Bild: Sonja Peteranderl

Es ist wie ein Erdbeben. Massenproteste überall – und Gewalt und Hass. Die Atmosphäre in den USA hat sich verändert seit der Präsidentschaftswahl, deren Ergebnis Millionen Amerikaner völlig überrascht hat. Für Minderheiten fühlt es sich an, als ob Amerika die Maske abgelegt hätte und plötzlich eine hässliche Fratze zum Vorschein kommt.

Rassismus und Diskriminierung sind mit dem Sieg von Donald Trump alltagsfähig geworden. Trump-Unterstützer reißen muslimischen Frauen den Hijab vom Kopf und attackierten Muslime, der Ku-Klux-Klan feiert, Hassbotschaften werden an Wände gesprayt, Migranten belästigt. Solche Berichte häufen sich derzeit, Amerikaner teilen Fotos und Videos davon auf Twitter. "Genießt eure Arbeit noch ein bisschen, bald dürft ihr an der Mauer arbeiten, die die USA von Mexiko trennen wird", mussten sich mexikanische Angestellte von einer Kundin in San Diego anhören.

Junge Amerikaner, die von den politischen Veränderungen besonders betroffen sind, weil sie etwa Einwandererkinder sind, schwarz, lesbisch, schwul, bi- und transsexuell, haben Angst.

Trotzdem versuchen viele, ihr Land zu verändern – fünf von ihnen erzählen hier, wie:
(Bild: privat)
Alberto Aguilar, 25: Poesie gegen Trump

Ich habe kaum geschlafen seit den Wahlen. Ich hatte befürchtet, dass Donald Trump gewinnen würde – und trotzdem war ich von dem Ergebnis enttäuscht. Viele nicht-weiße Menschen, aber auch LGBT haben jetzt Angst. Durch Trumps Wahlsieg sind Rassisten bestärkt worden, sie haben jetzt richtig Auftrieb bekommen und belästigen Menschen. Ein Kind aus einer Latino-Familie wurde zum Beispiel in der Schule terrorisiert – sie haben ihm gesagt, dass sie es abschieben werden.

Ich bin in den USA geboren worden, aber meine Familie ist mexikanisch. Ich kenne auch einige Einwanderer, die keine Dokumente haben, und sie haben jetzt noch mehr Angst vor der Abschiebung als zuvor. Rassismus gegen Migranten hat in den USA eine lange Geschichte, aber das Klima hat sich noch mal verändert – mit dem Wahlkampf hat die Hetze einen Höhepunkt erreicht. Wir müssen uns jetzt gegenseitig unterstützen und auch einschreiten, für andere aufstehen, wenn wir sehen, dass etwa auf der Straße jemand belästigt wird.

Wir müssen uns jetzt gegenseitig unterstützen
Alberto

Ich spreche viel mit meinen Freunden und ich schreibe, um meine Gedanken zu sortieren und das, was geschieht, zu verarbeiten. In meinen Gedichten und meinen Kurzgeschichten beschäftige ich mich generell viel mit meiner Familie und Themen wie Identität, Migration und der Grenze. Ich veranstalte in dieser Woche auch eine Poetry-Lesung. Es ist wichtig, einen Raum zu schaffen, wo die Leute über das reden können, was passiert, und heilen können.

Diese Dinge hat Donald Trump wirklich gesagt:
Über mexikanische Einwanderer sagte Trump:
Über Frauen, mit denen er Sex hatte:
Über sich selbst:
Über Hillary Clinton:
Über den IS und Obama:
Über eine Mauer zu Mexiko:
Über einen Chinesen, dem er eine Wohnung verkauft hat:
Über Politiker in Washington:
Über Verlierer:
Über Bio-Essen:
Über Schwarze:
Über seine Kindheit:
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Brooke Petersen, 22: Mauern einreißen

Ich habe mich erst völlig taub gefühlt, als ich die Ergebnisse gesehen habe. Mein zweiter Gedanke war: Krisenmanagement. Was können wir jetzt tun? Wir müssen uns gegenseitig mehr zuhören, den Schock verarbeiten. Ich möchte die Leute aber auch erinnern, dass wir bei den Halbzeitwahlen, also in zwei Jahren, wählen gehen müssen, um vielleicht weniger konservative Abgeordnete und Gouverneure zu bekommen.

Was die unmittelbaren politischen Auswirkungen der Trump-Wahl betrifft, sind wir in Kalifornien gerade noch relativ sicher. Richtig erschreckend ist aber, wie schnell ein feindseliges Klima entstanden ist. Menschen, die rassistisch oder homophob sind, müssen sich plötzlich nicht mehr verstecken. Ich bin queer, aber weiß – für People of Color ist die Lage noch schwieriger. Es ist überwältigend, dass schon am ersten Tag nach den Wahlen all diese Übergriffe stattgefunden haben.

Menschen, die rassistisch sind, müssen sich plötzlich nicht mehr verstecken
Brooke

Bei uns an der Uni wurde ein muslimisches Mädchen in der Tiefgarage attackiert, die Männer haben islamophobe Kommentare und Kommentare zu Trump gemacht und dann ihr Auto geklaut. Wir organisieren uns auf dem Campus, um zu zeigen, dass das alles nicht okay ist. Wir haben uns eine symbolische Aktion ausgedacht: Wir bauen eine Mauer aus Kartons auf, an die man die ganzen Hasskommentare und Ideologien anheften kann. Dann reißen wir die ganze Mauer ein.

