Bild: Fides Velten

"Einmal kam ich von einem Ferienlager nach Hause und hatte Urlaub. Ich wollte mich irgendwie belohnen, ein bisschen entspannen. Ein Kumpel nahm mich in die Wohnung eines Freundes mit. Dort wurde Crystal verkauft. Aus Neugier probierte ich.

Damals war ich Anfang 20. Seit zwei Jahren arbeitete ich in einer heilpädagogischen Tagesstätte für behinderte Kinder. Ich bastelte mit den Kleinen, gestaltete den Unterricht für die Großen mit, versorgte pflegebedürftige Kinder, organisierte Ferienlager. Ich musste hyperflexibel sein, das strengt an. Trotzdem liebte ich meinen Job. Die Kinder und Jugendlichen faszinierten mich; ich wollte ihnen so viel geben wie möglich.

Auf Crystal wurde ich unglaublich kreativ: Ich klebte Collagen, legte Glassplitter zu Mosaiken. Anfangs konsumierte ich nur am Wochenende und in den Ferien. Was ich in der Zeit erschuf, integrierte ich in meine Arbeit. Meine Kollegen, die Kinder, alle waren begeistert.

Ungefähr zweieinhalb Jahre ging das gut. Dann verlor ich die Kontrolle. Ich hatte die Herbstferien damit verbracht, Bilder vorzubereiten, um den Kindern Gebärdensprache beizubringen. Ich hatte mich tagelang in mein Arbeitszimmer verkrochen, ausgemalt, geschnitten und laminiert. Ich wollte das Produkt unbedingt fertig machen, damit ich es am Montag mit auf die Arbeit nehmen kann. Ich war total im Schaffensmodus – und vergaß, rechtzeitig mit dem Konsum aufzuhören, damit ich schlafen kann. Am Montagmorgen war ich völlig fertig, aber ich verbot mir, mich krankzumelden. Also legte ich morgens eine Line nach.

Irgendwann begannen die Gewissensbisse. Da steckte ich aber schon zu tief drin.

Meine Kollegen merkten nichts, da war ich erst mal froh. Abends stellte ich fest: Hey, heute war ich besonders gut. Von dem Tag an nahm ich auch unter der Woche Crystal – damit ich leistungsfähiger bin, kompetenter wirke. Und ich glaube, das war ich auch: Einmal erkrankte eine Kollegin kurzfristig, der Elternabend musste trotzdem stattfinden. Ich leide unter Lampenfieber, aber da schmiss ich den ganzen Abend. Ich war auf Höchstspur.

Neben dem Vollzeitjob im Kinderheim hatte ich damals drei weitere Jobs. Ich hatte 25.000 Euro Schulden. Mein damaliger Freund hatte auf meinen Namen bestellt und so immense Kosten verursacht. Ich hatte das nicht unter Kontrolle; ich war damals sehr schüchtern. Mit nur einem Job hätte ich die Schulden nicht abbezahlen können. Also arbeitete ich nebenbei im familienentlastenden Dienst, leitete eine Jugendgruppe und war Busbegleiterin. An den Wochenenden hatte ich so gut wie nie frei. Ohne die Droge hätte ich das gar nicht geschafft.

Irgendwann begannen die Gewissensbisse. Ich fragte mich: Mensch, was machst du da eigentlich? Schämst du dich nicht? Du kannst doch so keine pädagogische Arbeit leisten! Da steckte ich aber schon zu tief drin. Ich wollte was tun, aber wo sollte ich anfangen?

Mit der Zeit wurde es immer schwieriger, an Crystal zu kommen. Im Internet stieß ich auf MDPV, eine amphetaminartige Substanz. Das brachte mich endgültig zu Fall. Ich war immer öfter krank, verlor meinen Job. Nach zehn Jahren Konsum beschloss ich, eine Therapie zu machen.

Ich bin jetzt 33 und seit eineinhalb Jahren clean. Ich will mich weiterhin um Kinder kümmern, das ist meine Berufung. Aber ich werde in Zukunft nicht mehr in einer Tagesstätte arbeiten, wo man alles machen muss und ständig unter Stress steht. Ich arbeitete mit einer gewissen Verbissenheit, das will ich ablegen. Ich weiß, dass ich es schaffe. Dass ich die Drogen nicht brauche."