Die erste deutsche Frau soll ins Weltall. Klingt erstmal super!

Nach bisher elf Männern wird es Zeit für eine deutsche Raumfahrerin. Immerhin haben uns andere Länder in Sachen Gleichberechtigung im All einiges voraus: mehr als 40 US-Amerikanerinnen waren schon im Weltraum, eine Französin, eine Italienerin, eine Britin – um nur einige zu nennen.

Wie gut, dass es eine Initiative gibt, die sich nun um die Gleichstellung kümmert.

Oder?

Auf den ersten Blick wirkt das Projekt "Die Astronautin" wie eine gute Sache. Die private deutsche Firma HE Space Operations will eine Weltraum-taugliche Kandidatin auf die Internationale Raumstation ISS entsenden. Doch die Auserkorene wird keineswegs eine gleichberechtigte Astronautin werden.

So läuft es ab bei "Die Astronautin":

Mehr als 400 Frauen haben sich beworben. Wie bei einer Casting-Show wurden sie dann ausgesiebt, nun stehen sechs von ihnen im Finale.

In mehreren Phasen mussten die Frauen Übungen absolvieren, um zu zeigen, dass sie sich konzentrieren können, teamfähig und belastbar sind. Ihre Blutwerte und ihr Urin wurden getestet, sie wurden mit Ultraschall durchleuchtet.

Die Finalistinnen müssen nun noch eine weitere Bewerbungsphase durchlaufen. Erst dann stehen im April die beiden Gewinnerinnen fest. Eine von beiden soll dann 2020 für zehn Tage auf die ISS. Welche von beiden es wird, entscheidet sich erst nach weiteren intensiven medizinischen Tests. Danach beginnt für die Gewinnerin die Ausbildung zur Raumfahrerin – entweder in den USA oder in Russland. Das ist noch unklar.

Das Problem: Am Ende wird die Siegerin nicht etwa von der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) eingestellt – sondern ist schlicht und einfach Weltraumtouristin. Die ESA hat zuletzt vor acht Jahren neue Astronauten eingestellt. Neue Stellen sind bislang nicht in Sicht. (Zeit Online)

Also muss die Mission komplett privat finanziert werden. Es gibt sogar ein Crowdfunding, um ein kleines Startpolster für die geschätzten Kosten von 40 Millionen Euro zu sammeln.

Der Rest soll von Sponsoren abgedeckt werden, mehrere Unternehmen sollen bereits zugesagt haben (SPIEGEL ONLINE). Und die werden von der Aktion natürlich auch selbst profitieren. Von der PR – aber vor allem in Form von Daten aus den im All durchgeführten Experimenten an den Frauen.

Experimente an den Frauen?!

Ja, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat bereits als Kooperationspartner in den Auswahltests wissenschaftliche Daten gesammelt. Später möchte es beispielsweise untersuchen, welche Auswirkung die Schwerelosigkeit der Raumstation auf den weiblichen Hormonhaushalt hat. Weil: Gut zu wissen für spätere Mars-Missionen. Außerdem gibt es noch ein paar Augenprobleme, die bei Astronauten auftreten und die nun am Beispiel der Frauen erforscht werden sollen. (Wired)

Weltraumtouristinnen als Versuchsobjekte.

Ein großer Schritt für die Firma, ein kleiner für die Gleichberechtigung?

Die Kandidatinnen wissen natürlich, worauf sie sich einlassen. Trotzdem sollten hochqualifizierte Frauen wie sie, in einer wirklich gleichberechtigten Welt ohne solche Spielchen Astronautinnen werden könnten.

Die sechs Finalistinnen sind im Alter von 28 bis 37. Darunter: eine Kampfpilotin, zwei Ingenieurinnen, eine Raumfahrttechnikerin, eine Astrophysikerin und eine Meteorologin.

Aber es geht doch darum, Vorbilder zu schaffen, heißt es von Seiten des Projekts. Deshalb auch das medienwirksame Casting, statt einfacher Auswahl hinter den Kulissen. "Wir wollten immer wieder zeigen, was für tolle Frauen es gibt", sagte die Initiatorin Claudia Kessler zu Spiegel Online.

Kessler ist Top-Managerin einer Personalvermittlung, welche die ESA mit Personal versorgt. Und sie ist von der Aktion begeistert. "Schülerinnen und Frauen, die an der Raumfahrt bislang kein Interesse hatten, zeigen nun welches", sagt sie.

Vielleicht kommt dann immerhin aus dieser Generation Deutschland eine erste Berufsastronautin.


Streaming

Der Filmtipp zum Wochenende: "Searching for Sugar Man"

Searching for Sugar Man erzählt die unglaubliche Geschichte des amerikanischen Musikers Sixto Rodriguez, der – im Glauben, als Musiker gescheitert zu sein – ein einfaches Leben als Bauarbeiter in Detroit führt, während sich in Südafrika der 1970er Jahre seine Musik wie ein Lauffeuer verbreitet.

Searching for Sugar Man – berühmt, ohne es zu wissen

Sixto Díaz Rodríguez veröffentlicht in den frühen 70er Jahren zwei Alben, die in Amerika erfolglos bleiben. Ein paar Jahre später wird er in Südafrika durch die Verbreitung von Raubkopien seiner Alben zum legendenumwobenen Superstar.

Rodríguez ahnt in seiner Heimat jedoch nichts von seinem Erfolg. Somit hält sich und seine Familie mit Gelegenheitsjobs über Wasser.