Bild: Vivien Cahn
Wie Menschen mit Behinderung in Deutschland für mehr Sichtbarkeit kämpfen – und welche Rolle Corona dabei einnimmt.

Luisa hatte lange Zeit ein Problem mit dem Wort "behindert". Als sie jung war, gehörte es auf dem Schulhof zur Standardbeleidigung. Und noch bis heute erlebt die mittlerweile 24-Jährige selbst Erwachsene, die das Adjektiv abwertend benutzen. "Das Wort 'behindert' wurde viele Jahre durch den Dreck gezogen", sagt Luisa. Daher habe sie begonnen, es zu vermeiden. Mittlerweile denkt sie anders: "'Behindert' heißt nicht dumm, 'behindert' heißt nicht hässlich oder Mensch zweiter Klasse", sagt Luisa im Skype-Interview mit bento. "'Behindert' bedeutet einfach nicht der Norm entsprechend." 

Auf Instagram bloggt sie unter ihrem Künstlernamen Luisa L'Audace über ihr Leben mit Behinderung. Was zunächst als Tagebuch begann, ist mittlerweile ein Account über die Rechte von Menschen mit Behinderung, deren Wünsche, deren Stärke und vor allem deren Rechte. Mehr als 3500 Followerinnen und Followern folgen Luisa. "Das ist unser Wort und wenn das andere Menschen missbrauchen müssen, dann ist das so", sagt sie über das kleine Adjektiv "behindert". "Aber dann müssen wir dafür sorgen, dass es wieder in unsere Hände gerät und den Menschen dazu einen positiveren Impact geben."

Im Juli war Disability Pride – allerdings in Deutschland kaum sichtbar

Disability Pride will genau das. Einmal jährlich im Juli zeigen Menschen mit Behinderungen den ganzen Monat lang bei Demos, Aktionen und Paraden, dass sie ein gleichwertiger Teil der Gesellschaft sind. Auch Luisa hat sich in diesem Sommer an der Disability-Pride-Bewegung online beteiligt. Nur: Anders als Queer Pride, der fast gleichzeitig stattfindende Monat für die Rechte der LGBT-Community, bekommt von der Disability Pride Parade kaum jemand etwas mit. Denn in Deutschand findet sie so gut wie nicht statt. Nun schafft ausgerechnet die Coronakrise neue Möglichkeiten, schränkt aber gleichzeitig wieder die Sichtbarkeit behinderter Menschen ein.

Die Idee der Disability Pride Parade kommt aus den USA. Im Juli 1990 wurde dort der "Americans With Disabilities Act" verabschiedet, ein Bürgerrechtsgesetz, das die Benachteiligung von behinderten Menschen in den USA im öffentlichen Leben wie beispielsweise der Arbeitswelt, im Bildungswesen oder Verkehrsmitteln verbietet. Zum 25-jährigen Jubiläum im Jahr 2015 rief New York damals den ersten Disability Pride Month aus. Dieser Aktionsmonat wird in Deutschland bisher noch nicht gelebt.

Banner auf der letzten Disability Pride: Zeigen, dass man ein gleichwertiger Teil der Gesellschaft ist.

(Bild: Vivien Cahn)

7,9 Millionen schwerbehinderte Menschen leben in der Bundesrepublik (Nullbarriere). Und auch wenn Deutschland 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet hat, sieht die Inklusion behinderter Menschen in vielen Bereichen hier deutlich schlechter aus als in den USA. So ist Deutschland in OECD-Durchschnitt eines der Schlusslichter in der schulischen Inklusion und ein gesetzliches Recht auf flächendeckende Barrierefreiheit wie beispielsweise in Cafès oder Kinos gibt es in Deutschland auch nicht. 

Corona schränkte die Bewegungsfreiheit von behinderten Menschen weiter ein

Bislang gibt es nur in Berlin eine Disability Pride Parade. Seit sieben Jahren organisieren dort Aktivistinnen und Aktivisten in einem Bündnis namens "Behindert und verrückt feiern – Pride Parade Berlin" zusammen eine Parade. Sie richtet sich an Menschen mit Behinderungserfahrung wie auch Psychiatrieerfahrung, was auch Inter- und Transsexuelle ausdrücklich mit einschließt. Zwischen 1500 bis 2000 Teilnehmende waren in den vergangenen Jahren dabei. In diesem Jahr musste die Parade jedoch Corona-bedingt ausfallen. 

"Menschen, die zur sogenannten Risikogruppe gehören, können gegenwärtig nicht so gut auf der Straße", sagt Sascha* vom "Behindert und verrückt feiern"-Team. Entsprechend habe sich der Protest in diesem Sommer ins Netz verlagert: "Das ist gerade ein Gewinn für Menschen mit Behinderungserfahrung, die sonst an den herkömmlichen Demos aufgrund diverser Barrieren nicht teilnehmen können." Auch Luisa gehört zur Risikogruppe und daher bietet Netzaktivismus für sie gerade in dieser Zeit die einzige Möglichkeit sicher zu protestieren. 

