Zum Glück halten die Forscherinnen und Forscher aber zusammen.

Ein wissenschaftlicher Durchbruch. Eine Frau, die dabei mitgeholfen hat. Und ein Foto, das ihre Freude darüber zeigt. 

Eigentlich gibt es nichts, worüber man sich aufregen könnte, wenn man den Post von Dr. Katie Bouman und dem ersten Foto eines schwarzen Loches sieht. 

Und trotzdem wird die Forscherin nun genau deswegen angefeindet.

Aber von vorn.

Vergangenen Mittwoch präsentierten Astronomen einen historischen Durchbruch: Mit einem weltweiten Netzwerk von Radioteleskopen war es ihnen erstmals gelungen, den Schatten eines schwarzen Lochs zu fotografieren. Das Foto gilt als bahnbrechend, Nobelpreis in Sichtweite. (SPIEGEL ONLINE)

Fast ebenso häufig wie das Bild eben dieses Loches wurde in diesen Tagen aber das Bild von Katie Bouman geteilt. Bouman, 29, ist Computerwissenschaftlerin und Teil des Teams, das die Aufnahme des schwarzen Lochs erstellte. Ihr Spezialgebiet sind digitale Bildsysteme, und sie hat dabei mitgeholfen, einen Algorithmus zu entwickeln, mit dessen Hilfe das Loch-Foto aus verschiedenen Daten von Teleskopen zusammengesetzt werden konnte. (SPIEGEL ONLINE)

Den Moment, in dem sie das finale Foto vor sich sah, hält dieses Bild fest, das Katie Bouman auf ihrem Facebook-Account postete:

Watching in disbelief as the first image I ever made of a black hole was in the process of being reconstructed.

Posted by Katie Bouman on Wednesday, April 10, 2019

Mit diesem Foto konnten viele Menschen wohl mehr anfangen als mit dem verschwommenen Gelb-Schwarz des Ursprungsfotos – machen Boumans offensichtliche Freude und Fassungslosigkeit doch so gut deutlich, wie groß sich dieser Moment für die Forscher angefühlt haben muss. So wurde Katie Boumans Foto tausendfach geteilt, auf Twitter verbreitete es sich rasend schnell, Nachrichtenseiten entdeckten die glückliche Forscherin als Zugpferd für ihre Artikel.

Denn abgesehen davon, dass das Bild zum Mitfreuen anregt, bricht es auch auf erfreuliche Weise mit einem Klischee des Wissenschaftsbetriebs: Es zeigt keinen alten Mann im Kittel mit Reagenzglas und Bart, sondern eine junge Frau.

In ihrer Begeisterung über diese Frau, die so Großes erreicht hat, ließen sich einige Nutzer und Nutzerinnen in den sozialen Netzwerken dabei vermutlich etwas zu sehr mitreißen – so lasen sich manche Posts so, als sei Katie Bouman allein für das Foto des schwarzen Lochs verantwortlich. Eine Tatsache, für die Bouman nichts konnte – die sie aber in den darauffolgenden Tagen bitter zu spüren bekam. 

Denn einigen Menschen passte es offenbar nicht, dass Katie Bouman so viel Aufmerksamkeit bekam. 

Im Internet begannen sie deshalb einen Feldzug gegen die Forscherin. Auf Wikipedia beantragte jemand die Löschung ihres Eintrages, mit der Begründung, dass sie keine "herausragende" Rolle bei der Erstellung des Fotos gespielt habe. Auf Instagram wurden Fake-Accounts unter ihrem Namen erstellt. 

Und schließlich kam jemand auf die Idee, statt Bouman einen ihrer Kollegen, Andrew Chael, in den Mittelpunkt zu stellen. Denn Chael, so die Behauptung, habe in Wahrheit 95 Prozent des Codes geschrieben, für den Bouman nun gelobt werde. Also wurde auf Reddit und Twitter als Gegenangriff statt ihrem nun sein Foto tausendfach geteilt.

Was all diese Posts vermitteln sollten: Eigentlich sei die Leistung dieser Frau gar nicht so groß – das sei bloß eine Lüge, die liberale Medien und Social Justice Warriors im Internet erzählten, weil sie in ihr Weltbild passt.

Um das, was die Forscher selbst dazu sagten, ging es zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr.

Bouman selbst hatte nie behauptet, dass sie allein für das Foto des schwarzen Lochs verantwortlich sei. Schon einen Tag nach Erscheinen des Fotos veröffentlichte sie einen Facebook-Post, in dem sie klarstellte, dass nicht eine einzelne Person oder ein einzelner Algorithmus dieses Foto gemacht habe, sondern ein unglaubliches Forschungsteam auf der ganzen Welt. Der New York Times sagte sie, den Fokus auf eine einzelne Person zu legen, helfe niemandem – auch ihr selbst nicht.

Und auch ihr Kollege Chael wollte den Ruhm nicht, den ihm nun zahllose Menschen im Internet zukommen ließen. Im Gegenteil. Auf Twitter veröffentlichte er einen Post, in dem er sich gegen die "furchtbaren und sexistischen Attacken auf meine Kollegin und Freundin Katie Bouman" aussprach. Ihre Arbeit an dem Projekt sei ebenso wichtig gewesen wie seine eigene. Und die Behauptung mit den 95 Prozent sei völliger Quatsch.

Im Grunde denkt Chael aber auch nicht, dass Tatsachen die Poster wirklich interessieren. 

Das, was Katie Bouman passiert, passt leider in ein Muster: Frauen, die im Internet prominent in Erscheinung treten, erleben es immer häufiger, dass sie auf Plattformen wie Twitter oder Reddit systematisch beleidigt und abgewertet werden. Wer genau dahinter steckt, weiß niemand – doch das Motiv dahinter ist klar: Sexismus.

So sagt auch Chael in einem Interview mit der Washington Post: "Das wurde offensichtlich von Leuten gestartet, die wütend waren, dass eine Frau das Gesicht dieser Geschichte geworden ist, und sich überlegt haben: 'Ich suche jemanden, der eher in mein Narrativ passt.'"

Dass die Wahl dabei ausgerechnet auf ihn fiel, findet er paradox – denn er gehört selbst zu einer Minderheit: Chael ist schwul, er setzt sich für LGBTQ-Rechte in seinem Fachgebiet ein und betreut in Harvard schwule Studenten. 

Er hofft nun, dass Boumans Foto trotzdem etwas Gutes bewirkt: Nämlich Frauen zu motivieren, eine Karriere in der Wissenschaft anzustreben. Katie – und einige andere Frauen in dem Team – seien in der Hinsicht nämlich wirklich tolle Vorbilder.


Streaming

Bitte tut nicht so, als ob Serien-Spoiler euer Leben ruinieren
In Wahrheit ruinieren sie nicht mal die Serien.

"Game of Thrones" ist zurück. Und damit auch der größte natürliche Feind der Game of Throne-Fans: der Spoiler.

Vor Kurzem veröffentlichte mein Kollege Basti an dieser Stelle einen Text, in dem er schrieb, Menschen, die Fakten über den Fortgang dieser TV-Serie verrieten, gehörten, Zitat, "ins Drachenfeuer". Ihm und allen anderen, die im Internet, im Büro oder im Bus die Hände auf die Ohren schlagen, sobald jemand das Gespräch auf seine geliebte Serie bringt, möchte ich höflich, aber bestimmt, antworten: Regt euch ab!