Bild: epa/ Gary He
Was das für die USA bedeutet.

Es wird wieder ausgezählt. Zweieinhalb Wochen nach dem Wahltag sorgen zwei Einsprüche dafür, dass im US-Bundesstaat Wisconsin das knappe Ergebnis bei der Präsidentschaftswahl von Grund auf überprüft wird.

Zwei abgeschlagene Kandidaten forderten den Schritt am Freitagabend kurz vor Ablauf einer Frist ein. Neben einem Mitglied der Reform Party war es vor allem die grüne Kandidatin Jill Stein, die dafür getrommelt hatte.

Die Grüne sammelte binnen zwei Tagen mehr als fünf Millionen Dollar an Spenden, um diese Nachzählung in einem Staat zu erzwingen, der die Wahl mitentschieden hat. In Wisconsin lag Donald Trump laut dem offiziellem Ergebnis mit 22.177 Stimmen (und 0,8 Prozentpunkten) vor Hillary Clinton – der Republikaner hatte überraschend die zehn Wahlmännerstimmen gewonnen.

Stein hat sich an die Spitze einer Bewegung gestellt, in der sich berechtigte Zweifel an der Sicherheit des Wahlprozesses mit unbelegten Annahmen über Cyberattacken und dem Wunsch vermischen, einen Präsidenten namens Donald Trump doch noch irgendwie in der Nachspielzeit zu verhindern.

Über mexikanische Einwanderer sagte Trump:
Über Frauen, mit denen er Sex hatte:
Über sich selbst:
Über Hillary Clinton:
Über den IS und Obama:
Über eine Mauer zu Mexiko:
Über einen Chinesen, dem er eine Wohnung verkauft hat:
Über Politiker in Washington:
Über Verlierer:
Über Bio-Essen:
Über Schwarze:
Über seine Kindheit:
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Und diese Bewegung hat, obwohl es bislang keinerlei Hinweise auf tatsächliche Manipulationen gibt, ungeahnte Kraft entwickelt – binnen 48 Stunden wurde Stein mit Spenden überhäuft, sie verfügt nun über genügend Geld, die Einsprüche mit Anwälten geltend zu machen. Nicht nur in Wisconsin, sondern auch in Michigan und Pennsylvania hat sie diesen Schritt für die kommenden Tage angekündigt. Auch hier lag Trump ebenfalls nur knapp vorn – hätte Clinton alle drei Staaten gewonnen, wäre sie Präsidentin geworden.

Schon sah sich das Weiße Haus gezwungen, die Wahl zu verteidigen. Trotz der Hackerangriffe im Wahlkampf stehe man "hinter den Wahlergebnissen, die den Willen des amerikanischen Volkes genau widerspiegeln", hieß es am Freitagabend in Washington.

Was passiert jetzt?

In Wisconsin beginnt ein nun aufwendiger Prozess. Erst einmal muss mit den Bezirken ermittelt werden, wie teuer eine Neuauszählung wird. Wer die fordert, muss dafür zahlen. Dann wird wohl gegen Ende kommender Woche damit begonnen, alle rund drei Millionen abgegebenen Stimmen zu überprüfen: Stimmzettel werden neu ausgezählt, Belege von Wahlcomputern überprüft, Wählerverzeichnisse abgeglichen. Vertreter der Kandidaten und Bürger dürfen dabei zuschauen.

Der an den Großen Seen gelegene Staat steht unter Zeitdruck, bis zum 13. Dezember müssen die endgültigen Ergebnisse eingereicht werden. Der Wahlleiter warnte am Freitagabend bereits, dass dies für manche Bezirke eine Herausforderung sei. Er stellte die Betroffenen auf Überstunden und Wochenendarbeit ein.

Warum wird überhaupt neu ausgezählt?

Zurück geht alles auf eine Gruppe von Daten- und Wahlexperten, die seit Langem eine Überprüfung von elektronischen Wahlgeräten fordern, die in vielen US-Staaten zum Einsatz kommen. In ersten Berichten vom Dienstag hieß es, sie hätten Unregelmäßigkeiten in jenen Bezirken mit elektronischer Abstimmung in Wisconsin festgestellt. Danach nahm das Ganze eine Eigendynamik an.

Der beteiligte Wissenschaftler J. Alex Halderman, Direktor des Center for Computer Security and Society, betonte zwar danach, er halte es für unwahrscheinlich, dass die Wahl gehackt worden sei. Aber um es wirklich ausschließen zu können, müsse Amerika beginnen, die Wahlergebnisse, auf Papier und elektronisch, gründlicher zu überprüfen.

