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Vier junge Menschen erzählen, wie sie am Türsteher gescheitert sind - und wie sie sich dagegen wehren.
Massih Khoshbeen
(Bild: Bild: Massih Khoshbeen)

Meine Schulzeit in Bremen war zeitweise ziemlich frustrierend. Als wir endlich 18 wurden, ist mein ganzer Jahrgang an den Wochenenden in Discotheken gegangen. Oder sagen wir, fast der ganze Jahrgang. Meine afghanischen, türkischen und iranischen Freunde und ich wurden einfach nicht reingelassen. Ich selbst bin in Hamburg geboren, meine Eltern sind aus Afghanistan.

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Wir haben alles versucht, um an den Türstehern vorbeizukommen: versteckt in einer großen Gruppe, mit einem Mädchen an der Hand, alleine. Vergebens. Ausnahmen machten die Security nur, wenn der Club leer war. Das war entwürdigend.

"Südländisches“ Aussehen verringern die Chancen auf nahezu Null.
Massih Khoshbeen

Es ist aber nicht so, dass überhaupt keine Migranten reinkommen: Ostasiatisch aussehende Menschen haben kein Problem, Skandinavier und Franzosen genauso wenig. Ein dunklerer Teint mit dunklen Haaren, also ein "südländisches“ Aussehen, verringern die Chancen auf nahezu Null, vor allem bei größeren und gut besuchten Clubs.

Ich zockte in der Oberstufe Samstags also meist mit ebenfalls vom Nachtleben ausgeschlossenen Freunden Videospiele. Lange hatte ich das Gefühl, in meiner Jugend etwas verpasst zu haben.

Während meines Studiums bin ich vor allem in Indie-Clubs gegangen – dort hatte ich nie Probleme beim Einlass. Trotzdem hat mich das Thema nicht losgelassen, und ich begann, mich gegen Diskriminierungen zu engagieren. So habe ich mich auch an sogenannten Testings des AStA und der hannoverschen Antidiskriminierungsstelle beteiligt. Das heißt: Ich versuchte als Mensch mit sichtbarem Migrationshintergrund, in Clubs reinzukommen. Als Vergleichsgruppe standen hinter mir Freunde, die europäisch aussahen. Wir haben nicht zu erkennen gegeben, dass wir uns kannten.

Eins der Testings verlief so:

Ich trug eine Jeans, ein schwarz-weiß gestreiftes Poloshirt und eine dunkle Jacke. Es gab keine Schlange, aber als ich mich näherte, versperrte mir ein Türsteher mit seinem Arm den Weg. Ich sagte: "Hallo!“ Er antwortete: "Nur für Stammgäste.“ Und schob mich zur Seite. Hinter mir stand Onur, ein türkischstämmiger Kommilitone. Zu dem sagte der Türsteher: "Du heute nicht.“ Zu Gesa und Fabian in der Reihe hinter uns sagte er hingegen: "Hallo, wünsche euch einen schönen Abend.“ Die beiden waren vorher noch nie dort gewesen. Danach fertigten wir sofort Gedächtnisprotokolle an.

Wir haben die Disco verklagt und gewonnen. Sie musste die Prozesskosten tragen und zahlte 300 Euro Schadensersatz wegen der Diskriminierung.

Nur so haben wir es geschafft, dass die Medien über das Problem berichten. Das Grundproblem besteht trotzdem weiterhin: Die meisten Betroffenen in Deutschland nehmen es einfach hin, dass es an der Tür der meisten Discos zugeht wie beim Glücksspiel.

Mariam

Als unser Sohn fünf Monate alt war haben mein Mann Khaled und ich zum ersten Mal etwas ohne Baby unternommen. Er zog ein Hemd an, ich ein Cocktailkleid, gingen fein essen und wollten danach in einer Disco tanzen, für ein paar Stunden nicht nachdenken. Wir sind noch jung, ich bin 27 und mein Mann 28.

Khaled hatte mich vorgewarnt, er würde sowieso nicht reinkommen.
Mariam

Doch daraus wurde nichts.

Khaled hatte mich vorgewarnt, er würde sowieso nicht reinkommen. Das hätte früher nur geklappt, wenn er die Türsteher kannte. Und diese Zeiten seien jetzt vorbei. Ich habe ihm nicht geglaubt. "Wir sind doch zivilisiert“, sagte ich. "Und du willst niemanden aufreißen." Wenn ich mal in Clubs war, hatte ich keine Probleme.

