Bild: Marc Röhlig
Co Gap, Lykon, DNA for me: Gen-Anbieter versprechen maßgeschneiderte Antworten auf Fitness und Gesundheit. Doch die Tests sind fragwürdig.

Seit Kurzem ist meine Welt endlich wieder ein bisschen normaler. Meine Neigung zu Übergewicht? Normal. Mein Hungergefühl? Auch normal. Neigung zum Jo-Jo-Effekt? Stoffwechseltyp? Sporttyp? Normal, normal, normal. 

Zumindest, wenn ich meinem im Internet bestellten DNA-Test glaube. 

Immer mehr Anbieter frei verkäuflicher Gentests locken junge Menschen mit großen Versprechen: Wer ihnen Speichelproben schickt, soll etwas über seine "tatsächliche Herkunft" erfahren, kann seine Gesundheit testen lassen oder angeblich rausfinden, ob man "Dickmacher"-Gene in sich trägt – und mit welcher Ernährung man sie austricksen kann. 

Der größte Anbieter solcher Gentests, Ancestry.com, hat nach eigenen Angaben bereits 16 Millionen Kundinnen und Kunden weltweit. In Deutschland heißen die Anbieter Co Gap, Lykon oder DNA for me. In Onlineforen empfehlen sich Nutzerinnen die Angebote weiter, Influencer preisen die Testkits auf YouTube. Die Titel lauten "Ich dachte, ich wäre zu 100% DEUTSCH und DANN DAS..." oder "Stoffwechselanalyse - Gut oder schlecht?" 

YouTube-Video zu personalisiertem Gentest: Die alleinige und endgültige Wahrheit.

(Bild: Screenshot bento)

Aber nicht alle dieser sogenannten Direct-to-Consumer-Gentests sind in Deutschland überhaupt erlaubt. Und längst nicht alle der erlaubten Tests halten, was sie versprechen. Oder könnten es zum jetzigen Stand der Wissenschaft überhaupt.

Gentests zum eigenen Stoffwechsel sind gefragt

Um herauszufinden, was dran ist, habe ich einen Selbstversuch gestartet – und mein Testergebnis dann mit einem Experten ausgewertet. Ich habe mich für die "Ernährungs-Variante" entschieden, denn hey, wer wüsste nicht gern, wie man sich wirklich ganz individuell perfekt ernährt.

Was bei Gentests erlaubt ist

Das menschliche Genom gilt seit 2003 als entschlüsselt – fast genauso lange gibt es kommerzielle Firmen, die private Gentests anbieten. Kundinnen und Kunden schicken eine Speichelprobe, anhand derer die Firmen nach Auffälligkeiten im Erbgut suchen. (NGFN)

Je nach Anbieter wollen die sogenannten Lifestyle- oder Direct-to-Consumer-Tests verschiedene Fragen beantworten: Manche Analysen suchen nach Hinweisen auf die Abstammung, dem idealen Partner oder der optimalen Ernährung, andere nach Genvarianten, die mit Alzheimer, Parkinson oder Krebs in Verbindung stehen. Einige Firmen nutzen die Analysen als Verkaufsplattform – und bieten angeblich personalisierte Kosmetik, Medizin und Nahrungsergänzungsmittel.

In Deutschland schreibt das Gendiagnostikgesetz vor, was erlaubt ist. Gentests zu medizinischen Zwecken – also zum Beispiel der Suche nach Alzheimer – dürfen nur von Ärztinnen und Ärzten angeordnet werden. Sie müssen auch über Risiken aufklären und die Ergebnisse erläutern. Für Gentests zu Stoffwechsel oder Abstammung gelten diese Regeln nicht.

Auch MyMuesli bietet seit knapp einem Jahr einen eigenen Gentest an. Der Online-Cerealien-Händler kooperiert mit dem Berliner Start-up Lykon, das außerdem Bluttests und aktuell Corona-Selbsttests anbietet. Der Gentest kostet 189 Euro und heißt "myDNA Slim", Kundinnen und Kunden können anhand einer Speichelprobe Ihr Erbgut analysieren lassen und sich dann von MyMuesli das zum Ergebnis passende Müsli schicken lassen. Das Versprechen dahinter: "Der myDNA Slim Test hilft Dir dabei, mehr über die Bedürfnisse Deines Körpers zu erfahren, Deine Gesundheit und Dein Wohlbefinden zu verbessern und nachhaltig schlank zu sein." 

MyMuesli und Lykon suggerieren Hilfe mit dem "myDNA Slim"-Paket

Wie viele Kundinnen und Kunden sich im vergangenen Jahr solch einen Test gekauft haben, will das Unternehmen auf bento-Nachfrage nicht sagen. Die meisten seien jedoch mit den Testergebnissen zufrieden. Auch Lykon kann keine Verkaufszahlen nennen, schreibt aber auf Nachfrage, "gerade diäterfahrene Menschen" hätten nun eine Art "Aha-Erlebnis [...] nach jahrelanger Suche nach der für sie richtigen Lösung im oft unübersichtlichen Diätdschungel".

Genprobe im Selbstversuch: So weit, so allgemein.

(Bild: Marc Röhlig)

Ich habe mir zum Selbstversuch das Paket von Lykon und MyMuesli bestellt. Nach neun Tagen kam eine 64 Seiten dicke Auswertung: Ich wurde als "Kohlenhydrat-Proteintyp" ausgewiesen. Was in meiner Genanalyse über meinen Stoffwechsel steht, hätte ich allerdings auch in jeder beliebigen Frauenzeitung unter dem Stichwort "Sommerdiät" nachlesen können: Ich soll von allem etwas essen, aber nicht zu viele Fette. Zum Ausgleich empfehlen Lykon und MyMuesli eine Mischung aus Ausdauer und Kraftsport. 

