Bild: Getty Images/Chip Somodevilla

In zehn Tagen werden die USA ein neues Staatsoberhaupt haben. Viele Beobachter glauben, dass die Demokratin Hillary Clinton die Wahl gewinnen wird. Der Republikaner Donald Trump dagegen ist für viele ein rotes Tuch – er ist ein Sexist, ein Rassist, ein Populist.

Doch das muss nichts bedeuten. Tausende US-Bürger – darunter auch viele junge Menschen – stehen hinter ihm, trotz (oder wegen) seiner ausfallenden Art.

Diese 5 Gründe zeigen dir, warum Donald Trump US-Präsident werden könnte:

1. Hillary Clinton steht (mal wieder) in der Kritik – dieses Mal kurz vor der Wahl.

Die E-Mail-Affäre von Hillary Clinton zieht sich wie ein roter Faden durch den Wahlkampf: In ihrer Zeit als US-Außenministerin (Januar 2009 bis Februar 2013) benutzte Clinton einen privaten E-Mail-Server für ihre dienstliche Kommunikation; eine amtliche E-Mail-Adresse besaß sie nicht (SPIEGEL ONLINE). Im März begann WikiLeaks, diese so verschickten und empfangenen E-Mails zu veröffentlichen.

Es gab mehrere Untersuchungen, auch das FBI ermittelte. Die Kernfrage war, ob Clinton geheime Dokumente über ihre privaten Kanäle verschickt hatte. Im Sommer riet das FBI schließlich von einer Anklage ab. Damit schien der Fall zunächst erledigt.

Doch seit Freitag wird offenbar wieder ermittelt: FBI-Chef James Comey gab bekannt, dass seine Behörde auf neue E-Mails gestoßen sei, diese wolle man nun prüfen. Allerdings könnte man "noch nicht abschätzen, wie wichtig das Material" sei und ob es sensible Informationen enthalte. (SPIEGEL ONLINE)

Die ganze Affäre suggeriert, Clinton habe etwas zu verbergen. Donald Trump nutzt das gekonnt: Er nennt Clinton im Wahlkampf immer nur "Crooked Hillary" – "betrügerische Hillary". Durch die neuen FBI-Ermittlungen könnte er damit nun auch bei noch unentschlossenen Wählern Zweifel schüren.

Waffen: Donald Trump ist Anhänger des "Second Amendment", das US-Bürgern das Recht auf Waffen zuschreibt.
Er ist gegen strengere Waffenkontrollen: "Gesetzestreue Menschen sollen die Waffen besitzen dürfen, die sie haben wollen."
Klimapolitik: Trump hält die Erderwärmung für eine Lüge und Klimaschutz daher für unnötig.
Außenpolitik: Trump hält die Kriege im Nahen Osten für einen Fehler und den Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" für gescheitert.
Kriminalität: Trump fordert ein hartes Durchgreifen der Polizei.
"Wir müssen Recht und Ordnung zurückbringen. Illegale Migranten haben Waffen. Und sie erschießen Leute."
Immigration: Trump kämpft für ein verschärftes Einwanderungsgesetz und den Bau einer Mauer zu Mexiko.
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2. Trump ist ein unerfahrener Opportunist. Nichts könnte ihm besser nützen.

Anders als Berufspolitiker hat Trump keine politische Vergangenheit, an der ihn Wähler messen können. Was zählt, ist, was er sagt – was er jetzt gerade sagt. Im vergangenen Jahr hat sich Trump viele außen- und wirtschaftspolitische Positionen erst erarbeiten müssen und dann auch gerne wieder über den Haufen geworfen.

Trump verurteilt den Irakkrieg, spricht aber davon, Bodentruppen nach Syrien zu schicken. Trump wollte erst ein Einreiseverbot für Muslime, später dann ideologische "screening tests" ("New York Times").

Das alles wirkt unerfahren. Ein Nachteil ist es aber nicht: Die US-Wahl ist für viele eine Bauchentscheidung (CNBC). Da punktet der Kandidat, der sich gut auf neue Fragen einstellen kann.

3. Viele US-Bürger fürchten den sozialen Abstieg. Trump verspricht ihnen Erlösung.

Die Zeiten, in denen die USA ein Industrieriese waren, sind vorbei. Vor allem in den Staaten im Nordosten, dem sogenannten "Rust Belt", schließen Fabriken, die Menschen fürchten um ihre Jobs. Zugleich verdient die Elite immer besser, die Löhne der Unter- und Mittelschicht dagegen steigen seit den 1970ern kaum (Economic Policy Institute).

Trump, obwohl selbst Top-Verdiener, hat sich im Wahlkampf zu einer Art "Wirtschaftserlöser" für die Armen stilisiert. Seine Anhänger glauben ihm, dass er weiß, wie ein Unternehmen zu führen ist – und dass er die USA wie ein Unternehmen führen wird. Sein wichtigster Wahlkampfspruch "Make America Great Again" ist daher nicht nur ein Slogan – er ist das Versprechen an all die Abgehängten im Land, dass die USA zurück in eine bessere Zukunft finden können.

