Bild: dpa
"Ich fühle mich von keiner der etablierten deutschen Parteien vertreten"

Die Flüchtlingskrise, der Aufstieg von Rechtspopulisten in Europa, die Wahl Trumps, der Brexit – die vergangenen Monate haben viele junge Menschen aufgerüttelt: Sie fürchten um den Zusammenhalt Europas, wollen sich einbringen und engagieren. 

Einige treten in Parteien ein (bento), gründen gleich selbst eine (bento) oder marschieren bei "Pulse of Europe" am Sonntag mit Europaflaggen auf Marktplätzen (bento).

Yanis Varoufakis(Bild: Getty Images / Yorgos Karahalis)

Oder sie schließen sich der Europa-Bewegung von Yanis Varoufakis mit dem kryptischen Kürzel DiEM25 an – dem Democracy in Europe Movement 2025. Die parteilose Bewegung will Europa "revolutionieren". 

Varoufakis wurde als griechischer Finanzminister berühmt. Der linke Idealist kämpfte für Griechenlands finanzielle Unabhängigkeit und gegen die Sparauflagen der Europäischen Union. Als sich das Land doch beugen musste, trat er zurück.

Seit einem Jahr tourt Varoufakis mit DiEM25 durch Europa. Er spricht meist an Universitäten und begeistert damit Studenten, die erstmal ein Selfie mit ihm machen wollen. "Ein griechischer Kämpfer nimmt die nächste Schlacht ins Visier", so werden die Auftritte angekündigt. Dazu gibt's ein Foto von Varoufakis auf seinem Motorrad. (DiEM25)

Irgendwo zwischen Graswurzelpolitik und europäischer Partei wollen er und seine Mitstreiter bei DiEM nun Europa retten: Sie wollen die EU-Institutionen transparenter machen und die Sitzungen des Europäischen Rates im Internet übertragen. Bis 2025 steht das große Ziel einer europäischen Verfassung.

Warum schließen sich junge Menschen Varoufakis an?
Konstantin, 25, Student in Hamburg
(Bild: bento)
Ich glaube nicht, dass ein Staat alleine unsere heutigen Probleme wie etwa die Zerstörung unserer Umwelt, wachsende soziale Ungleichheiten und prekäre Mietverhältnisse lösen kann. Den Parteien fehlt eine Idee, was in Zukunft anders und besser sein soll in unserer Gesellschaft.
Außerdem stört mich an der aktuellen Politik, dass man sich in diesen starren Strukturen erst jahrelang hocharbeiten muss, um sich politisch einzubringen. Damit ist es schwer, sich direkt an weitreichenden Themen zu beteiligen.
DiEM ist eine Bewegung, die nationalen Strukturen überwinden und eine gesamteuropäische Politik machen möchte. Und sie bietet eine neue Vision von einem freiheitlicheren und solidarischeren Europa. Diese Vision fehlt mir bei bekannten Parteien.
Ich habe mich direkt nach der Gründung im März 2016 bei DiEM registriert. Ab Mai habe ich dann aktiv nach einer Hamburger Gruppe gesucht und bin seitdem regelmäßig bei den Treffen.

Ein neuer "Deal" für Europa

Am 25. März kamen EU-Vertreter in Rom zusammen um den 60. Geburtstag der europäischen Union zu feiern.

"Die Menschen werden sich fragen, was genau feiern sie – Europas Zerfall?", fragte Varoufakis in Anspielung auf den Brexit. Im Namen von DiEM kritisierte er die Krisenstrategie der EU und präsentierte als Antwort den "European New Deal" – einen Schlachtplan für ein demokratischeres Europa.

Das sind die Ziele:

  • Ein Vertrag europäischer Banken, die gemeinsam in grüne Energie investieren sollen.
  • Eine Strategie zur Garantie von Arbeitsplätzen, die Europäern erlauben soll, in ihren Regionen Jobs zu finden und nicht in wirtschaftlich stärkere Länder ziehen zu müssen.
  • Ein europaweiter Fond zur Armutsbekämpfung, der Grundbedürfnisse aller Europäer decken und als Basis einer künftigen Sozialunion dienen soll.
  • Ein Recht auf bezahlbaren Wohnraum.
Sören, 24, Soziologiestudent
(Bild: bento)
Gerade erleben wir ein Erstarken der Rechten in Europa. Deshalb müssen wir als Demokraten etwas tun, um unsere jetzige Demokratie zu erhalten. Vor allem wir junge Menschen müssen mit den Konsequenzen des rechtspopulistischen Backlashs leben.
Es geht bei DiEM darum, dass sich Demokraten europaweit zusammentun. Dass wir uns nicht zersplittert in unseren Parteien, Asten und Freiräumen mit uns selbst beschäftigen, sondern dass wir über DiEM ein gemeinsames Projekt entwickeln.
Die Arbeit bei DiEM hat mich deutlich hoffnungsvoller gemacht, was die Zukunft Europas angeht.
Sören
Aber DiEM ist noch sehr jung, wir müssen unsere Vernetzung weiter ausbauen. Konkret arbeiten wir gerade an der Organisation eines Alternativgipfels zu G20, dem Global-Solidarity-Summit.