So weit, so allgemein.

"Die Aussagekraft des Ergebnisses halte ich für gering", sagt auch Christian Schaaf, Leiter des Instituts für Humangenetik der Uni Heidelberg. Er hat sich mein Ergebnis angeschaut – und sagt, wissenschaftlich sei der Gentest "mit Vorsicht zu genießen": "Das menschliche Genom hat in etwa 21.000 proteinkodierende Gene und jeder einzelne Mensch hat vier bis fünf Millionen sogenannter Einzelnukleotiden Polymorphismen (SNPs), also Veränderungen im genetischen Code. Im Test wurden davon nur 23 solcher Polymorphismen in insgesamt 19 Genen untersucht. 23 Variationen aus mehreren Millionen – also nur ein verschwindender Bruchteil."

Ernährungs-Gentests sind wie Puzzle – bei dem die meisten Teile fehlen

Die Single Nucleotide Polymorphismen, kurz SNP, sind wichtig bei der Analyse von Genmaterial. Sie können gute, schlechte oder auch gar keine Effekte auf die einzelnen Gene im Körper haben. Wer verstehen will, wie wir ticken, muss schauen, wie viel Einfluss die SNP auf das Gesamtgenom haben. "Wenn der menschliche Körper ein Puzzle aus Millionen von Teilchen wäre, wurden hier 23 Puzzle-Teile aufgedeckt", sagt Schaaf. "Ohne die lässt sich das Puzzle nicht vervollständigen – aber sie allein reichen bei Weitem nicht aus, um das Gesamtbild zu erkennen." 

Wie schwierig die Aussagekraft ist, merke ich an meinem Testergebnis: Auf einer Seite steht, ich neige stark zum Jo-Jo-Effekt, an anderer Stelle heißt es, ich neige eher nicht zum Jo-Jo-Effekt. 

Stoffwechsel-Auswertung von Lykon: "Mit Vorsicht zu genießen"

(Bild: Screenshot bento)

Lykon setzt daher auf einen eigens kreierten Algorithmus, der die SNP verrechnen soll. Dieser fuße auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen, schreibt eine Sprecherin von Lykon auf Nachfrage. Auch sonst verlasse man sich auf den aktuellen Forschungsstand: Die untersuchten Genvariationen seien "auf Grund ihrer wissenschaftlich bewiesenen hohen Aussagekraft für die Verstoffwechselung von Nährstoffen gewählt" worden. Andere Labore würden deutlich weniger Variationen testen. 

Schwache Analyse, fehlende Betreuung

Der Humangenetiker Christian Schaaf spricht den 23 untersuchten SNPs hingegen keine große Bedeutung für den Gesamtorganismus zu. Auch der Algorithmus könne nicht genügen, um die einzelnen Effekte gegeneinander aufzurechnen, "da verschiebt sich minimal etwas". Entsprechend schwach sei die Analyse von Lykon.

Die Aussagekraft der Lifestyle-Gentests ist nicht der einzige kritische Punkt: Nichts ist so spezifisch wie das menschliche Genom, es lässt sich noch genauer zuordnen als ein Fingerabdruck. 

Was passiert mit meinen Genen?

Datenschutzexpertinnen warnen entsprechend davor, leichtfertig DNA preiszugeben: Denn aus Genen lassen sich noch ganz andere Veranlagungen ableiten – und je besser die Forschung darin wird, die Bedeutung von Genen zu entschlüsseln, desto mehr habe ich potenziell von mir preisgegeben.

Lykon gibt in den FAQ an, die gewonnenen Daten nur verschlüsselt zu speichern und sie auf keinen Fall mit Dritten zu teilen. Nutzerinnen und Nutzer hätten zudem die Möglichkeit, ihre Daten und Ergebnisse aus dem Onlinespeicher von Lykon wieder löschen zu lassen. Eine absolute Sicherheit habe ich jedoch nicht. 

Das Gendiagnostikgesetz, welches Versicherern erlaubt, Auskünfte über genetische Untersuchungen einzuholen, soll aber nicht greifen: MyMuesli hat in einer Stellungnahme im Februar bekannt gegeben, es vertreibe nur ein "Lifestyleprodukt". Entsprechend fiele ihr Gentest nicht unter dieses Gesetz.

Am Ende bleibt die Frage, ob es sich lohnt, die eigenen Daten für eine fragwürdige Analyse herzugeben. Mit seiner Kritik an der Aussagekraft von Stoffwechsel-Gentests der Humangenetiker Christian Schaaf auf jeden Fall nicht allein da:

  • Forscherinnen und Forscher der Uni Stanford wollten in einer Studie mit 609 übergewichtigen Menschen wissen, ob ihre Probanden mehr oder weniger abnehmen, wenn man bei ihrer Diät die Genetik für den Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsel berücksichtigt. Die Auswirkungen: kaum messbar.
  • Die Gesellschaft für Humangenetik urteilt, dass mögliche Gefahren durch eine Fehl- oder Überinterpretation von privaten Gentests für die Verbraucherinnen und Verbraucher wesentlich höher sind als ein möglicher Nutzen.
  • Und die Verbraucherzentrale warnt, wer Gentests ohne fachlich fundierte oder ärztlich begleitete Beratung anbietet, handele grob fahrlässig: "Denn ohne Einordnung der Ergebnisse können diese die Betroffenen verunsichern und überfordern."

Überfordert haben mich meine Ergebnisse zwar nicht. Aber man muss auch sagen: Ein Klick auf die Empfehlungen der deutschen Gesellschaft für Ernährung hätte es eben auch getan. 

Video: Phuong Tran


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