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Fünf Thesen zu einem kontroversen Text

Selbst in der Auseinandersetzung mit Donald Trump gibt es noch Premieren: Die "New York Times" hat am Montag einen anonymen Kommentar veröffentlicht, der offenbar von einem hochrangigen Mitarbeiter der US-Regierung geschrieben wurde (hier nachzulesen).

Der Vorgang ist außergewöhnlich: Die NYT ist dafür bekannt, normalerweise nur Artikel zu veröffentlichen, die namentlich gekennzeichnet sind. In einem Tweet erklärte die Zeitung ihr Vorgehen so:

Was steht in dem Artikel?

Der Autor berichtet davon, Teil einer internen "Widerstandsgruppe" zu sein. Ihre Mitglieder fühlten sich dem Land mehr verpflichtet als dem US-Präsidenten. Donald Trump sei aggressiv, engstirnig und handele oft nur aus dem Impuls heraus. Deshalb hätten mehrere Personen versprochen, ihr Bestmögliches zu tun, "um die demokratischen Institutionen zu bewahren und Trumps schlimmste Impulse zu vereiteln, bis er aus dem Amt ist."

Dennoch gebe es auch Erfolge im Weißen Haus. Die Mitglieder der "Widerstandsgruppe" seien grundsätzlich von der Regierungsarbeit überzeugt und unterstützten viele der klassischen Ziele der Republikaner.

Unsere Arbeit hat die Vereinigten Staaten bereits sicherer und erfolgreicher gemacht.
Zitat aus dem Text

Wie hat die Trump-Regierung darauf reagiert?

Regierungssprecherin Sarah Sanders nannte den Meinungsbeitrag "erbärmlich, unverantwortlich und egoistisch". Der anonyme Autor des Textes solle das Richtige tun und zurücktreten.

Auch Donald Trump hat inzwischen reagiert. In einem Tweet stellte er infrage, ob der Artikel wirklich von einem führenden Mitarbeiter seiner Regierung geschrieben worden sei und griff die "New York Times" an. 

Wie interpretieren andere den Artikel?

Die Reaktionen auf den Artikel sind vielfältig. Während konservative US-Medien vor allem die anonyme Veröffentlichung in einer liberalen Zeitung kritisieren, empören sich andere vor allem über den Inhalt. Manche Journalisten befürchten dagegen vor allem, der Artikel könne den Druck auf Angestellte der "New York Times" weiter erhöhen. Schon jetzt wird das Blatt regelmäßig vom US-Präsidenten und seinen Anhängern attackiert.

Doch was steckt nun wirklich hinter dem Text? Wie vertrauenswürdig ist der anonyme Autor und wie lässt sich der Inhalt verstehen? 

Hier sind fünf mögliche Interpretationen: 

1. Das Vorgehen zeigt, in was für einer Welt wir gerade leben.

Wenn hochrangige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des US-Präsidenten in der wichtigsten Zeitung des Landes anonym gegen ihn Stellung beziehen, zeigt das, wie außergewöhnlich die Lage ist. So lautet die vielleicht naheliegenste Interpretation des Artikels. Wirklich überraschend ist sie nicht. Dafür gibt es aber auch wenig, was gegen diese These spricht.

2. Der Autor hat nicht verstanden, wie gefährlich Donald Trump ist.

Ist der Text ein geniales Zeichen des Protests oder einfach nur naiv? Nicht alle Beobachterinnen und Beobachter sind sicher, ob der anonyme Autor wirklich verstanden hat, welche Folgen die Politik von Donald Trump für viele Menschen hat. Deshalb lautet eine andere Einschätzung, dass der Text wenig über möglichen Widerstand verrate und in Wahrheit vor allem zeige, wie naiv manche Mitarbeiter der US-Regierung seien.


3. Der Artikel zeigt, wie gefährlich die Rechten in den USA sind – mit und ohne Trump.

Doch was ist, wenn der vermeintliche Widerstand nicht naiv sondern böswillig wäre? Was bedeutet es, wenn nicht-gewählte Mitarbeiter einer Regierung gezielt vom Volk gewählte Politiker umgehen? Manche Kritikerinnen und Kritiker halten den Artikel für ein Zeichen dafür, dass radikale Kräfte in den USA inzwischen so viel Einfluss haben, dass sie keine Skrupel mehr haben, ihr Verhalten öffentlicht zuzugeben. Diese Analyse ist vielleicht am radikalsten.

Ein anderes Argument, das so ähnlich ist: Gerade Donald Trump hatte in der Vergangenheit immer wieder vor einem angeblichen "deep state" gewarnt, also einer großen Verschwörung im Inneren des Staates. Durch den Artikel dürfte er sich bestätigt fühlen – und noch entschlossener gegen vermeintliche Gegner vorgehen.

4. Der Autor ist Teil des Problems und verklärt seine Arbeit.

Was heißt es, für einen Präsidenten zu arbeiten, der Despoten umschmeichelt, demokratische Institutionen angreift und immer wieder mit rassistischen Bemerkungen auffällt? Kann man überhaupt in der Regierung von Donald Trump arbeiten und dennoch das Richtige tun?

Vorallem liberale Kritiker verneinen das und sagen, der anonyme Autor verkläre seine eigene Mitarbeit in der Regierung. In diesem Zusammenhang wird auch oft auf das Lob angeblicher Regierungserfolge im Text verwiesen. Denn anders als behauptet, seien Steuerkürzungen und eine Stärkung des Militärs kein Erfolg, sondern Teil des Problems. 

5. Was ist der Wert eines Geheimnisses, das man nicht geheim hält?

Last but not least: Was bringt es eigentlich, eine geheime Widerstandsbewegung aufzubauen, wenn man ihre Existenz in der bekanntesten Zeitung des Landes verrät? Diese Frage lässt sich vielleicht am wenigsten beantworten. Sie lädt aber dazu ein, noch etwas länger über den Artikel und seine Folgen nachzudenken.

Was die unterschiedlichen Thesen spannend macht: Sie sind widersprüchlich, schließen sich oft aber nicht aus. Vor allem die Coup- und die Naivitäts-Thesen werden von vielen Beobachtenden kontrovers diskutiert. Doch welche Annahmen man am Ende für besonders plausibel hält, hängt vor allem auch vom eigenen Weltbild und vom gewählten Blickwinkel auf die USA ab.


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