(Bild: Sonja Peteranderl)
Arianna O'Bryan, 22: Mehr Bildung und Aufklärung

Seit der Wahl ist die Atmosphäre sehr angespannt, es gab diverse Hassverbrechen. Alles wofür Donald Trump steht, ist ziemlich übel. Was er in den Menschen, im Land hervorbringt, ist Ignoranz und Rassismus. Es wirft die USA um Jahrzehnte zurück.

Rassismus hat natürlich auch vorher schon existiert – wenn Hillary Clinton gewonnen hätte, hätten wir immer noch ein Rassismusproblem gehabt. Aber er als Präsident ist wie ein Freifahrtsschein dafür, dass Menschen sich besser fühlen dürfen, nur weil sie weiß sind. Das einzig Gute daran, dass er gewählt wurde, ist, dass es die Menschen zwingt, aktiv zu werden und etwas zu tun. Deswegen protestiere ich gerade auch mit anderen Studenten. Aber auch Bildung und Aufklärung sind mittelfristig extrem wichtig – wir müssen auch die Menschen erreichen, die vielleicht nicht in den Schulen und an den Universitäten sind.

(Bild: Sonja Peteranderl)
Janet Alvarado, 22: Auf die Straße gehen

Als ich die Wahlen gesehen habe, konnte ich nicht glauben, dass Trump Präsident wird – nach all den Skandalen und seinem Verhalten, das einfach nicht zu einem Präsidenten passt. Er ist ein Sexist und wird sexueller Übergriffe beschuldigt. Außerdem hat er viele betrogen, die in seine Projekte wie die Trump University investiert haben. Ich will es nicht glauben, es ist aber leider kein Witz und ich habe Angst um meine Sicherheit.

Wenn wir nichts tun, werden wir dafür bezahlen müssen
Janet

Latinos waren Trumps erste Zielscheibe, aber wer weiß, wer als Nächstes dran ist. Er hat keine Regierungserfahrung, er denkt nicht nach, bevor er spricht. Es wird nicht lange dauern, bis er die USA in richtige Schwierigkeiten mit einem anderen Land bringt. Wenn wir nichts tun, werden wir dafür bezahlen müssen. Es werden unsere Truppen sein, die sterben, wenn er sich entscheidet, in den Krieg zu ziehen. Die Massenabschiebungen, die er plant, bezahlen wir mit unserem Steuergeld. Seit der Entscheidung sind im ganzen Land Proteste ausgebrochen.

Ich werde weiter protestieren. Ich fordere keine Revolution oder dass wir einen Aufstand mit Molotowcocktails und Gewalt anzetteln. Aber je mehr die Menschen deutlich machen, dass sie Trump nicht akzeptieren, umso stärker wird die Regierung dazu gezwungen, etwas zu unternehmen. Wir müssen streiken und protestieren – gemeinsam. Martin Luther King hat die Rassentrennung auch nicht über Nacht abgeschafft, aber er hat eine Bewegung initiiert, die dann die ganze Welt verändert hat.

(Bild: Sonja Peteranderl)
Johnathon Michael, 20: Selbst Politik machen

Ich bin sauer, was in diesem Land gerade passiert. Es ist eine Schande, dass so viele Menschen für Donald Trump gestimmt haben. Ich hoffe nicht, dass er seine Pläne verwirklichen kann, dass er Menschen abschieben, uns durch eine Mauer separieren kann, Menschen foltern und töten kann. Das ist nicht, wer wir sind.

Das ist nicht, wer wir sind
Johnathon

Als ich ein Kind war, wurde ich als Autist diagnostiziert und mir wurde quasi garantiert, dass ich ein Fall für die Institutionen werde. Ich habe es zwar geschafft, jetzt bin ich wie alle anderen. Mit Trump werden Menschen, die eine Behinderung haben, leiden müssen. Ich brauche keine Unterstützung mehr – aber viele brauchen es. Ich glaube nicht, dass sie das erhalten werden.

Ich werde meine Stimme nutzen und zu jedem Protest gehen, zu dem ich gehen kann, politisch aktiv werden. Und ich werde meine Freunde ermutigen, sich auch in die Politik einzumischen, so dass sie das System verändern können. Ich gehe auf die Straßen, um gegen die Ungerechtigkeit zu protestieren und gegen die Gleichgültigkeit, die viele an der Wahlurne gezeigt haben.

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Gerechtigkeit

"Wir stumpfen ab. Das ist der Nährboden der Populisten"
Michel Abdollahi fordert: Alltagsrassismus muss bestraft werden.

Es wird immer schwieriger, dass mich Nachrichten aus der Fassung bringen – insbesondere was die Flüchtlingsthematik anbelangt. Ich glaube, das geht vielen von uns so. Jeden Tag prasseln Meldungen auf uns ein.

Wir stellen wahrscheinlich schon aus Selbstschutz auf Durchzug.

Ob nun wieder ein neues Heim brennt, irgendwo eine neue Mauer um eine Unterkunft gebaut wird oder irgendwo irgendein "besorgter Bürger" eine Vergewaltigung beobachtet hat, was sich im Gerichtsprozess aber als gelogen darstellt. Es erinnert mich alles immer mehr an Nachrichten aus dem Nahen Osten, an Konflikte, an die wir uns gewöhnt haben:

"In Tel Aviv ist heute eine Autobombe explodiert. Hunderte Tote und Schwerverletzte. In Syrien wurde heute versehentlich ein Kindergarten bombardiert. Dutzende Kinder starben."