Bild: Christian Charisius/dpa
Wir diskutieren wieder – und sollten noch lauter werden.

Ich bin 30 Jahre alt und nun bereit für den Satz: "Früher war alles besser." Denn genauso fühlt sich das gerade an, wenn man erlebt, wie eine rechtspopulistische Partei laut Umfragen genauso viele Stimmen bekommen könnte wie die SPD. Wenn man Videos aus Chemnitz sieht, in denen Menschen mit Migrationshintergrund bepöbelt werden. Oder wenn man bei Facebook entdeckt, wie ein ehemaliger Schulkollege zum AfD-Sympathisanten wird.

Doch dieser Satz regt mich auf. Wenn wir nicht wollen, dass früher alles besser war, dann liegt es an uns, die Zukunft zu gestalten. Genau dieses Bewusstsein erkenne ich gerade in meinem Freundeskreis. Statt sich am Sonntagnachmittag nach einem verkaterten Vormittag noch auf einen Kaffee zu treffen, gehen sie auf Demonstrationen gegen Rechts. Sie twittern und schreiben bei Facebook #wirsindmehr. Sie fahren nach Chemnitz und überlassen pöbelnden Rechten nicht die Straße.

Vor zwei Wochen, auf dem Junggesellenabschied einer Freundin: Haarschmuck, Sekt, Gekicher – und eine Diskussion über Fremdenfeindlichkeit. Eine Freundin erzählte von einer Unterhaltung mit einer anderen jungen Mutter. Sie habe ihr erklärt, aus Angst vor Menschen, die ihrer Meinung nach nicht nach "Deutschen" aussähen, wechsele sie mit ihrem Sohn die Straßenseite. Die Freundin berichtet, wie sie daraufhin auf die Frau eingeredet habe, dass es ihre Aufgabe sei, Kindern ein Vorbild zu sein und sich gegen Fremdenhass einzusetzen. Solche Momente wünsche ich mir noch viel häufiger – denn sie machen auch anderen Mut, sich gegen Rassismus zu äußern.

Unserer Generation wurde immer vorgeworfen unpolitisch zu sein. Mein Alltag zeigt mir: Das ist falsch. Vielleicht waren wir bislang nur nicht laut genug, doch wir werden immer lauter.

Denn die AfD sorgt mit ihren rechtspopulistische Parolen dafür, dass sich einige ermächtigt fühlen, ihrer Fremdenfeindlichkeit freien Lauf zu lassen. Dazu muss man Stellung beziehen. 

Und genau deshalb ist die AfD ein guter Test: Für den Zustand einer Demokratie. Und für die eigenen Überzeugungen. 

Manchmal ist es ja so: Man lernt besser, wer man ist, wenn man sich von etwas oder jemandem abgrenzt.

Deshalb bin ich allen Menschen dankbar, die erkennen, dass es Zeit ist, seine Stimme gegen Rechts zu erheben – im Internet und auf der Straße. Die sich engagieren, sich zeigen und die laut sind. Diese Menschen zeigen ein Deutschland, das auch mir wichtig ist: ein offenes, selbstkritisches Land mit relativ wenig Hang zu Patriotismus und relativ viel Geschichtsbewusstsein.

Debatten über unser Land und unsere Politik begegnen mir seit vergangenem Jahr immer häufiger – auch wenn wir gerade eigentlich feiern, mit Freunden Essen kochen oder in der Bahn sitzen. Beruhigender wäre es, wir bräuchten diese Diskussionen nicht. Andererseits schärfen sie unser politisches Bewusstsein

Viele schalten sich in das Gespräch ein – ganz anders als bei Familienfesten, wenn der Onkel nach drei Bier meint, er wäre zum Bundeskanzler geschaffen und man lieber schnell den Saal verlässt.

Nach der Bundestagswahl im vergangenen Jahr habe ich mit einem Politikwissenschaftler darüber gesprochen, wie viel Einfluss die AfD im Bundestag haben wird. (bento)

Eine meiner Fragen lautete: Was wird für unsere Demokratie die größte Herausforderung? Carsten Koschmieder von der FU Berlin sah voraus: "Was die AfD im Parlament erreichen kann – noch viel besser als jetzt schon: Sie kann den Diskurs verschieben." Damit meinte er die Verschiebung nach Rechts. Das Parlament werde zur Bühne, sagt Koschmieder vor einem Jahr. Genauso hat es sich bewahrheitet.

Für mich hat das Jahr aber noch etwas gezeigt: Auch die anderen Parteien (außer der CSU) nutzen den Bundestag als Bühne. Sie widersprechen vehement rechtsextremen Positionen – Cem Özdimir, Anton Hofreiter (Grüne), Martin Schulz (SPD), Philipp Amthor (CDU). Sie beleben damit die Bundestagsdebatte und unsere Gespräche zu Hause. 

Noch wichtiger für unsere Demokratie wäre es jetzt, wenn sie und wir mit dem gleichen Enthusiasmus nicht über Flüchtlinge debattierten – sondern über Themen, die weitaus mehr Einfluss auf unsere Zukunft haben: Umwelt, Bildung, Wirtschaft. 

Dafür sind wir verantwortlich, wenn wir auf Social Media, auf der Straße, in Vereinen und Parteien klarmachen, was uns wirklich Sorge bereitet. 

Wo finden wir bezahlbare Wohnungen? Wie kann ich genügend Geld sparen? Wie bleibt unser Land friedlich?

Das sind die Fragen, die wir weiter diskutieren müssen, wo es gilt, sich einzubringen und Ideen entwickeln. 

Dann haben wir eventuell die Chance, dass in Zukunft alles besser wird, als es je war.


Gerechtigkeit

Dem letzten privaten Rettungsschiff auf dem Mittelmeer wurde die Lizenz entzogen – weil Italien es so wollte
Wissen zum Mitreden

Das Rettungsschiff "Aquarius" darf bald vorerst nicht mehr in See stechen, um Menschenleben zu retten. Panama möchte dem Schiff die Lizenz entziehen- die italienische Regierung hatte darauf gedrängt. Das Verfahren sei bereits eingeleitet. (SPIEGEL ONLINE

Es war das letzte verbliebene private Rettungsschiff auf dem Mittelmeer.