Warum jetzt alle diesen Big-Data-Artikel teilen.

Dieser Text rauscht seit dem Wochenende durch die Timelines: "Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt". Es ist eine Reportage aus dem Magazin des Schweizer "Tages-Anzeigers" mit einer kühnen Behauptung: Die Ideen eines einzelnen Psychologen haben Donald Trump zum Wahlsieg verholfen.

Für die einen ist der Artikel endlich eine Art Erklärung für das Unerklärliche – also Trumps plötzlicher Erfolg. Für die anderen ist er ein Vorbote für das, was da noch kommen mag – wie Parteien, Firmen, Organisationen mit geschickter Datenanalyse Bürger gegeneinander ausspielen.

Was steckt dahinter? Wie realistisch ist das Szenario wirklich?

Die wichtigsten Antworten im Überblick:

1. Was genau behauptet der Artikel?

Er portraitiert den Psychologen Michal Kosinski, der menschlichem Verhalten anhand ihrer Profile in digitalen Netzwerken misst. Kosinski vertritt die These, dass Maschinen uns längst besser durchschauen als wir selbst:

Seit 2008 hat Kosinski an einer Art Online-Quiz gearbeitet, mit dem sich die Persönlichkeit von Menschen anhand ihrer Online-Vorlieben einordnen lässt. Simpel gesagt: Sag mir, was du auf Facebook likest und sich sage dir, wer du bist.

Die Erkenntnisse seiner Forschung – im Artikel wird das Tool "Menschensuchmaschine" genannt – verkaufte ein Kollege Kosinskis an ein Unternehmen, zu der auch die Beraterfirma "Cambridge Analytica" gehört. Und genau diese Firma wurde von Trump angeheuert.

Ihre Aufgabe: Im Wahlkampf jedem Facebook-Nutzer für ihn zugeschnittene Nachrichten ausspielen. Donald Trump wurde somit nicht zum Wahlkämpfer, der für wenige klare Botschaften steht – sondern zu jedermanns persönlichem Wahlkämpfer mit tausenden (sich auch widersprechenden) Botschaften.

Das wichtigste Werkzeug seien dabei sogenannte "Dark Posts" gewesen. Das sind Facebook-Einträge, die nur von einer kleinen Gruppe von Menschen gesehen werden. Mit personifizierten Nachrichten sollten mögliche Clinton-Wähler von einem Urnengang abgehalten werden. Zum Beispiel, indem in den USA lebende Haitianer auf ihre ausgebliebene Erdbebenhilfe hingewiesen wurden.

Trump ist wie ein perfekt opportunistischer Algorithmus, der sich nur nach Publikumsreaktionen richtet.
Die Mathematikerin Cathy O'Neil

Die abschließende These des Artikels: Durch die Ideen des Psychologen Kosinski sei es Trump also gelungen, mit "Big Data" Millionen von US-Wählern gezielt zu beeinflussen.

2. Was ist eigentlich "Big Data"?

Big Data steht für die Sammlung und Auswertung von Datensätzen aus dem Netz. Jeder von uns hinterlässt digitale Spuren – beim Kauf eines Flugtickets, bei der Google-Suche, selbst beim Selfie-Schießen auf dem Weihnachtsmarkt. Soziale Netzwerke wie Facebook sammeln diese Daten und nutzen sie für gezielte Werbung. Oder verkaufen sie weiter.

Befürworter von Big Data sagen: Die Datenanalyse macht unser Leben einfacher und zeigt uns nur, was wir sehen wollen. Kritiker entgegnen: So werden wir zum "gläsernen Menschen", Firmen und auch Regierungen wissen genau über uns bescheid. (Forbes)

3. Wie realistisch sind die Behauptungen aus dem "Magazin"-Artikel?

Big Data auszuschöpfen und nutzbar zu machen, halten viele Experten für realistisch – de facto wird es bereits gemacht. Die Dimension, die der "Magazin"-Artikel beschreibt, sehen allerdings viele als kritisch. Drei Beispiele:

  • Das Techblog des WDR zweifelt an, ob man von Likes auf Persönlichkeiten schließen kann. Wenn zum Beispiel ein Mann viele Kosmetika like, ist er laut Big Data mit hoher Wahrscheinlichkeit schwul – tatsächlich sind diese Vorhersagen nur in 45 Prozent der Fälle korrekt. (Wahrscheinlich war der Mann einfach auf der Suche nach einem Geschenk.)
  • Der Datenexperte Jens Scholz sieht in dem Artikel viel Verschwörungstheorie: Dass Facebook Filterblasen begünstige, sei nicht neu und dass Politiker mit möglichst einfachen Antworten um sich werben, auch nicht, schreibt er auf seinem Blog. Ein Datenprogramm, dass beides in großem Stil zusammenfüge, sei hingegen unrealistisch. Und auch die Erstellung von hunderttausenden, personalisierten Werbeanzeigen sei in so kurzer Zeit gar nicht umsetzbar.
  • Und die Technews-Seite "Civic Hall" argumentiert, dass die Firma "Cambridge Analytica" im Wahlkampf zunächst den republikanischen Gegner Ted Cruz unterstützte, bevor sie von Trump angeheuert wurde. Würde ihr Mechanismus so gut funktionieren, hätte schon Cruz davon profitieren müssen. Tatsächlich verlor Cruz gegen Trump, und ließ Cambridge Analytics mitten in seiner Kampagne fallen – wegen nicht eingehaltener Versprechen. (AdAge)
Fazit:

Dass man mit Big Data Menschen besser analysieren kann und Nachrichten auf ihre Interessen abstimmen kann, ist real. Dass Trump allein mithilfe eines Analyseprogramms Millionen von Wählermeinungen beeinflussen konnte, hingegen nicht. Stattdessen konnte er diejenigen, die bereits eine Meinung hatten, besser mobilisieren.

Auch bevor wir uns in sozialen Netzwerken aufhielten, versuchten Politiker und Firmen die Menschen mit möglichst zielgerichteter Ansprache zu erreichen. Der Spruch "Make America Great Again" war ein Versprechen – so wie acht Jahre zuvor Obamas "Yes, We Can". Hillary Clinton hatte dem kaum etwas Hoffnungsvolles entgegenzusetzen.

Der Wahlsieg Trumps ist also kein technisches Wunderwerk – sondern einfach das Ergebnis eines ziemlich cleveren Wahlkampfes.

Gerechtigkeit

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