Vier junge Menschen erzählen, wie ihre Eltern sie auf ein Leben in Deutschland vorbereitet haben.

Rassismus ist überall. Und Rassismus ist alltäglich. People of Color, kurz PoC, erfahren das oft schon in sehr jungen Jahren. Viele werden von ihren Eltern entsprechend darauf vorbereitet. In den USA heißt das Phänomen "The Talk". Der schwarze Bürgerrechtler Jordan Thompson sagte im bento-Interview: "Für schwarze Jugendliche gehört es dazu, Tipps zu bekommen, wie man sich unauffällig verhält".

Nach dem Tod von George Floyd in den USA und der weltweiten Anteilnahme und Protesten kommt die Rassismus-Diskussion auch nach Deutschland. 

Wie verhält man sich unter Weißen?

bento hat junge People of Color aus Deutschland gefragt, ob und wie sie von ihren Eltern auf Rassismus vorbereitet wurden – und was das mit ihnen gemacht hat. 

Jack Denis Mensah, 26, Künstler

"Woran ich mich besonders gut erinnern kann, sind die Ermahnungen mein Äußeres betreffend. Meine Mutter wollte, dass ich keine Dreadlocks trage, mein Vater sagte mir immer, ich soll sauber und gepflegt rumlaufen. Für sie waren Dreads immer ein Zeichen für Kriminalität, vor dem Vorurteilen des 'ungepflegten schwarzen Mannes' wollten sie mich schützen. 

Meine Eltern waren in den Achtzigern aus Ghana nach Deutschland gezogen. Viele aus der ghanaischen Community arbeiten hier im Reinigungswesen oder anderen Berufen, die oftmals schlecht bezahlt und körperlich sehr fordernd sind. Qualifikationen und Abschlüsse aus vielen afrikanischen Ländern werden in Deutschland einfach nicht anerkannt, also haben sie kaum Chancen auf bessere Jobs. Das wollten meine Eltern nicht für mich, entsprechend haben sie mich auch in der Schule gepusht. Ich durfte mit Einsen und Zweien nach Hause kommen, drunter nicht. 

„Mir ist es wichtig, ein selbstbestimmtes Leben zu führen – mein Vater war lange damit zufrieden, überhaupt zu leben.“

Ich bin ihnen heute sehr dankbar, wie sie mich gefordert und unterstützt haben. Das hat mir geholfen, meine Identität und meinen Platz hier zu finden. Aber ich merke auch, wie anders ich ticke im Vergleich zur ersten Einwanderergeneration. Viele Jüngere haben ein ganz anderes Selbstverständnis ihrer sozialen Position und Identität in der deutschen Gesellschaft. Ich war nie ein 'gedulteter Gast' oder stand in irgendeinem Schuldverhältnis der Bundesrepublik gegenüber. 

Mir ist es wichtig, ein selbstbestimmtes Leben zu führen – mein Vater war lange damit zufrieden, überhaupt zu leben. Dass ich jetzt auf einer Antirassismus-Demo war, konnte er erst gar nicht verstehen. Seine Angst, mir könnte da was passieren, war größer als der Wunsch, ein Zeichen zu setzen. Er war dann auch auf der Demo, aber ließ uns Jüngere reden. Dass sein Sohn von Nazis angegriffen werden könnte, beschäftigt ihn. Aber er weiß, dass ich auf mich aufpassen kann."

Bahar Aslan, 35, Lehrerin

"Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mich meine Eltern vor Polizeikontrollen gewarnt haben. Rassismus, vor allem gegen Schwarze, ist in den USA noch viel krasser ausgeprägt. Trotzdem haben meine Eltern natürlich schon sehr früh Gespräche mit mir geführt, was meine Position in der deutschen Gesellschaft angeht. Bereits in der Grundschule wurde mir eingebläut, dass ich mir viel mehr Mühe geben muss als andere Kinder, um überhaupt gesehen zu werden. Es hat nicht gereicht, gute Noten heimzubringen, es sollten die besten sein.

