Bild: Fides Velten

"Koksen ist echt verführerisch, weil du glaubst, dass du alles schaffen kannst: arbeiten, jeden Abend Party machen und zwischendurch noch einen Film schauen oder den neuesten Bestseller lesen.

Ich bin 29 und arbeite an der Bar eines Szene-Restaurants in Berlin mit 300 Plätzen. Nach zehn Jahren in der Gastronomie kann ich sagen: Drogen sind in unserer Branche normal.

Wen wundert das: Wenn man jeden Tag weit über zwölf Stunden arbeitet und danach noch was von seiner Freizeit haben will, dann muss man eben mit Aufputschmitteln nachhelfen.

Mich hat es wie so viele eher zufällig in die Gastronomie verschlagen. Neben meinem Studium arbeitete ich immer in Bars, legte in Clubs auf und organisierte selbst Elektropartys. Irgendwann nach meinem Master-Abschluss bot mir jemand die Geschäftsführung in einem Restaurant an, und ich probierte es aus. Seitdem bin ich hauptberuflich Gastronom.

Lange musste ich jeden Tag um 10 Uhr morgens anfangen, wollte aber nicht aufs Feiern verzichten. Deshalb kokste ich jeden Tag. Inzwischen ist es weniger geworden, nur ein oder zwei Mal pro Woche.

Nach zehn Jahren in der Gastronomie kann ich sagen: Drogen sind in unserer Branche normal.

Beim Koksen nicht mitzumachen, ist auf Dauer schwierig. Du sagst neunmal Nein und beim zehnten Mal probierst du es doch. Schließlich willst du dazugehören. Und ich finde, koksen hat auch was Soziales: Man teilt das Gramm, geht zusammen aufs Klo und so.

Wenn du erst mal Ja gesagt hast, feierst du durch, gehst spät ins Bett und musst am nächsten Tag gleich wieder arbeiten. Dann brauchst du Nachschub.

Das ist das Problem: Am Anfang kokst du, um gut drauf zu sein, irgendwann nur, um nicht schlecht drauf zu sein. Denn nach jedem von den Drogen ausgelösten Dopamin-Schub im Gehirn fühlst du dich ein bisschen depressiv. Das ist ein natürlicher biologischer Vorgang, die meisten Kokser verstehen das aber nicht.

Viele glauben, sie hätten das mit den Drogen unter Kontrolle, aber dein Kopf verarscht dich. Selbst wenn du nur jeden zweiten Tag oder nur Donnerstag bis Sonntag kokst, kommst du nie richtig runter.

Am meisten wird in unserer Branche in der Küche gekokst. Die müssen non-stop hochkonzentriert arbeiten – Gemüse schnippeln, Steaks braten – kommen aber mit den Gästen nicht in Kontakt. Die Leute im Service müssen viel mehr darauf achten, clean zu wirken. Und wenn der Chef selbst kokst, halten sich die Mitarbeiter nicht zurück.

Viele Leute nehmen auch Speed, das kostet ein Fünftel von einem Gramm Koks. Ich selbst habe das nie ausprobiert, weil ich schnell gesehen habe, dass das die Leute viel schneller kaputt macht. Wer regelmäßig Speed genommen hat, kann sich heute nicht mehr richtig konzentrieren. Das geht in der Gastronomie echt gar nicht.

Ich bereue nichts, habe meinen Konsum aber trotzdem runtergefahren. In meinem aktuellen Job fange ich erst um 12 Uhr mittags an zu arbeiten. Ich gehe weniger feiern, und habe eine neue Freundin, die von Drogen nicht begeistert ist. Außerdem weiß ich ja selbst genau, dass das auf Dauer nicht gesund ist. Und ich will gerne lange leben."