Bild: Screenshot: AKP-Watch
Soldat-Uniformen und "Märtyrer-Tode".

Kinder in Armee-Uniformen halten die türkische Fahne hoch, andere marschieren über die Bühne wie über ein Kriegsfeld. In ihren Händen halten einige Jungen kleine Maschinengewehr-Modelle, dann trauern offenbar mehrere Mädchen um die gefallenen "Männer". Die Kinder sind im Grundschulalter, manche wirken noch jünger.

Die verstörenden Szenen kommen nicht aus der Türkei selbst – sondern aus Gemeinden in Deutschland.

In mehreren Moscheen des Religionsverbandes Ditib sollen Kinder solche Kriegsszenen aufgeführt haben. Die Idee dahinter: So sollen sie auch aus Deutschland dem türkischen Staat und Präsident Recep Tayyip Erdogan huldigen.

1.

Um welche Fälle geht es?

In mehreren Gemeinden sollen solche Szenen gespielt worden sein. Die Ditib-Moscheen haben die Bilder und Videos zum Teil selbst im Netz veröffentlicht, mittlerweile sind viele wieder gelöscht. Die Seite "AKP-Watch", die Erdogans Politik kritisch beobachtet, hat sie jedoch hier dokumentiert. 

  • Die Ditib-Moschee in Herford hatte ein Video veröffentlicht, in dem Kleinkinder als türkische Soldaten gekleidet Krieg inszenierten. (Neue Westfälische)
  • Die Zentralmoschee in Mönchengladbach, eine der größeren Ditib-Gemeinden Deutschlands, hat das gleiche Schauspiel aufgeführt. (Video bei Buzzfeed)
  • Eine ähnliche Aufführung gab es in der Wiener Atib-Moschee. (Der Falter)
  • Und der Linken-Politiker Ralf Michalowski behauptet, die Ditib-Moschee in Gladbeck habe für kommende Woche ebenfalls eine Militäraufführung geplant. (Facebook)

Bundesweit soll es 2018 bereits mehr als 80 solcher Veranstaltungen gegeben haben. In mindestens zehn Gemeinden traten uniformierte Kinder auf, und die spielten die Schlacht nach oder trugen Märtyrergedichte vor. (Tagesschau)

Eine Trauerszene aus der Atib-Moschee in Wien, Unkenntlichmachung von bento.(Bild: Screenshot: AKP-Watch)

2.

Was genau ist die Ditib?

Ein deutsch-türkischer Religionsverband. Mit etwa 1000 angeschlossenen Moscheen ist die Ditib der größte Islamverband in Deutschland (Deutschlandfunk). Er prägt dadurch das religiöse und kulturelle Leben von Millionen von türkischstämmigen Deutschen mit.

  • Das Problematische: Die Ditib ist zwar ein in Deutschland eingetragener Verein, ist allerdings der türkischen Religionsbehörde Diyanet unterstellt.

Was ist Diyanet?

Die höchste Religionsbehörde in der Türkei. Sie ist direkt dem Ministerpräsidenten unterstellt und legt fest, wie religiöse Vorschriften in der Gesellschaft umgesetzt werden sollen.

Ihr untergeordnet sind auch alle Imame im Land – und Imame türkischer Gemeinden im Ausland. Das heißt, Diyanet kontrolliert auch den deutsch-türkischen Verband Ditib und trägt somit maßgeblich dazu bei, was Türken in Deutschland bei Predigten hören.

3.

Was steckt hinter den Inszenierungen?

Anlass ist ein historischer Sieg vom 18. März 1915 aus dem Ersten Weltkrieg. Damals besiegte das Osmanische Reich bei der Schlacht von Gallipoli das Vereinigte Königreich, Frankreich sowie australische und neuseeländische Truppen. (SPIEGEL ONLINE)

Der Sieg wird in der Türkei bis heute gefeiert und für Propagandazwecke ausgeschlachtet. Die gefallenen türkischen Soldaten gelten als nationale Helden. 

4.

Was ist an den Aufführungen problematisch?

Die Türkei ist derzeit in den Syrienkrieg verwickelt. Mit Panzern aus deutscher Produktion töten türkische Soldaten Menschen im Nachbarland (mehr dazu bei bento), außerdem schießen sie entlang der Grenze auf Flüchtlinge. Im Land versucht sich Erdogan durch diesen Konflikt als starker Staatsmann darzustellen.

Die Kriegspropaganda wird durch die Aufführungen auch nach Deutschland getragen – und in die Köpfe der Kinder. Fünfjährige Jungs sollen Soldat und "Märtyrer" spielen, Mädchen mit Kopftüchern trauernde Witwen spielen. Anstatt den deutschen Kindern die Chance auf Integration zu geben, werden sie an das Regime von Erdogan gebunden.

Der NRW-Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) hatte die bekannt gewordenen Videos als "verstörend" und "völlig inakzeptabel" bezeichnet. Und wettert gegen die Inszenierung:

Es ist unerträglich und höchst alarmierend, dass Kinder an solchen kriegs- und gewaltverherrlichenden Maßnahmen teilnehmen und für nationalistische Zwecke missbraucht werden.
Joachim Stamp, Neue Westfälische

5.

Wie reagiert die Ditib?

Nach dem ersten Auftauchen der Bilder aus Herford erklärte der Bundesverband, er habe die Verantwortlichen in Herford aufgefordert, zurückzutreten. Bei 20.000 Vorstandsmitgliedern könne so ein Fehler vorkommen. Man lehne die Instrumentalisierung von Kinder "für Gewalt oder Gewaltverherrlichung" ab. (Tagesschau)

Auf den Vorwurf, dass die Inszenierungen kein Einzelfall ist, reagierte die Ditib nicht.


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