Der Fall von Timothy Tyler zeigt, was der "War on Drugs" in den USA angerichtet hat

Hey, now, bird, wouldn’t you rather die than walk this world when you were born to fly? (The Grateful Dead, Liberty)

Für einen LSD-Trip bezahlte der durchschnittliche Ostküsten-Amerikaner in den Neunzigerjahren etwa einen Dollar. Das Geschäft mit LSD war ein einträgliches. Das Geschäft mit LSD war es, das Timothy Tyler ins Gefängnis brachte, wahrscheinlich für immer.

Tyler wurde dreimal mit Drogen erwischt, beim dritten Mal verurteilte ihn ein Richter zu zweimal lebenslänglich. Ohne Chance auf vorzeitige Entlassung. Tyler wurde Opfer der Politik: des amerikanischen Krieges gegen die Drogen. US-Präsident Richard Nixon rief ihn 1972 aus, nach Crack-Epidemien in den amerikanischen Städten in den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren führte ihn die Regierung noch gnadenloser.

Auch dieser Krieg gegen die Drogen machte die USA, das Land der großen Freiheit, zum Land der Gefangenen:

Etwa zehn Millionen Menschen saßen 2013 auf der Welt hinter Gittern, etwa 2,2 Millionen von ihnen den USA, viele für kleinere Drogenvergehen, ohne jemals einen Menschen körperlich verletzt zu haben. (Der Standard)

Im Herbst 2015 kündigte Präsident Barack Obama an, mehr als 10.000 Gefangene, die wegen des Drogenkrieges noch unverhältnismäßig lange Haftstrafen absitzen, vorzeitig frei zu lassen. (SPIEGEL ONLINE) "Obama ist unsere letzte Hoffnung", sagt Carrie Tyler, die Schwester Tylers. Sie hat eine Petition gestartet, in der sie Obama zur Freilassung ihres Bruders auffordert – fast 430.000 Unterschriften hat sie schon gesammelt.

So erzählt sie die Geschichte, wie ihr Bruder ins Gefängnis kam: Mit 22 Jahren nahm Tyler sich des Geschäfts mit LSD an, obwohl ihm in seinem Leben zuvor der Sinn für das Geschäftliche gefehlt hatte.

Tyler wurde am 20.10.1968 in Connecticut geboren, an der Ostküste der USA. Als er drei Jahre war, verließ sein Vater die Familie und zog nach Florida, Tylers Mutter fand einen neuen Mann. Der schlug Tyler, fasste ihn an den Ohren und wuchtete seinen Kopf gegen die Wand. Wenn sein Kopf gegen die Wand schlug, dann wünschte Tyler sich, bei seinem Vater zu sein. Ein gänzlich verkorkstes Leben. Bis Tyler seine Schwester in West Hartford besuchte.

In der Fotostrecke: Tyler früher, Tyler heute
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Dort lernte Tyler die beste Freundin seiner Schwester kennen, sie war schön und lustig und verkorkst und Tyler verliebte sich in sie. Er zog in das Apartment seiner Schwester und seine Freundin auch.

An einem dieser Abende, die aus nichts bestanden außer Rumhängen, spielte The Grateful Dead in Downtown, eine amerikanische Rockband, die ihren grundlegenden Auftritt 1965 bei einem sogenannten Acid-Test hatte, auf dem das damals noch legale LSD kostenlos an die Gäste verteilt wurde.

The Greatful Dead vor einem Auftritt in Chicago

Nach dem Konzert folgte Tyler der Band auf ihre Konzerte, nach Massachusetts, nach Illinois, nach New Mexiko, an die Westküste. Er fühlte sich verstanden und konnte auf den Konzerten Geld machen, er verkaufte Lachgas und Bier und LSD.

Am Rande eines Grateful Dead-Konzerts in Ohio hielt ihn die Polizei an. Tyler hatte Opium geraucht und LSD genommen. Er sagte den Polizisten, er sei Jesus. Sie brachten ihn in die Psychiatrie. Nach 30 Tagen setzten sie ihn in ein Flugzeug und brachten ihn nach Connecticut.

In den folgenden Jahren wurde Tyler zweimal wegen Verkauf von LSD festgenommen, beide Male wurde er zu Bewährungsstrafen verurteilt. Tyler folgte der Band danach weiter durch das Land, schickte von den jeweiligen Orten Briefe mit LSD zu seinen Freunden. Unter anderem fünf Mal nach Florida, an die Adresse seines Vaters. Einer dieser Freunde war ein Informant der Polizei, Tyler wurde festgenommen. Sein Vater wurde als Mittäter zu zehn Jahren im Gefängnis verurteilt, er starb nach acht Jahren im Gefängnis.

I am a very strong believer that the path that we have taken in the United States in the so-called "War on Drugs" has been so heavy in emphasizing incarceration that it has been counterproductive.
Präsident Barack Obama

Tyler wurde Opfer des three-strikes-Gesetzes: Nach der dritten Verurteilung wegen einer Straftat bekommt der Angeklagte automatisch lebenslänglich. "Dieser Fall veranschaulicht die Schwierigkeiten und Probleme, die aus einer verpflichtenden lebenslangen Strafe resultierten", sagte sein Richter William J. Castagna bei der Verurteilung. "Dieser Mann verdient kein lebenslang, aber es gibt keine Möglichkeit, die es mir erlaubt, es ihm nicht zu geben." (Tampa Bay Times)

Tylers Haare sind inzwischen lang, er sitzt immer noch im Gefängnis, die Lust am Briefeschreiben hat er verloren. Seine Hoffnung war Obama. Der "war on drugs" sei nicht erfolgreich gewesen, sagte der. Kleine Drogenkriminelle ins Gefängnis zu schicken, hätte nur Familien auseinander gerissen und zu mehr Kriminalität geführt. "Kontraproduktiv" bezeichnete er das noch im April 2015 (Whitehouse).

Bisher wurden keine 500 Insassen freigelassen. (Faz.net)
Und im November wird ein neuer Präsident gewählt.


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