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Eine neue Folge "Akteneinsicht - Alltag vor Gericht"

Seine wohl wichtigsten Worte spricht Richter Volker Köhler, als das Urteil bereits gefallen ist. Er beugt sich nach vorne, stützt die Ellenbogen auf den Tisch und fixiert eindringlich die Augen von Marco M. Dann sagt er: "Es wird Zeit, dass Sie Verantwortung für Ihr Leben übernehmen."

Marco* nickt. Der Angeklagte, 22, ist offensichtlich noch mitten im Reifeprozess, muss aber dringend erwachsen werden.

Akteneinsicht – Alltag vor Gericht

Vor Gericht werden die Grenzen unserer Gesellschaft verhandelt. Jeden Tag. Aber nur außergewöhnliche Fälle bekommen Aufmerksamkeit. 

In dieser Reihe schauen wir uns die anderen an, Verhandlungen, die normalerweise unbemerkt vom Rest der Welt entschieden werden. Wir wollen wissen, welche Schicksale junger Menschen in Deutschland sich hinter den Aktennummern verbergen. Und herausfinden, was ihr Schicksal für unsere Justiz bedeutet – ihre Möglichkeiten und ihre Grenzen.

  • "Ich bin eigentlich ein ganz lieber Junge." Nach seiner Verhandlung sitzt Marco auf den Treppenstufen vor dem Gerichtseingang. "Mit mir kann man reden, ich bin voll nett." Eine kurze Pause, dann spricht er etwas leiser: "Aber natürlich hat man seine Grenzen. Jeder kann auch anders."

Wegen Drogenhandels steht Marco M. Anfang August in Köln vor dem Amtsgericht. Er hatte auf der Straße Cannabis verkauft und ist Ende Februar der Polizei ins Netz gegangen. 

Sichergestellt wurden 5,04 Gramm verkaufsfertiges Marihuana und 850 Euro Bargeld. 

Keine außerordentlich großen Mengen, doch aufgrund seines Vorstrafenregisters drohen harte Konsequenzen. Schon im Mai saß Marco wegen Drogenbesitzes vor Richter Köhler, außerdem bekam er wegen Handels mit Betäubungsmitteln bereits eine Jugendstrafe von acht Monaten auf Bewährung.

  • "Es begann mit 17. Ich habe mit zwei Freunden auf einer Bank gesessen und Gras geraucht. Wie immer. Das Geld war meistens knapp, oft mussten wir für ein wenig Marihuana zusammenlegen. An diesem Tag dachte ich mir: Was ist los, Alter? Warum sollen wir immer zum Dealer gehen, wenn wir das auch selbst machen könnten?"

Nach der Verlesung der Anklageschrift versucht es Marcos Anwältin zunächst mit Zweifeln: Es sei recht dunkel gewesen, die ermittelnden Beamten hätten also nicht eindeutig erkennen können, ob Marco mit Drogen gehandelt hat oder nicht. 

Richter Köhler hört sich den zaghaften Vorstoß geduldig an, dann wischt er ihn mit wenigen Sätzen aus der Welt: Marco sei bereits aktenkundig, habe in vergangenen Verhandlungen sowohl Drogenbesitz als auch -handel eingestanden, und noch dazu habe er bei der Festnahme Marihuana in verkaufsfertigen Tüten mit sich geführt. "Da fällt es mir nicht ganz so schwer, das zu glauben, was in der Anklage steht", sagt der Richter.  

  • "Es hat direkt geklappt. Ich habe Leute angesprochen, mir schnell etwas aufgebaut. Auf einmal ist man angesagt, trifft viele Leute, wird von Mädchen angesprochen. Das ist der Vorteil am Dealen: Du bist wer." Marco zieht an seiner Zigarette, lässt seine eigenen Worte wirken. "Schon krass."

Nach der Widerrede des Richters unternimmt die Verteidigung keine weiteren Versuche. Marco gesteht den Tatvorwurf ein. "Und die 850 Euro stammen aus dem Handel, richtig?", will der Richter wissen. Marco nuschelt ein "Ja" hervor. Köhler: "Dann ist Ihnen hoffentlich klar, dass Sie die nicht wiederkriegen."

