Bild: Fides Velten

"Cannabis, Extasy, Amphetamin – ich experimentierte immer mal wieder mit Drogen. Irgendwann auch mit Crystal Meth. Ich war auf einer Party, alle hatten Crystal konsumiert. Also probierte ich auch. Damals war ich 19 und noch in der Ausbildung zur Krankenpflegerin.

Kurze Zeit später fing ich an, Crystal auch während der Arbeitszeit zu nehmen. Ich war ein ganzes Wochenende wach gewesen und kam auch Sonntagnacht nicht zur Ruhe. Das ist einer der Effekte von Crystal: Man schläft schlecht. Am Montagmorgen musste ich auf die Arbeit, aber ich war total kaputt. Krankschreiben lassen wollte ich mich nicht; wir waren sowieso immer unterbesetzt. Also nahm ich einfach noch mal was.

Nachdem ich auf Altenpflege umgeschwenkt hatte, wurde mein Konsum regelmäßiger; ich nahm täglich was. Ich wollte meinen Job gut machen. Wenn ich konsumiert hatte, funktionierte das viel besser. Ich hatte das Gefühl, mehr zu leisten.

Als Altenpflegerin stand ich ständig unter Zeitdruck. In der Frühschicht musste ich in zweieinhalb Stunden zwölf Bewohner versorgen. Waschen, anziehen, an den Frühstückstisch setzen – wenn ich auf Drogen war, schaffte ich das schneller. So blieb mir mehr Zeit, mich um die Heimbewohner zu kümmern, etwas liebevoller mit ihnen umzugehen, auch mal mit ihnen zu reden.

Ich wollte meinen Job gut machen. Wenn ich konsumiert hatte, funktionierte das viel besser.

Ich konsumierte immer vor der Arbeit, in den Pausen und nach der Arbeit. Wenn ich total müde war, bin ich auch zwischendurch auf die Toilette und zog eine Nase. Angst, dass mich jemand erwischt, hatte ich nicht. Unsere Station war auf zwei Stockwerke aufgeteilt; für das obere Stockwerk war ich allein zuständig.

Es strengte mich viel mehr an, die Symptome zu verbergen: Ich kaute ständig Kaugummi, weil ich meinen Kiefer nicht ruhig halten konnte, ich schminkte meine Augen dunkel, damit man die großen Pupillen nicht so deutlich sieht. Einmal schlief ich während der Übergabe zwischen Früh- und Spätschicht ein, weil ich nichts mehr zum Nachlegen hatte. Als meine Kollegen mich weckten, versuchte ich, das zu überspielen. Vielleicht hat trotzdem jemand gemerkt, was mit mir los war.

Ich versuchte oft, mit Crystal aufzuhören. Aber dann konnte ich nicht schlafen. Also nahm ich am nächsten Morgen wieder was, damit ich dem Druck auf der Arbeit standhielt.

Weil ich auch unter der Woche konsumierte, brauchte ich mehr Stoff. Also fuhr ich selbst nach Tschechien. Einmal wurde ich auf der Rückfahrt an der Grenze kontrolliert. Ich musste in U-Haft und bekam vom Gericht die Auflage, bis zur Verhandlung keine Drogen zu nehmen. Trotzdem fing ich mit Heroin an. Da wurde mir klar, dass ich süchtig bin.

Seit Juni bin ich in Therapie. Ich werde aus meinem früheren Wohnort wegziehen und versuchen, mir etwas komplett Neues aufzubauen. Ich möchte auf jeden Fall weiter in der Pflege arbeiten. Klar, der Zeitdruck bleibt. Es gibt immer weniger Pflegekräfte und immer mehr Patienten. Aber der Job hat mir schon nüchtern Spaß gemacht. Deswegen glaube ich, dass ich es schaffen kann."