Das sagen junge Wähler über Trump:
"Mir gefällt, dass er kein Berufspolitiker ist. Er lässt sich nicht den Mund verbieten und ist unabhängig von Konzernen."
"Ich denke, dass er ein guter Präsident sein wird. Er hat schließlich als Geschäftsmann gezeigt, dass er ein Unternehmen führen kann."
"Trump ist der Einzige, der sich für unsere Verfassung und unser Land einsetzt. Er zeigt kein Erbarmen, ganz im Gegensatz zu Hillary Clinton."
"Trump versteht, was Amerika bewegt und setzt sich für uns ein. Zu viele Politiker haben bewiesen, dass sie sich nur für sich interessieren."
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4. Trump-Anhänger glauben an eine Verschwörung der Eliten – und stecken andere mit ihren Zweifeln an.

Seit Trump vor etwas mehr als einem Jahr seine Kandidatur verkündete, haben viele Medien seinen Wahlkampf sehr kritisch begleitet. Und sehr hämisch. Seine Frisur war genauso Thema wie seine sexistischen Entgleisungen. Hillary Clinton hingegen wird nach Ansicht vieler Trump-Anhänger längst nicht so kritisch angegangen. Das stimmt so zwar nicht – ihre E-Mail-Affäre und ihre Arbeit als Außenministerin werden sehr deutlich beobachtet – aber trotzdem wirken die Anti-Trump-Artikel lauter, präsenter, lebendiger.

Für Fans wirkt Trump dadurch wie ein Rebell, der gegen eine Verschwörung aus Politik und Presse ankämpft: Viele Anhänger benutzten mittlerweile das deutsche Wort "Lügenpresse", lesen nur noch, was der Kandidat auf Twitter schreibt oder vertrauen auf rechtskonservative Medien wie "Breitbart". Unabhängig ist das auch nicht: Der ehemalige Breitbart-Chef ist aktuell Trumps Chefberater.

Trump hat so eine Gegenwirklichkeit erzeugt, die ihm in die Hände spielt. Seit Neuestem nutzt er den Slogan "Trocknet den Sumpf aus!" – und meint damit die Politelite in Washington. Und diese Sicht ist längst kein Unterschichtenphänomen mehr: Auch konservative Studenten klagen mittlerweile über "Denkverbote" und "Political Correctness" an den Universitäten (jetzt.de).

5. Es gibt in den USA nicht wenige Anhänger von Bernie Sanders. Manche sind jetzt für Trump.

Bernie Sanders war Clintons stärkster Gegenspieler im Rennen um die Kandidatur der Demokraten. Er hielt lange durch, im Juli zog er sich schließlich aus dem Rennen zurück. Bei einer gemeinsamen Kundgebung sicherte er Hillary Clinton seine Unterstützung zu – und forderte seine Anhänger auf, das Gleiche zu tun ("The Guardian" I).

Aber dem Aufruf wollen offenbar nicht alle folgen: In einer Umfrage des Pew Research Center gaben neun Prozent der befragten Sanders-Fans an, für Donald Trump stimmen zu wollen ("The Guardian" II).

Zwar dürfte das nur vergleichsweise wenige Menschen betreffen. Doch bei einer Wahl, bei der die Kandidaten nur wenige Prozentpunkte auseinanderliegen, kommt es auf jeden Einzelnen an. Und selbst wenn die Sanders-Fans Donald Trump nicht wählen, könnten sie ihm zum Sieg verhelfen: indem sie am Wahltag einfach zuhause bleiben.

All diese Punkte könnten tatsächlich ausschlaggebend sein – denn in den Umfragen liegen Trump und Clinton nahe beieinander.

Ein Institut sieht beide gleichauf, bei mehreren anderen hat Clinton nur ein bis fünf Prozent Vorsprung (Real Clear Politics). Ausgerechnet im wichtigen Wechselstaat Florida holt Trump wieder auf:

Michael Moore warnte zuletzt vor dem "Jesse Ventura"-Effekt. Jesse Ventura war ein Wrestler, der in den Neunzigern in Minnesota zum Gouverneur gewählt wurde, obwohl ihn laut Umfragen eigentlich keiner wollte. Moore sagt, das könnte nun mit Trump wieder passieren – einfach, um Washington mal wachzurütteln.

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Will ich meine Heimat aufgeben? Soll ich mich von meiner Familie und meinen Freunden trennen? Will ich bei Menschen leben, die ich kaum kenne? Raj, heute 27 Jahre alt, hatte wenig Zeit, über diese Fragen nachzudenken. 2006, mit 16 Jahren, musste er aus seiner Heimat Sri Lanka fliehen. Uns hat er erzählt, wie er das geschafft hat, was viele Menschen gerade in Deutschland versuchen: ankommen.