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"Angst verpflichtet"

Alexis hat den Terroranschlag am 13. November 2015 auf den Pariser Konzertsaal Bataclan überlebt. Zwei Stunden lag er mit geschlossenen Augen auf dem Parkettboden, während um ihn herum 89 Menschen starben. Seitdem kämpft der 26 Jahre alte Franzose mit dem, was er erlebt hat.

Trotzdem will Alexis heute Abend dabei sein, wenn die Rockband nach Paris zurückkehrt, um das abgebrochene Konzert von damals zu Ende zu spielen. In seinem Blog erzählt er, warum.

Wir haben seinen Text übersetzt.

Ich liebe das Leben so wie sie den Tod lieben. Ich habe ihnen drei Monate meine Angst gegeben. Es ist Zeit, sich dieser Angst zu stellen. An diesem 16. Februar werde ich zum Konzertsaal Olympia gehen, um den Teufel erneut zu küssen. (Anm. d. Red.: "Kiss The Devil" war der sechste Song, den die Eagles of Death Metal am Abend der Terroranschläge im Bataclan spielten. Sie brachen ihn ab, als die Attentäter den Saal stürmten.)

(Bild: picture alliance / dpa)

Ich werde dorthin gehen, weil ich die Wahl habe. Eine Wahl, die manche Menschen nicht haben. Am 13. November 2015 wurde ich zum zweiten Mal geboren. Das ist eine Chance wie man sie nur einmal im Leben hat. Dieses Konzert wird das erste in meinem neuen Leben sein. Ein Leben, in dem ich versuchen werde, ein bisschen weniger bescheuert zu sein als in dem davor. Ich verspüre keinerlei Hass seit den Anschlägen, ich haben mich sogar eher in ein Glücksbärchen verwandelt.

(Bild: Alexis)

Drei Tage nach den Attentaten habe ich erzählt, wie ich diesen absoluten Horrorabend erlebt habe. Einen Monat danach habe ich über die Symptome des Überlebensschuld-Syndroms geschrieben. Drei Monate später habe ich nun entschieden, den Teufel noch einmal zu treffen, mit Jesse "The Devil" Hughes und seiner Gruppe der "Ungläubigen" (Anm. d. Red.: Gemeint ist die Band Eagles of Death Metal).

Weil ich schon zu viele Konzerte verpasst habe, zu viele Filme, zu viele Abende in der Rue de Charonne (Anm. d. Red.: In einer Bar in dieser Straße fielen minutenlang Schüsse, 19 Menschen starben) und zu viele Gelegenheiten zu leben wegen dem, was sie getan haben. Dieses Konzert heute Abend wird wie ein Test sein, um nicht zu sagen ein Initiationsritus. Werde ich in der Lage sein, mein Leben von vor dem 13. November wiederzufinden, wenigstens zum Teil? Antwort um 20.30 Uhr.

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Seit dem 13. November lerne ich, wieder zu leben. Ich habe gelernt, diesen "Wie durch ein Wunder gerettet"-Status zu akzeptieren, mit allem, was er an Chancen und Aufgaben beinhaltet. Zwar habe ich die Feiertage am Jahresende wie ein Gespenst durchquert. Aber seitdem habe ich eine Menge wichtiger Entscheidungen getroffen. Ich habe Anzeige erstattet, nachdem ich endlich verstanden hatte, dass diese Anschläge wirklich passiert waren. Und ich habe beschlossen, regelmäßig zu einer (hervorragenden) Psychologin zu gehen.

(Bild: Getty Images)

Ich habe der Musik langsam wieder eine Chance gegeben und entdeckt, dass Klassik und sphärische Musik manchmal auch gut sind. Ich habe Karten für ein Festival der "Ungläubigen" besorgt. Die schwierigste Entscheidung aber war, dieses famose Konzert heute Abend nicht auszuschlagen.

Vor zwei Monaten noch hätte ich gesagt, dass ich diese Band nicht mehr sehen wollen würde, selbst wenn sie im Präsidentenbunker spielten. Warum also doch das Konzert dieser Gruppe in Paris besuchen, drei Monate später? Ich habe mir diese Frage lange gestellt. Hat das irgendeinen Sinn, wenn alles, was mit diesem Abend in Verbindung steht eine Quelle der Angst ist? Wenn ich nicht im Stande war, die Musik dieser Band seit dem 13. November wieder zu hören?

Vielleicht wird es das zweite schlimmste Konzert meines Lebens. Aber ich hoffe wenigstens, dass dieses Mal alle heil hinauskommen. Ich werde dieses Mal sicher nicht in der dritten Reihe stehen wie im Bataclan, eher auf dem Balkon mit den Politikern, Angst verpflichtet. Ich werde dieselben unbefleckten Sachen tragen wie am 13. November, weil ich diese Klamotten liebe. Sie waren an jenem Tag mein einziger Panzer, als ich vergeblich versuchte, mit dem Parkettboden des Bataclan zu verschmelzen, um zu entschwinden.

Am 10. Januar bin ich zu einer informellen Gedenkfeier für die Opfer auf dem Place de la République gegangen. Dort, wo die Namen der 149 Opfer der Attentate vorgelesen wurden. Das war die traurigste Beerdigung, auf der ich je war, obschon ich keines der Opfer kannte. Nur wenige Menschen waren gekommen, es war kalt und regnete in Strömen. Ich konnte endlich den Schmerz zulassen und habe heftig geflennt, was paradoxerweise nötig war. Den Prozess der Trauer anzustoßen, war nur auf diesem Weg möglich.

(Bild: picture alliance / dpa)

Am 11. Januar habe ich erfahren, dass einer meiner Idole gestorben war. Ich habe nicht über den Tod von David Bowie geweint. Ich habe für alle jene geweint, die David Bowie nie wieder hören können. Ich habe "Teenage Wildlife" in Endlosschleife gehört, und meine Lieblingsstrophe schallte in mir wie nie zuvor:

You fall to the ground like a leaf from the tree
And look up one time at that vast blue sky
Scream out aloud as they shoot you down

Dann bin ich endlich einem Verein für die Opfer beigetreten, was mir unfassbar gut getan hat. Ich habe mich schließlich sogar eingebracht, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben verstanden habe: Wenn man anderen hilft, selbst nur ein wenig, hilft man auch sich selbst. Ich werde "Life for Paris" dafür niemals genug für ihre Arbeit danken können.

Natürlich bin ich nicht geheilt und werde es sicher niemals ganz sein. Aber ich habe entschieden zu leben. Nicht aus Notwendigkeit oder aus Verpflichtung der Opfer gegenüber. Kein Mensch kann behaupten, mit dieser Bürde leben zu können. Aber weil ich das Leben so liebe wie sie den Tod.

Übersetzung: Sara Maria Manzo

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