Ich kann es ja verstehen, wenn die Türsteher keine Lust auf Gruppen junger Männer haben, aber es gibt doch kein angenehmeres Publikum als ein Paar. Was ich unterschätzte: Wir haben zwar deutsche Pässe, sind aber beide in Afghanistan geboren. Deshalb sehen wir anders aus als viele Deutsche.

Am Eingang der ersten Disco sagte die Security zu mir: "Du kommst rein, aber dein Partner nicht. Tut mir leid.“ Als ich nach dem Grund fragte, schaute mich der Typ längst nicht mehr an, und mein Mann zog mich weg.

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Das Schlimme ist, dass es so weiterging. Bei den ersten beiden Clubs haben wir noch gelacht, beim dritten Nein wurde ich wütend. Wir haben doch die gleichen Rechte wie alle anderen, auch wenn wir keine blonden Haare haben. Es kann doch nicht sein, dass wir sogar Vitamin B brauchen, um in einen Club zu kommen.

An dem Abend haben wir stattdessen Cocktails getrunken. Und haben es seither nie wieder mit dem Clubben versucht.

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Ilay
(Bild: Bild: Ilay)

Ein Jahr lang war ich jeden zweiten Tag in Clubs feiern und hatte nie Probleme beim Einlass - als ich in Irland Erasmus gemacht habe. In Deutschland bin ich so oft abgewiesen worden, dass ich längst aufgehört habe zu zählen.

Ich bin 28 und gerade fertig mit meinem Master in Wirtschaftsingenieurwesen an der RWTH Aachen. Geboren bin ich in Kabul, seit ich drei bin, lebe ich in Deutschland.

Dass ich anders bin als meine Klassenkameraden, hab ich vor zehn Jahren das erste Mal bemerkt. Schon mit 16 habe ich versucht, in Discos zu gehen, aber wenn ich an der Tür scheiterte, dachte ich: "Mist, ich sehe einfach zu jung aus.“

Mit 18 bin ich dann richtig stolz zum Türsteher, habe ihm mit meinem Führerschein vor dem Gesicht rumgewedelt. Aber er sagte nur: "Heute nicht.“ Oder: "Ich kenne dich nicht.“

(Bild: flickr.com / Parker Knight / CC BY)

Manchmal, wenn ich genervt war, fragte ich die Typen, ob sie nicht mal Kaffee trinken gehen möchten, um mich kennenzulernen. Das fanden sie nicht so witzig.

Die meisten meiner Freunde konnten das nicht verstehen. Ein Arbeitskollege, blond und blauäugig, erzählte mir, er habe sich in der gleichen Disco Freitags geprügelt und mit den Türstehern angelegt - und sei am nächsten Abend problemlos wieder reingekommen.

Der Tiefpunkt dieser Zeit war mein Abiball. Noch in unserem schicken Aufzug beschloss der Großteil meiner Stufe, noch richtig tanzen zu gehen. Vor der Disco pickten mich die Türsteher aus der Gruppe raus und ließen mich nicht rein. Erst als die anderen protestierten, sagte einer der Security: "Na gut, ausnahmsweise.“

Sein Chef habe angeordnet, nicht zu viele "Schwarzköpfe“ reinzulassen.
Ilay

Irgendwann erzählte ein Türsteher mit Migrationshintergrund mir, sein Chef habe angeordnet, nicht zu viele "Schwarzköpfe“ reinzulassen. Das würde den Ruf des Clubs schädigen. Er gab den Tipp, vor 23 Uhr zu kommen, wenn es noch leer ist. Früh hin, Stempel abholen, später wieder zurück. Manchmal hat das geklappt. Manchmal schrieben wir diesem Türsteher auch vorher eine SMS, ob es sich überhaupt lohnt, zu kommen.