Auf Marcos Gesicht macht sich der Anflug eines Lächelns breit: "Das wäre krass gewesen." Richter Köhler antwortet trocken: "Und krasse Sachen mache ich nicht."

  • "Ich habe jeden Tag gedealt. Wie ein Otto stand ich draußen und habe meine Sachen gemacht. Ich war jemand, der das in Dauerschleife machen konnte."

Laut der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) wurden in Deutschland im vergangenen Jahr 350.662 Drogendelikte registriert. Das entspricht gegenüber dem Vorjahr einem Zuwachs von sechs Prozent. 

Cannabis machte mit 218.660 Fällen die überwältigende Mehrheit aus. "Wir beobachten, dass Cannabis gar nicht mehr richtig als illegale Droge wahrgenommen wird", sagt Olaf Schremm, der Chef der Berliner Drogenfahndung.

  • "Gras ist keine schlimme Droge. Ich bin kein Verbrecher. Das ist jemand, dessen Charakter kriminell ist. Ich bin immer nur in gewissen Momenten kriminell. Ich habe ausländische Freunde mit strengen Eltern. Die lieben mich! Das würden sie nicht tun, wenn ich ein richtiger Verbrecher wäre."

Marco hat keine abgeschlossene Ausbildung. Er habe sich mal beim Arbeitsamt gemeldet, erzählt er, wegen Harz IV. Aber das habe "irgendwie nicht geklappt". Gelegentlich helfe er in einer Firma aus, die Bühnen für Events baut. Marco hofft auf eine baldige Festanstellung. "Mein Chef ist voll zufrieden mit mir."

Richter Köhler will wissen, was er denn machen wolle, wenn das nicht klappt? "Ich sag mal so, Herr Richter", antwortet Marco "Es gibt immer einen Plan B."

  • "Ich mag es nicht, wenn Leute sich über mich stellen. Ich will mir von niemandem etwas sagen lassen. Als Dealer hast du deine eigenen Zeiten, Klamotten, dies das. An manchen Tagen machst du in zwei Stunden das Geld, für das andere drei Tage schwitzen. Aber das Ding ist: Du stehst immer mit einem Bein im Knast.“

Richter Köhler blickt auf seine Akten. "Sie haben bereits eine Jugendstrafe auf Bewährung", stellt er fest. Nun sitzt Marco schon zum zweiten Mal binnen zwölf Wochen vor ihm. "Das Eis wird immer dünner", sagt der Vorsitzende. Marco senkt schweigend den Kopf.

Der 22-Jährige passt ins Raster der alltäglichen Rauschgiftkriminalität. 

Laut des Bundeslagebilds für Rauschgiftkriminalität entfallen rund zwei Drittel aller Rauschgift-Handelsdelikte auf Cannabis. 90 Prozent der Fälle gehen auf männliche Täter zurück, 66 Prozent auf Deutsche und 52 Prozent auf Personen zwischen 14 und 25 Jahren.

Der Handel verlagert sich zwar zunehmend ins Internet, doch vor Gericht stehen überwiegend Straßendealer. Weil es für die Justizbehörden verhältnismäßig leicht ist sie zu belangen. Sie verkaufen ihren Stoff öffentlich, von Angesicht zu Angesicht, meist an einschlägigen Orten – sodass die Polizei ohne allzu hohen Ermittlungsaufwand zuschlagen kann. "Straßendealer stehen in der Kette des Drogenhandels an letzter Stelle“, sagt Drogenfahnder Schremm. "Sie stehen deutlich häufiger vor Gericht als die Hintermänner, die sie beliefern.“

  • "Irgendwann bist du kein normaler Mensch mehr. Du kriegst voll den Schaden. Abends vor dem Einpennen denkst du: 'Boah, kommen die rein? Werde ich observiert?' Immer diese Angst zu haben macht auch viel kaputt."