Sein Befund fiel auf fruchtbaren Boden nach einem Wahlkampf, in dem Hacker unter anderem die Mails der demokratischen Parteiführung und von Clintons Chefstrategen John Podesta knackten sowie in mindestens zwei Wählerverzeichnisse eindrangen. Die US-Regierung macht Russland dafür verantwortlich. In ihrem Einspruch in Wisconsin beziehen sich Stein und Halderman explizit auf diese Vorkommnisse. Der Forscher schreibt von dem bekannten Problem, dass "amerikanische Wahlmaschinen schwerwiegende Cybersicherheitsprobleme haben" - das ist tatsächlich Konsens unter Experten.

Wie kam Jill Stein ins Spiel?

Die IT-Experten wandten sich erst an Vertraute Clintons, um sie zu einem Einspruch zu bewegen, blitzten damit aber offenbar ab. Dann nahm Stein den Ball auf. Die grüne Präsidentschaftskandidatin (1,0 Prozent) setzte ein Fundraising auf: Wenn genügend Geld zusammenkomme, wolle sie Neuauszählungen einfordern.

Dann sprudelte das Geld nur so. Dass sich die Experten eigentlich vor allem für standardmäßige Überprüfung der Wahlmaschinen einsetzen wollten, nicht zwangsläufig für eine komplette Neuauszählung, das ging im recount-Fieber schnell unter.

Für Stein hat sich die Aktion zumindest jetzt schon gelohnt. Im gesamten Wahlkampf nahm sie 3,5 Millionen Dollar an Spenden ein - bei der Sammelaktion für die Neuauszählung kam diese Summe binnen 24 Stunden zusammen. Mehrfach wurde die Zielmarke nach oben verschoben, von anfangs 2,5 Millionen auf nun "sechs bis sieben" Millionen Dollar - um die Neuauszählung auch in Michigan und Pennsylvania durchzubekommen. Am Freitagabend (Ortszeit) hatte sie 5,3 Millionen Dollar beisammen.

Der unerwartete Geldsegen dürfte auch von enttäuschten Clinton-Anhängern gekommen sein, für die die Wahlniederlage überraschend kam. Noch bitterer wird es für viele dadurch, dass Clinton die Mehrheit der absolut abgegebenen Stimmen geholt hat – und ihr Vorsprung bei dieser popular vote zuletzt gar auf mehr als zwei Millionen Stimmen angewachsen ist.

Und was bedeutet für die Neuauszählung für das Rennen Clinton vs. Trump?

Rechnerisch kann Clinton noch gewinnen. Doch dafür müsste es auch in Michigan und Pennsylvania wirklich zu Neuauszählungen kommen und die Demokratin in allen drei Staaten Trump überholen. Dann hätte sie plötzlich die Mehrheit im Wahlmännergremium.

Mit solch einem kompletten Umschwung ist aber nicht zu rechnen. Schon in Wisconsin gab der Leiter des Wahlforschungszentrums zu Protokoll, sei es unwahrscheinlich, den Vorsprung Trumps einzuholen.

Die Demokraten hatten am Wahltag landesweit, wie es üblich ist, Freiwillige an vielen Wahllokalen positioniert, um mögliche Auffälligkeiten zu dokumentieren – dabei trat allerdings nichts zutage. Dementsprechend war auch von Clinton noch kein Kommentar zur Neuauszählung zu hören.

In Pennsylvania liegt Trump zudem mit 1,2 Prozentpunkten vorn. Dort dürfte auch die Überprüfung schwierig werden: In diesem Bundesstaat wird teilweise nur mit elektronischen Wahlgeräten gewählt, ohne Papierbelege – ein Albtraum für die Datenexperten.

Die Grünen haben schon einmal nachzählen lassen, im Jahr 2004 im wahlentscheidenden Bundesstaat Ohio. Nach Berichten über unrechtmäßig aussortierte Stimmzettel wurde mehr als drei Wochen lang in 88 Bezirken nachgezählt. Der demokratische Wahlverlierer John Kerry bekam letztlich 734 Stimmen gutgeschrieben und sein Konkurrent George W. Bush 449 – der Präsident lag weiter mit mehr als 118.000 Stimmen vorn und konnte seine zweite Amtszeit antreten.

Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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