als eine Bevorzugung einer bestimmten Gruppe, in dem Fall eben von jüngeren Menschen", erklärt der Wissenschaftler. Jugendarbeitslosigkeit sei in Deutschland außerdem kein großes Problem – tatsächlich ist sie so niedrig wie in keinem anderen Land der EU: Im Juni hatten 5,5 Prozent der 15- bis 24-Jährigen keine Arbeit. In Polen waren es 10,9 Prozent, der EU-weite Schnitt lag bei 14,1 Prozent. (Statista)

Zur Bekämpfung von Schwarzarbeit gebe es zudem bessere Möglichkeiten, sagt Tobias Hentze, denn Schwarzarbeit gebe es auch bei älteren Menschen: "Das spricht eher ein Grundproblem unseres Einkommensteuersystems an, dass die Steuersätze, sobald man steuerpflichtig ist, relativ schnell ansteigen. Ein relativ großer Teil dessen, was man zusätzlich verdient, geht dann in Form von Steuern an den Staat", sagt er. 

Auch den Fachkräftemangel in Deutschland könne man mit einer solchen Maßnahme wohl nicht wirksam bekämpfen. "Es geht eher darum, Menschen zu finden, die gut qualifiziert sind. Die verdienen aber in der Regel mehr als 20.000 Euro im Jahr, weshalb das keine Antwort darauf wäre", sagt Hentze. 

Aus seiner Sicht überwiegen die Nachteile und Risiken. "Wir haben ja das System der Besteuerung nach dem Leistungsfähigkeitsprinzip:  Wenn ich mehr verdiene, gebe ich mehr ab. Das würden wir hier für eine bestimmte Gruppe aushebeln. Warum soll die eine bevorzugt werden gegenüber der anderen?"

Eine zusätzliche Ausnahme für junge Arbeitnehmer hält Hentze dennoch für unangemessen. Aus seiner Perspektive ist ein System dann besonders gerecht, wenn für möglichst viele möglichst gleiche Regeln gelten. 

Außerdem sieht der Ökonom Probleme bei den Anreizstrukturen.

Wer beispielsweise knapp unter der Grenze von 20.000 Euro sei, für den sei es unattraktiv, mehr zu arbeiten, weil am Ende kaum mehr Geld übrig bleibe. "Dadurch entgeht der Volkswirtschaft Wachstumspotenzial", erklärt Hentze. "Genau das gleiche sehen wir bei Minijobs in Deutschland – da ist es unattraktiv, 100 oder 200 Euro mehr zu verdienen. Wenn, dann muss es schon deutlich mehr sein, damit man es in Kauf nehmen kann, dass die Steuervergünstigung wegfällt." 

In Polen könnte es daher sein, dass Menschen in ihrem Einkommensbereich verharren, anstatt sich etwa durch weitere Ausbildungen zu verbessern und mehr zu verdienen. Möglich seien allerdings auch Verdrängungseffekte älterer Arbeitnehmer, die im Zweifelsfall entlassen würden. "Das Gesetz klingt zwar attraktiv für eine bestimmte Gruppe, birgt aber aus meiner Sicht einige Risiken und Probleme, wenn man es konkret umsetzen möchte", so Hentze.

Was ließe sich in Deutschland dennoch verbessern?

Aus deutscher Sicht sei es eher wichtig, dass junge Menschen in den Genuss einer guten Ausbildung oder eines Studiums kommen – um dann später auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein. "Entscheidend dafür ist das Bildungssystem und nicht irgendwelche steuerlichen Vergünstigungen", sagt Hentze. 

Für sinnvoller hält der Wirtschaftswissenschaftler niedrigere Steuersätze für Geringverdiener: "Wenn man beispielsweise oberhalb eines Bruttogehaltes von 13.000 Euro für die nächsten paar Tausend Euro nur zehn Prozent Steuern zahlen müsste, würde das ja auch schon helfen." Das käme beispielsweise auch Auszubildenden zu Gute. Und für Studierende, die mit wenig Einkommen ihr Studium finanzieren müssen, sieht Hentze ganz andere Lösungsansätze: In guten Systemen für Stipendien sowie in einer möglichen Ausdehnung des Bafög.


Future

Ich habe viel weniger Geld zur Verfügung als meine Freunde und Kommilitonen. Wie gehe ich damit um?

Mal Essen gehen inklusive Dessert oder Kaffee – das wäre schön. Oder feiern am Wochenende mit anschließender, sicherer Taxi-Fahrt nach Hause. Super wären auch ein Abo von Netflix, Amazon Video oder Sky. Einfach um mitreden zu können. Aber zuerst müssen noch die Bücher fürs nächste Semester gekauft werden.

Ein Studium kostet viel Geld. Nicht nur die Uni an sich sondern auch das Leben nach der Vorlesung. 

Doch was, wenn man finanziell nicht mit seinen Freundinnen und Kommilitonen mithalten kann? Ist man zum Außenseiter-Dasein verflucht? Oder welche Lösungen gibt es?