Bild: Julia Schwendner / GoBanyo

Mit 16 flog er zu Hause raus und landet auf der Straße. Die nächsten zehn Jahre war Dominik Bloh immer wieder obdachlos. Erst mehr als zehn Jahre später, im April 2016, hielt er zum ersten Mal einen eigenen Wohnungsschlüssel in seinen Händen - und schrieb ein Buch über seine Zeit auf der Straße: "Unter Palmen aus Stahl".

Inzwischen ist er zu einer Stimme für Obdachlose geworden: Jede Woche bloggt er über ihre Belange. Und gerade ist der 30-Jährige dabei, eine Idee zu verwirklichen, die er schon hatte, als er noch auf der Straße lebte: 

Ein Duschbus, der durch Hamburg fahren soll und in dem sich Obdachlose pflegen können. 

Noch bis zum 26. April läuft eine Crowdfunding-Aktion, welche die Kosten für den Umbau bezahlen soll. 

Den Bus haben die Leute hinter dem Projekt "GoBanyo" bereits bekommen, im Herbst soll er, wenn alles glatt läuft, das erste Mal durch die Stadt fahren. 

Wir haben uns mit Dominik Bloh getroffen und über seine Idee gesprochen – und welche Rolle eine Dusche bei seinem Weg aus der Obdachlosigkeit gespielt hat.

Dominik, du hast zehn Jahre lang immer wieder auf der Straße gelebt. Wie oft hast du damals geduscht?

Selten. Manchmal wochenlang nicht. Wenn nichts mehr ging, habe ich mir manchmal Geld zusammengeschnorrt, um ins Schwimmbad zu gehen und mich dort im Bad fertig zu machen für eine Stunde.

Es ist einfach das, was am meisten fehlt, das ist mir krass bewusst geworden. Bei all den Grundbedürfnissen, die man versucht zu befriedigen, steht die Dusche hinten an. Jeden Tag Essen zu bekommen und einen warmen Ort zu finden, das ging schon irgendwie klar. Aber sich zu pflegen, sei es auch nur so etwas wie eine Rasur oder für etwas länger auf Toilette zu gehen – das war immer am schwierigsten.

Wo gibt es denn Duschen für Obdachlose?

Kostenlose Duschen sind in Hamburg hauptsächlich zentral gelegen, in den üblichen Aufenthaltsstätten. Es gibt aber zwei Gründe, warum diese keine gute Lösung sind: Zum einen bist du mit deinen anderen Bedürfnissen schon so beschäftigt, dass du dich nicht an Öffnungszeiten, Wartezeiten und Listen zum Eintragen halten kannst. Zum anderen: Wenn du dann mal dort bist, dann kommt aus vielen Duschen nur kaltes Wasser raus. Oder da ist Scheiße in der Ecke von jemandem, der vor dir drin war.

Und irgendwann bist du dann so dreckig, dass du dich schämst. Da schaffst du es gar nicht mehr, diesen Weg in die Innenstadt zu gehen, zu den Aufenthaltsstätten.

Die Idee des Busses ist es, das umzudrehen: Dass wir die Menschen eben nicht in die Innenstadt schicken, wo sie dann dreckig durchlaufen müssen. Nein, wir fahren zu ihnen hin, dann können sie sich dort duschen und trauen sich auch, in zentralere Gebiete zu fahren.

Was kann denn eine ordentliche Dusche bewirken?

Bist du dreckig, isolierst du dich. Auf der Straße bedeutet das: Kapuze aufsetzen und sich verstecken. Wir alle wollen uns ja wohlfühlen in unserer Haut. Das ist einfach ein Grundbedürfnis und darauf bauen viele Dinge auf: Unsere Ausstrahlung nach außen – aber auch nach innen. 

Bei einer Dusche geht es viel um Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl. Und es geht auch darum, wie man am Leben seiner Mitmenschen teilhaben kann. Wir isolieren uns, wenn wir uns nicht wohlfühlen in unserer Haut. Und das macht diesen Weg, zurück in die Gesellschaft zu finden oder das Hilfesystem zu nutzen, noch schwieriger.

Welche Rolle hat das bei deinem Weg aus der Obdachlosigkeit gespielt?

Es gab mit Sicherheit mehrere Gründe, aber es war einer davon. Ich habe 2015, als viele Flüchtlinge in Hamburg angekommen sind, in den Messehallen mitgeholfen. In der Kleiderkammer gab es einen sehr korrekten Menschen, der hat mir die Duschen in der Halle gezeigt.

Da bin ich morgens um 7 in dieser 8000-Quadratmeter-Halle aufgestanden, konnte danach frisch geduscht in den Tag gehen und Gutes tun. Und in dieser Aufgabe hatte ich wieder einen Sinn. 

„So bin ich aus der Isolation gekommen, war wieder bei den Menschen.“

Jetzt hast du seit drei Jahren eine Wohnung. Fühlt es sich für dich an, als wärst du richtig angekommen?

Persönlich habe noch nicht so viele Schritte in ein normales Leben gemacht. Das ist auf jeden Fall etwas, was mich verwundert. Ich bin erfolgreicher Buchautor und aktiv auf Social Media, aber zu Hause geht es nicht weiter. Ich glaube, wenn man über die Jahre viele Schichten von Dreck gesammelt hat, dann dauert es lange, ihn auch wieder loszuwerden. So passiert es mir auch, dass ich ganz oft noch zu Hause bin und im Dreck liege. Ich sehe mich um und denke, ich lebe in einer Müllhalde.