„Mein Vater machte mir klar, wenn die nächste türkischstämmige Deutsche nicht eingestellt wird, sei das meine Schuld.“

Das hat sich so durchgezogen. Als ich eine Ausbildung begann, schärfte mir mein Vater ein, immer pünktlich zu sein. Er meinte damit nicht eine Viertelstunde vorher: Wenn Arbeitsbeginn um 8 Uhr war, sollte ich am besten 7.15 Uhr aufkreuzen. Ich war damals die einzige Azubi mit Migrationshintergrund im Betrieb, also machte mir mein Vater klar, dass man bei jedem Fehler doppelt so scharf urteilen werde. Und dass ich dort nicht nur für mich stehe, sondern die ganze türkische Community in Deutschland repräsentiere. Wenn die nächste türkischstämmige Deutsche nicht eingestellt wird, dann sei das meine Schuld.

Eigentlich haben mich meine Eltern in einem Widerspruch erzogen: Auf der einen Seite forderten sie von mir maximale Anstrengung, um irgendwann dazugehören zu können. Auf der anderen machten sie mir immer klar, dass wir nicht dazugehören, egal, wie sehr wir uns anstrengen. 

Dieses Gefühl, kein natürlicher Bestandteil der Gesellschaft zu sein, das war immer da. Meine Eltern haben ihr ganzes Erspartes in ein Haus in der Türkei gesteckt. Das war ihr Notfallplan, wenn 'wir in Deutschland nicht mehr gewollt sind', wie sie sagten. Ich habe erst sehr viel später verstanden, was das bedeutet."

Thabo, 22, studiert Kommunikationswissenschaft

"Es gab nie den Moment, an dem sich meine Eltern mit mir hingesetzt haben und sagten: 'So und so läuft es.' Aber wenn ich zurückdenke, fallen mir natürlich viele Kleinigkeiten auf, die mir mein Vater mitgegeben hat. 

Mein Vater wollte nie, dass ich Ohrringe trage oder Dreadlocks. Es war ein Spagat: Ich sollte ich selbst sein und meine afrikanische Kultur nicht verleugnen, aber ich sollte auch nicht so aussehen, dass ich Klischees von Afrodeutschen erfülle. Er wollte nicht, dass mich andere für einen Gangster halten.

Ich bin in Berlin in einer Gruppe von People of Color groß geworden, habe Freunde aus Nigeria, der Türkei, von überall her. Da hat mich Rassismus lange nicht so sehr berührt. Erst im Studium, als ich plötzlich unter vielen Weißen oft der einzige andere war, wurde mir klar, worauf mich mein Vater immer vorbereitet hat. Regionalbahn fahren ist zum Beispiel schlimm. Entweder wirst du blöd angemacht, Leute drohen dir oder beschimpfen dich als 'Scheißnigger'. Oder gucken dich einfach nur an, um dir das Gefühl zu geben, hier nicht dazu zu gehören."

Najeeb Ahmed, 30, Real Estate Research Analyst

"Ich hielt das lange für Zufall, wenn ich zwei Mal am gleichen Tag von einer Polizeistreife angehalten wurde. Mittlerweile weiß ich, dass ich einfach in ein gewisses Raster gepasst habe. Meinen Eltern war das schon vorher klar, entsprechend haben sie mir eingebläut, mich immer höflich und regelkonform zu verhalten, um ja keine Probleme zu bekommen. 

„Es hieß immer, ich müsse mich doppelt so hart anstrengen wie die anderen, sonst hätte ich keine Chance.“

Klar, alle Eltern geben ihren Kindern mit, sich anständig zu verhalten und fleißig zu sein – aber für People of Color ist es noch mal anders. Vielen von uns wurde schon früh beigebracht, wie man in der deutschen Gesellschaft Anerkennung erfährt. Es hieß immer, ich müsse mich doppelt so hart anstrengen wie die anderen, sonst hätte ich keine Chance. Das galt für alles: Schule, Wohnung, Jobs. 

Ich habe aber erst als Erwachsener realisiert, wieso meine Eltern so viel Wert darauf legten."


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