Lass uns Freunde werden!

Elisa, 22, studiert Ethnologie in Heidelberg
(Bild: privat)
Ich merke, dass politisch und gesellschaftlich ganz schön was am Brodeln ist. Vor allem das Erstarken der Rechten macht mir Sorgen. Und ich habe dass Gefühl, dass wir diese Stimmungen dringend ernst nehmen müssen. Viele junge Menschen um mich herum lachen noch über Donald Trump und die Afd. Sie vertrauen, dass schon alles gut gehen wird. Deshalb müssen wir jetzt wirklich aktiv werden.
Es ist nicht leicht, sich angesichts vieler Möglichkeiten zu entscheiden, wo man sich einbringen will. Viele um mich herum engagieren sich beispielsweise für Geflüchtete oder für ökologische Themen. Ich selbst suchte nach einem Weg, diese Dinge zusammenzubringen.
Ich fühle mich von keiner etablierten deutschen Partei vertreten.
Elisa
Ich fühle mich von keiner der etablierten deutschen Parteien vertreten. Auch darum war ich von DiEM so begeistert, als ich die Bewegung letzten Sommer auf einer Veranstaltung an meiner Uni kennengelernt habe.

DiEM25

Wie funktioniert DiEM15?

  • Jeder kann sich beteiligen, in ganz Europa gibt es Gruppen, so gannte DiEM25 Spontanious Collectives (DSC).
  • Diese können Vorschläge erarbeiten und an ein zwölfköpfiges gewähltes Koordinierungskollektiv weiterleiten.
  • Ein beschlussfassendes Gremium von 100 DiEM-Mitgliedern bewertet die Vorschläge des Koordinierungskollektivs.
  • Bei allen richtungsgebenden Entscheidungen sind alle DiEM-Mitglieder wahlberechtigt.
  • Zudem gibt es einen beratenden Ausschuss aus internationalen Künstlern Ökonomen und Intellektuellen.
Ich war danach auf einem Treffen in Berlin und habe im Anschluss die Lokalgruppe hier in Heidelberg gegründet. Wir sind noch sehr wenige, im Kern vielleicht 5-6 Leute. Wir treffen uns alle zwei Wochen und im Moment geht es vor allem darum, uns besser kennenzulernen und uns konkrete Aufgaben zu suchen. Ich würde gerne auch mit Lokalpolitikern kooperieren, um gemeinsam Ziele umzusetzen. Hier in Heidelberg wollen wir zum Beispiel in der Flüchtlingshilfe aktiv werden.
Natürlich habe ich Angst, dass die anfängliche Energie bei DiEM abebbt und wir am Ende nicht genug Leute sein werden, um uns für ein demokratischeres Europa einzusetzen. Wir dürfen auf jeden Fall nicht zu früh aufgeben.

Hauptsache Europa

Wie genau das gehen soll, ist noch nicht klar. Einige sehen die Bewegung bewusst in Abgrenzung zu politischen Parteien und mehr als Diskussionsforum über die Zukunft Europas. Varoufakis, der mittlerweile wieder an einer griechischen Uni lehrt, liebäugelt mittlerweile aber mit einer Teilnahme an der Wahl zum Europarlament im Jahr 2019. (SPIEGEL ONLINE)

DiEM bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Lokalpolitik und europäischer Verfassung, es geht um Vernetzung, Inspiration und große Ideen. Die Ambitionen sind groß, konkret ist davon noch nicht so viel: Hauptsache Europa, Hauptsache miteinander reden.

Aber das Projekt ist noch jung – und profitiert vom Zauber des Neuanfangs und dem Charisma seines Gründungsvaters. Ob und wie DiEM25 tatsächlich die EU-Politik beeinflussen kann, wird man hoffentlich nicht erst im Jahr 2025 beurteilen können.


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