Viele Behinderte trauen sich kaum an die Öffentlichkeit

Nicht nur die Corona-Pandemie ist ein Grund, dass in Deutschland niemand etwas vom Disability Pride Month mitbekommen hat. "Von Menschen mit Behinderung wird immer noch in der Öffentlichkeit von einer Randgruppe berichtet und das sind wir eigentlich nicht, wenn man mal auf die Zahlen anschaut", bemerkt Luisa sehr frustriert. Bei ihrer Arbeit fällt der jungen Frau auf, dass viele behinderte Menschen sich nicht mehr trauen, sich zu äußern oder zu zeigen, weil sie schon so viele schlechte Erfahrungen gemacht haben oder sich nicht äußern können, weil ihnen Hilfsmittel verwehrt werden. "Bevor es überhaupt um so etwas Spezifisches, wie den Disability Pride Month gehen kann, muss überhaupt erst mal ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass es uns gibt", sagt Luisa.

Aktivistin Luisa: "'Behindert' heißt nicht dumm, 'behindert' heißt nicht hässlich."

(Bild: privat)

Und die Möglichkeit, gesehen zu werden. Luisa schaut vor jeder Unternehmung, ob es vor Ort Behindertenparkplätze gibt und wie es mit Treppen und Aufzügen aussieht. Bislang verhindere schon die mangelnde Barrierefreiheit, dass viele behinderte Menschen zu Demos zusammenkönnen könnten. "Wir können nicht an der Gesellschaft so teilnehmen, wie wir das möchten", sagt Luisa.

Das Pride-Team plant den Neustart – im Netz

Das Problem besteht sogar innerhalb des Bündnisses, das die Parade organisiert. Der Treffpunkt für das Plenum ist zwar für Rollstuhlfahrende zugänglich, aber in einer sehr lauten und reizintensiven Umgebung. Für Menschen mit sensorieller Sensibilität – wie beispielsweise Autistinnen und Autisten – ist das eine große Barriere. Sascha vom Pride-Team weiß von dem Problem, "aber die Mieten in Berlin sind teuer und wir sind froh, dass wir einen berollbaren Raum haben." Sascha hofft auf weitere finanzielle Förderungen für Projekte zum Empowerment behinderter Menschen, welche wie Parade von behinderten Menschen selbst geleitet werden.

Damit sich etwas ändere, sei ein Umdenken bei Menschen ohne Behinderung wichtig, sagt Maxi*. Wie Sascha ist sie im Orga-Team – hat aber selbst keine Behinderung. "Wir müssen eine Gesellschaft schaffen, in der Psychiatrie- und Behinderungserfahrungen viel früher in den Schulen thematisiert werden", sagt sie. Das Bewusstsein für die Lebensrealität der anderen sei erlernbar: "Auch als Erwachsene habe ich die Aufgabe, mir selbst Wissen beizubringen und das an meine oder andere Kinder weiterzugeben."

Anfang November will das Bündnis online Beiträge von Künstlerinnen und Künstlern mit Behinderungs- und Psychiatrieerfahrung zeigen, um ihre Sichtbarkeit zu erhöhen. Es sei als virtueller Pride-Protest geplant. Aber auch wenn Online-Formate neue Möglichkeiten für behinderte Menschen bieten, schwäche die Corona-Pandemie enorm die Arbeit des Bündnisses, sagt Maxi, man sei eigentlich auf Straßendemos aus. Aber ob es nächstes Jahr wieder eine Mad and Disability-Pride-Parade gibt, hängt davon ab, wie sich die Situation mit Corona verändert.

 

* Sascha und Maxi möchten nicht als Privatpersonen erkennbar sein, daher sind ihre Namen im Text geändert worden.


Gerechtigkeit

"Manchmal denke ich, es ist meine Schuld. Ich habe gesagt, dass es in Deutschland gut ist"
Iulia und Niculescu Păun haben bei dem Attentat von Hanau ihren Sohn verloren.

Iulia und Niculescu Păun betreten den Raum Hand in Hand, es wirkt, als läge in dieser kleinen Geste die Möglichkeit, einander Mut zuzusprechen für diesen Termin, an dem sie alles noch einmal erzählen müssen: Von dem Abend, an dem Vili Viorel nicht nach Hause kam, von der Suche nach ihm, von dem Moment der Gewissheit – und von dem Verdacht, dass ihr Sohn ein Held war.  

Vili Viorel wurde in seinem Auto in der Kesselstadt getötet – in einem Stadtteil von Hanau, zu dem er eigentlich keinerlei Verbindung hatte. Vor seinem Tod hat er mehrfach versucht, die Polizei anzurufen, das zeigen seine Handydaten. Seine Eltern gehen davon aus, dass er den Täter vom ersten Tatort aus der Innenstadt mit dem Auto in die Kesselstadt verfolgt hat, um der Polizei zu sagen, wo er ist. Und um ihn aufzuhalten. Es gibt Videos von Überwachungskameras, die darauf hindeuten, dass Vili sich mit seinem Wagen dem Täter in den Weg gestellt hat. 

Iulia Păun spricht selten und wenn, lässt sie ihren Mann übersetzen – ihr Deutsch ist noch nicht fließend und es fällt ihr schwer, überhaupt über den 19. Februar zu sprechen. Während des ganzen Gespräches laufen ihr die Tränen über die Wangen. Niculescu ist ein sanfter Mann, der selbst an einem Tag wie diesem oft lächelt.