Während des Studiums in Braunschweig und Aachen bin ich so selten wie möglich in Clubs gegangen. Lieber waren mir Abende in Bars oder zu Hause bei Kommilitonen. Am meisten graute es mir davor, wenn die Leute bei meinem damaligen Nebenjob beschlossen, noch wegzugehen. Dann habe ich frühzeitig angekündigt, dass ich überhaupt keine Lust hätte, feiern zu gehen oder mich einfach spontan verabschiedet. Eine Notlüge, um nicht jedem erklären zu müssen, dass ich für die Clubbesitzer ein Bürger zweiter Klasse bin.

Dann studierte ich ein Jahr in Cork, Irland. Anfangs hatte ich Angst, in Clubs zu gehen, ich wollte mich nicht schon wieder blamieren. Meine neuen Freunde haben mich gar nicht verstanden. Sie hatten Recht: Kein einziges Mal hatte ich Probleme beim Einlass. Das war schön, hat mich aber richtig wütend auf Deutschland gemacht.

Tharcisio Leone
Tharcisio mit zwei weiteren ausländischen Studenten aus Leipzig, sie trafen sich um über ethnischer Diskriminierung zu sprechen(Bild: Bild: Tharcisio Leone)

Ich komme ursprünglich aus Brasilien, dort muss man ordentlich aussehen, um an den Türstehern vorbeizukommen. Deshalb war es selbstverständlich, mir ein Hemd und Lederschuhe anzuziehen, als ich mit zwei Freundinnen nach Hannover fuhr, um in eine Disco zu gehen. Unsere erste Partynacht in Deutschland, da sollte schließlich nichts schief gehen.

Mir ist schnell klar geworden, dass Männer mit sichtbarem Migrationshintergrund nicht die gleichen Chancen hatten wie "deutsch“ aussehende Gäste.
Tharcisio Leone

Damals war ich 23 und wie die beiden anderen gerade als Au-Pair nach Deutschland gekommen. Vier Kinder hütete ich in dem kleinen Ort Schwarmstedt, zum Sprachurs pendelte ich nach Hannover.

An diesem Samstagabend warteten wir bestimmt 20 Minuten in der Schlange vor dem Eingang. Ich bemerkte, dass nicht jeder reinkommt. Mir ist schnell klar geworden, dass Männer mit sichtbarem Migrationshintergrund nicht die gleichen Chancen hatten wie "deutsch“ aussehende Gäste.

Als wir vorne waren, stellte sich der Türsteher vor mich und sagte: "Wir kennen dich nicht. Hier kommen nur Bekannte von uns rein." Ich dachte nur: "Ich bin doch nicht von hier. Sie können mich gar nicht kennen." Den Abend verbrachten wir dann deprimiert im Zug zurück.

Während meines ganzen Jahres als Au-Pair bin ich nie wieder in einen Club gegangen, dazu war ich viel zu stolz.

Da ich eine Zusage für das Studium Wirtschaftswissenschaften bekam, flog ich im September 2009 wieder nach Hannover. Mit meinen Kommilitonen habe ich es immer mal wieder versucht, meist jedoch ohne Erfolg. Viermal stand ich vor Türstehern, einmal hat mich einer vorbeigelassen.

Im Laufe der Zeit lernte ich immer mehr Leute kennen, die auch nie in Clubs gingen, um der Demütigung zu entgehen. Alles junge Männer mit sichtbarem Migrationshintergrund. Die Beschwerden häuften sich, dagegen wollte ich etwas unternehmen. Deswegen stieg ich im April 2011 in die Hochschulpolitik ein und nutzte mein Amt als Referent des AStAs, um diese rassistische Einlasspraxis zu bekämpfen.

Ich kontaktierte die Antidiskriminierungsstelle des Oberbügermeisters und erfuhr vom AGG, vom Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz. Ich sprach mit verschiedenen Discobetreibern über die Einlasspraxis. Viele setzten Menschen mit Migrationshintergrund mit mehr Gewaltpotential gleich. Diese würden die "friedlichen“ Gäste vergraulen. Das Problem der ethnischen Diskriminierung wollten wir in die Öffentlichkeit bringen: Deswegen testeten wir Discos in Hannover und unterstützten Betroffene, Clubs zu verklagen.

Ende November muss ich meine Masterarbeit abgeben, nächstes Frühjahr fliege ich zurück nach Brasilien, vorerst für immer. Dort werde ich wohl wieder ohne Angst von Club zu Club ziehen. Aber jetzt bin ich 30, mein Bedürfnis danach hält sich in Grenzen.