Die Wahrscheinlichkeit, in Hamburg eine nette, bezahlbare Wohnung zu finden, ist gefühlt so hoch wie die eines Sechsers im Lotto: sehr gering. 

Seit April suchen eine Freundin und ich nach einer WG-geeigneten Wohnung. Das ist kritisch, weil Wohnungsgemeinschaften meistens nicht so gern gesehen sind wie berufstätige Singles oder vorbildliche Power-Pärchen. Wir könnten uns schließlich in den nächsten Monaten zerstreiten oder unser Studium abbrechen und stattdessen Hanfpflanzen in der Wohnung anbauen.

Also beschlossen wir letzte Woche, das zu machen, was schon viele Verzweifelte vor uns gemacht haben: eine Belohnung für die erfolgreiche Vermittlung einer Wohnung auszusetzen. 

Ich stellte ein Gesuch auf Ebay-Kleinanzeigen:  zwei bis drei Zimmer, ein Balkon, im Optimalfall sogar eine Wohnküche. 1000 Euro monatlich inklusive aller Nebenkosten, mehr sollte die Wohnung nicht kosten. 

Zur Belohnung würde es noch 1000 Euro oben drauf geben. 

Der Anzeige fügten Hannah und ich noch einen Urlaubsschnappschuss hinzu. Dabei dachten wir uns nicht viel, außer, dass es vielleicht ganz nett sei, zwei Gesichter zu der besagten Anzeige zu sehen.

Die Ebay-Nutzer, die auf unsere Anzeige aufmerksam wurden, fanden das wohl auch ganz nett. 

Der erste Anruf kam keine zehn Minuten, nachdem ich die Anzeige online gestellt hatte. Der Unbekannte, der mit unterdrückter Telefonnummer anrief und mir seinen Namen nicht verriet, konnte mir eine Wohnung anbieten. Er nuschelte stark, sodass ich ihn kaum verstehen konnte, und er konnte auch nicht beschreiben, wo diese Wohnung eigentlich liegen und wie sie aussehen sollte. 

Vielmehr wollte er noch ein bisschen mehr von mir und Hannah erfahren: Wie alt wir seien, was wir so machten und ob wir einen Freund hätten? "21, wir studieren, nein". 

Diese Antwort schien für den Unbekannten zufriedenstellend, denn er bot mir daraufhin folgenden Deal an: 

Hannah und ich müssten keine Miete zahlen, unser großzügiger Vermieter würde nur zwei Mal die Woche vorbeikommen und Spaß haben wollen. 

Einmal mit Hannah, einmal mit mir. Ich legte auf.

Ich bin erfolgreicher Geschäftsmann

Der zweite Anruf kam nach einer Stunde. Erneut eine unterdrückte Nummer und ein Unbekannter, der sich namentlich nicht vorstellte. 

"Ich bin erfolgreicher Geschäftsmann", das sollte reichen. 

Auch dieser Anrufer konnte mir eine Wohnung anbieten: zentral gelegen, möbliert, 1200 Euro warm. Zu teuer für Hannah und mich, aber auch bei diesem Telefonat folgte ein Angebot: Der Unbekannte würde mir einen sehr guten Deal machen, wenn ich ihm die Schuhgröße von uns beiden verraten würde

Ich wollte wissen, wie weit er gehen würde, also habe ich den "erfolgreichen Geschäftsmann" an meine Mutter weiter gereicht, die gerade neben mir stand. 

Er wiederholte das Angebot!

Sie fragte ihn, ob er sich nicht schäme und ob er eigentlich wisse, mit wem er gerade spricht – ich schätze, er konnte zwischen den Zeilen lesen, dass wir sein Angebot ablehnen, und legte auf.  

Seither frage ich mich natürlich, wie seine Geschäfte sonst so ablaufen und welche Schuhgröße wohl die richtige gewesen wäre.

Nicht alle "großzügigen" Angebote kamen per Anruf. Viele gingen auch als Nachricht über ebay-Kleinanzeigen oder WhatsApp ein. Philipp wollte zum Beispiel von mir wissen, ob ich gerne auf Partys gehe – er wäre bereit, zu zahlen. 

Und P. suchte nach neuen Darstellerinnen für das Bodypainting seiner Frau, die darauf spezialisiert sei, dass der Körper mit dem Hintergrund verschwimmt. Bei Bedarf würde er mir auch Beispielbilder zuschicken. Ich war versucht, auf letzteres einzugehen und zu testen, wie schnell ich den Körper erkennen würde. Letztlich ließ ich die Nachricht aber unbeantwortet.

Nach einem Tag beschlossen wir, das Bild zu löschen. Außerdem bat ich in der Wohnungsanzeige um ausschließlich seriöse Angebote. Ich erhielt daraufhin keine kuriosen Anrufe mehr, keine unangemessenen Nachrichten. Niemand wollte mehr meine Partys bezahlen, unsere Schuhgröße erfahren, meinen Körper anmalen.

Nach all diesen Anfragen wollte ich wissen, was wohl passiert, wenn Männer das gleiche machen. Deshalb habe ich einen Kollegen bei bento gebeten, die gleiche Anzeige mit einem Bild von sich und einem Kumpel zu posten. Hat er gemacht: Zwei Jungs am Strand, Neoprenanzüge, Surfboards, fertig. Knapp eine Woche später hatte er keine einzige Nachricht. 

Der Versuch hat mir einmal mehr gezeigt, wie unterschiedlich die Welt für Männer und für Frauen ist: Als Frau muss man ständig damit rechnen, zum Sexobjekt gemacht zu werden – ob im Beruf, im Alltag oder im Internet. 

Dabei bietet gerade letzteres genügend Portale, um Bedürfnisse zu befriedigen, entsprechende Wünsche zu äußern oder auch selbst sich anzubieten. 

Warum also über Ebay-Kleinanzeigen junge Frauen kontaktieren, um ihnen Sexdeals vorzuschlagen? Geht es um Macht, Spaß, ehrliche Hoffnungen? Ich weiß es nicht. Aber keine der Erwartungen kann sich groß erfüllt haben. 

Nur, damit ihr, liebe Anfrager, es versteht: "Kostenlos. Einfach. Lokal." – wer hier zweideutig denkt, ist auf anderen Seiten besser aufgehoben. 

Und damit eins auch klar ist: Diese Erfahrung hat nicht dazu geführt, dass ich die Anzeige lösche oder Ebay Kleinanzeigen nicht mehr nutze. Ihr macht mir keine Angst – und ihr werdet sicher nie "Spaß" mit mir haben. 

Ich weiß nicht, was eure Motivation ist. 

Aber ich kann euch sagen, was ihr für mich seid: eine Anekdote. 

Eine Partygeschichte, bei der sich lauter junge Frauen an den Kopf fassen, lachen und sich fragen, was bei euch eigentlich geht. Wolltet ihr das?


Sport

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Rassistische Beleidigungen von Spielern im Fußball gibt es leider immer wieder. Bei der Fußball-WM in Russland waren während zweier Eckstöße des französischen Spielers Ousmane Dembélé aus dem Publikum Affen-Laute zu hören,  (Welt). Ebenfalls während der WM wurde der schwedische Nationalspieler Jimmy Durmaz rassistisch beledigt – daraufhin erstattete der schwedische Fußballverband Anzeige (bento).