Bild: Getty Images/Maja Hitij
Es geht um mehr als Empörung über ein paar verunglückte Formulierungen. Wir brauchen eine Jugendquote!

Die Debatte ist da: Die Alten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nehmen uns junge Menschen nicht ernst. Sie belächeln uns, halten uns klein - und merken nicht einmal, was sie da gerade anrichten. Seit Tagen sammeln wir Beispiele unter dem Hashtag #diesejungenleute. Die Wut wächst.

Und was macht Talkshow-Moderator Markus Lanz, 48? Er lädt sich Juso-Chef Kevin Kühnert, 28, ins Studio – und zeigt die ganze Herablassung, mit der Deutschland jungen Erwachsenen begegnet. Ob Kühnert alles mit seinen Eltern bespreche, will er wissen. Es ist ein Trauerspiel.

Kühnert war der Funke – auf Twitter brennt es längst, und Markus Lanz sitzt seelenruhig in seinem Studio, dunkler Rauch nimmt ihm die Sicht: Alles in Ordnung.

Okay, zugegeben: Wahrscheinlich gab es noch keine Gesellschaft der Welt, in der junge Leute nicht von alten belächelt wurden. Das war bei Aristoteles so, das war bei unseren Eltern so – und die machen jetzt mit uns dasselbe.

Jede Generation muss da durch. Ist es also weinerlich, über den verächtlichen Umgang mit jungen Leuten zu klagen?

Nein, denn es geht um viel mehr! Das Problem: Für unsere Generation ist alles anders als für die Generationen zuvor. Wir haben keine Macht und werden auch noch lange keine haben. Denn die Alten sind viele, wir sind wenige. Wenn Jusos, Julis und die Junge Union sich früher aufgeregt haben, konnten die Parteivorsitzenden das niedlich finden – ernst nehmen mussten sie es trotzdem, denn die Stimmen, die sie repräsentierten, konnten Wahlen entscheiden.

Unser Leben ist dagegen ein ewiges "Weiter-so".

Das erklärt, warum junge Menschen jetzt so wütend sind. 

Inzwischen ist klar: Nicht nur bei jungen Politikern wird so getan, als seien sie dumm. Viele Menschen unter 30 haben mit ähnlichen Klischees und Hindernissen zu kämpfen, sobald sie sich mit einer Idee vorwagen – im Beruf oder in den sozialen Medien.

Hinter dem Hashtag #diesejungeleute steckt mehr als Empörung über ein paar verunglückte Formulierungen.

Ein Gefühl droht sich in einer ganzen Generation auszubreiten: Du kannst noch so schlau sein, die Idee kann noch so gut sein –  die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass dir erstmal verbal der Kopf getätschelt wird

Nach dem Motto: Ach komm, jetzt ist auch mal wieder gut. Dein Argument ist ja nicht schlecht, für dein Alter. Aber wir machen das so, wie wir Erwachsenen es immer gemacht haben. Und diese Haltung haben in Deutschland eben nicht nur die Entscheider – sondern die Mehrheit der Bevölkerung.

Wir Jüngeren spüren, dass wir eh nichts zu melden haben.

Wir sind von älteren Menschen umgeben, an die sich alles um uns herum anpasst: das Fernsehprogramm, die Wahlprogramme der Parteien, die Charts. Im ZDF läuft weiter Traumschiff, SPD und CDU denken die Rentenpolitik maximal bis 2025 und die Toten Hosen gelten immer noch als cool. Die Babyboomer sind die wichtigste Konsumentengruppe, also werden Waren produziert, die vor allem ihnen gefallen müssen. Es ist eine Welt, die auch die Jungen zwingt, sich anzupassen.

Es ist ja nicht so, dass Kühnert als jugendlicher Revoluzzer auftritt – im Gegenteil. Er nennt niemanden ein Arschloch, er trägt auch gerne mal ein Hemd und argumentiert wie einer der alten Entscheider. Trotzdem wird er vorgeführt: Seht nur, ein junger Mensch hat auch was zu sagen! 

Ob er wohl seine Eltern fragt, bevor er eine Rede hält?

Wenn man weiß, dass die Macht bei den Alten liegt, ist sowas schwer zu ertragen. Wir können die Babyboomer ja nicht dazu zwingen, unsere Gesellschaft zu verändern. 

In den letzten Jahren ist in Deutschland gefühlt nichts passiert, es gibt keine Zukunftsvisionen. Angela Merkel scheint der Stillstand aufzufallen. In Davos sagte sie sinngemäß, es sei gar nicht so einfach, die alternde deutsche Bevölkerung davon zu überzeugen, dass in Zukunft die Dinge nicht mehr so gut funktionieren könnten wie aktuell noch. Estland zum Beispiel sei da dynamischer (SPIEGEL ONLINE). Tja, die Esten sind im Schnitt jünger als die Deutschen. Und ihr Ministerpräsident ist 39.

Das ist der politische Hintergrund, vor dem #diesejungenLeute ihre Wut äußern. Dort finden sich Beispiele für Menschen, die keinen Bock mehr auf eine erstarrte Gesellschaft haben. Aber wir dringen nicht durch. 

Deswegen reicht es auch nicht, wenn man jetzt aufhört, Endzwanzigern in Talkshows dumme Fragen zu stellen. Wir müssen mehr fordern!

Die Jungen sind in diesem Land nicht nur eine Minderheit. Bei Entscheidungen sind sie auch noch anteilsmäßig völlig unterrepräsentiert

Es gibt durchaus gute Vorschläge, dagegen etwas zu tun. Zum Beispiel eine Quote einführen. Für junge Menschen: 20 Prozent der Bundestagskandidaten sollten unter 35 sein. Die Forderung ist nicht radikal, sie ist angemessen.

Ähnliches könnten wir für andere Organisationen durchsetzen, in denen Entscheidungen getroffen werden. Der ZDF-Fernsehrat zum Beispiel soll die Vielfalt der Gesellschaft abbilden, fast alle gesellschaftlichen Gruppen sind vertreten. Aber niemand in dem Gremium ist unter 30. Warum?

Aktivisten, Politiker, Wissenschaftler – sie alle fordern die Quote schon lange. Aber passiert ist bisher: nichts.

Motto: Ach komm, jetzt ist auch mal wieder gut.


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