Diese Mechanismen kommen von früher, das merke ich. Deshalb finde ich es auch so wichtig, dass es bei anderen Menschen gar nicht erst so weit kommt – dass sich alle waschen können und gar nicht erst ihr Selbstwertgefühl liegen lassen.

Welche Probleme hast du heute noch?

Schulden sind auf jeden Fall ein Thema – und ich glaube es ist ein großes Thema für alle Menschen, die von der Straße kommen. Das wird in der Gesellschaft noch unterschätzt, das muss man einfach mal so sagen: Das Happy End ist nicht, den Schlüssel zur Wohnung in der Hand zu halten.

Es ist so krass, was danach kommt. Ich habe das Glück, dass es bei mir schnell viel weniger Schulden geworden sind, aber ich habe jetzt auch einen Steuerberater und einen Anwalt.

Wenn aber jemand normalerweise von der Straße kommt, dann ist das nicht so. Ohne den Rückhalt durch mein Buch oder von Freunden und Bekannten wäre ich in diesen drei Jahren auf jeden Fall wieder auf der Straße gelandet.

Wann zum Beispiel?

Mit dem ersten Brief der Krankenversicherung. Darin stand, dass ich nicht vollständig versichert werde, wenn ich nicht in den nächsten zwei Wochen 10.000 Euro zahle. Diese Zahl war für mich unglaublich. Für mich war es schon schwer, überhaupt den Briefkasten aufzumachen. Wie reagiert man dann auf so etwas?

Und trotz all dieser Probleme, die du noch in deinem Alltag hast, engagierst du dich jetzt für Obdachlose.

Die Hilfe für andere, das tut auch mir gut. Da schaffe ich etwas. Zu Hause hänge ich herum mit meiner Depression und starre an die Decke. Ich denke auch heute noch darüber nach, mich umzubringen. Aber gleichzeitig glaube ich, dass man in diesem Struggle auch lernt, alles andere sehr wertzuschätzen. Das wird mir immer wieder bewusst und deswegen kann ich auch so dankbar sein. Bei ganz vielen kleinen Dingen finde ich immer wieder etwas Schönes, was mir sagt: Mach weiter. Am Ende bringt es mich sogar so weit, dass Träume wahr werden.

„Auf der Straße dachte ich mir: Ich schreibe irgendwann ein Buch. Ich muss es jetzt aufschreiben und irgendwann ist es ein Buch. Und jetzt ist es ein Bestseller.“

Genauso war ich auf der Straße, ich war dreckig und ich dachte mir: Irgendwann wird ein Bus fahren, der Menschen sauber macht. Und übermorgen bekommen wir diesen Bus. Genau das lerne ich daraus: dass man nie aufgeben darf.

Was wäre der nächste Schritt, der getan werden muss, um Obdachlosen zu helfen?

Da gibt es zwei Gleise: Die Politik muss definitiv mehr sozialen Wohnungsbau fördern. Außerdem glaube ich, dass man sich nicht verschließen sollte vor neuen Konzepten und Modellen, die in anderen Ländern umgesetzt werden. Wir wissen, dass „Housing First“, also die Wohnungsvermittlung direkt an Obdachlose, eine Lösung ist und damit Erfolge erzielt werden. Da wünsche ich mir in der Politik mehr Mut, neue Dinge zu versuchen.

Genau das Gleiche gilt auch für die Gesellschaft: Hier in Hamburg sehe ich Obdachlose genauso als Nachbarn wie alle anderen Menschen. Dort, wo ich Not sehe, da sehe ich es auch als meine Pflicht an, hinzugehen und zu helfen – weil es mir gut geht.

Da müssen wir alle noch etwas tun und uns bewusster werden. Nicht wegzusehen, sondern zu sagen: Ich sehe Obdachlose, weil sie Teil meiner Stadt sind. Und dadurch werden sie auch wieder zu einem Teil der Gesellschaft. Damit verschwindet die Isolation etwas und es entsteht eine Brücke.

Du arbeitest gerade an einem zweiten Buch, darin soll es um Depressionen gehen.

Ich glaube, das ist ein Thema, das man sehr gut vergleichen kann mit Obdachlosigkeit. Da gibt es viele Tabus, aber auch viele Missverständnisse. Obdachlose hören Sätze wie: Geh arbeiten, sei nicht so faul, hör auf zu saufen. Genauso ist es, wenn man eine Depression hat, dann kommen Leute zu dir, die dir sagen: Lach doch mal! Morgen wird es besser. Oder: Iss eine Tafel Schokolade.

Das ist gar nicht so weit von dem Zustand, den ich habe. Den können diese Leute nicht verstehen. Deshalb versuche ich jetzt auch, das zu erklären. Weil ich bemerkt habe, dass die Menschen anders denken, nach meinem ersten Buch. Dass sie sagen, dass es ihnen einen neuen Blickwinkel gegeben hat und sie dazu veranlasst hat, anders zu handeln. 

Ich hatte mein Leben auf der Straße, und wenn ich jetzt zu Hause bin, dann habe ich Depressionen. Beides fühlt sich manchmal wie ganz unten an.

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