Zeit für die Schlussplädoyers. Marcos Anwältin bittet um eine milde Strafe, schließlich sei ihr Mandant geständig und zahle von seiner Verurteilung im Mai noch die fällige Geldstrafe ab. 800 Euro.

Richter Köhler benötigt kaum Bedenkzeit. Er erhöht die Geldstrafe um 900 Euro, auf 1700 Euro. "Ich habe den Eindruck, sie lassen ihr Leben ein bisschen vor sich hinlaufen", sagt er nach der Urteilsverkündung. Und warnt: "Ihr aktueller Weg wird dazu führen, dass Sie ins Gefängnis gehen."

  • "Je mehr Gerichtstermine ich habe, desto mehr wird mir bewusst: Es ist langsam vorbei. Sonst verliere ich alles. Aber das ist halt mein sturer Kopf. Ich bin noch jung. Ich versuche, mich zu finden."

Marco steht an einem Scheideweg. Wer ihn beobachtet, im Gerichtssaal, auf der Treppe, der sieht einen Menschen, der noch nicht weiß, wer er sein will. Und wer nicht. Er sagt Sätze wie: "Jeder hat schon mal gedealt". Oder: "Dealen hat Vor- und Nachteile, wie alles". Er malt sich aus, wie er mit seiner Mutter einkaufen geht, wenn er "eine Million gemacht hat". Gleichzeitig spricht er von einem Schlussstrich, davon, dass er nie wieder mit Drogen handeln werde. Vom Unmut seiner Freundin und seiner Mutter. Denn auch Marco ist klar: 

  • "Keiner will, dass dein Sohn oder dein Freund ein Dealer ist." Kurz bevor er sich von der Treppe erhebt und Richtung Alltag aufbricht, sagt Marco: "Ich habe Arbeit. Ich habe ein hübsches Mädchen. Ich habe alles, was ich will. Entweder gebe ich das Dealen auf und habe alles oder ich mache weiter und gebe alles auf."

Seine Wahl scheint er noch nicht endgültig getroffen zu haben. 

*Name geändert, der richtige Name ist der Redaktion bekannt. 


Future

Frauenquote, Generationenkonflikte und Greta: Eine Chefin und eine Nachwuchs-Führungskraft diskutieren
"Ich will nicht, dass wir hier Machtwörter sprechen müssen."

Als Antje von Dewitz, 47, zwei Jahre alt war, gründete ihr Vater ein Unternehmen, das später zu den Vorreitern in der Bekleidungsbranche gehören sollte. 

Der Vater von Sarra Braa, 30, verbrachte sein Arbeitsleben am Produktionsband eines Elektronikherstellers, sie selbst wollte zur Hauptschule, weiter dachte sie nicht. 

Heute leitet Antje von Dewitz das Unternehmen ihres Vaters, den Outdoorausrüster Vaude. Sarra Braa ist dort Führungskraft. 

Sie ist Teamleiterin der Manufaktur am Standort in Tettnang am Bodensee. Zwei Karrierewege, für die die Vorraussetzungen unterschiedlicher kaum hätten sein können. 

Seit Antje das Unternehmen vor zehn Jahren übernommen hat, hat sie es auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Wer das Firmengelände betritt, blickt auf eine mehrere Meter hohe Kletterwand – als wolle man zeigen: Wir wollen hoch hinaus. Die Kantine hinter dem Empfang serviert ausschließlich Bioprodukte. In den Räumen geht das Licht erst an, wenn sich jemand bewegt. Papier wird kaum noch ausgedruckt, Solarpanels zieren das Dach – es sollen so viele Emissionen eingespart werden wie nur möglich.

Was Nachhaltigkeit bedeutet, damit hat sich Sarra erst auseinandergesetzt, als sie zu Vaude kam. Auch damit, was es eigentlich heißt, eine gute Führungskraft zu sein. Da hatte Antje schon lange ihre Doktoarbeit über "leistungsstarke Arbeitsverhältnisse" geschrieben.

Im Interview diskutieren die beiden, warum Frauen noch immer seltener Karriere machen, wie moderne Unternehmen das ändern können und welche Generationenkonflikte auftreten.