"Man darf nicht naiv sein."

Auf den ersten Blick fällt es mir schwer, zu glauben, dass Christian einmal einer der führenden Köpfe der "Autonomen Nationalisten“ war: Er trägt eine Schirmmütze und ein langärmliges T-Shirt, das die Nazi-Tattoos auf seinen Armen versteckt, er hält den Blick gesenkt und wirkt, als ob er möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich ziehen will. 

Er spricht mit ruhiger Stimme, aber sobald es um das Thema "neue Rechte“ geht, kann er sich nicht bremsen, die Worte sprudeln aus ihm heraus. Trotzdem bleibt seine Sprache stets präzise, als wolle er sicher gehen, dass er nicht falsch verstanden werden kann. Auf das generische Maskulinum verzichtet er konsequent, spricht stattdessen stets von "Bürgerinnen und Bürgern". 

Zur Person

Christian Ernst Weißgerber war ganz tief drin in der rechtsradikalen Szene. Im Alter von 14 bis 18 war er selbst überzeugter Neonazi, Mitglied in einer Neonazi-Band und von 2007 bis 2011 sogar einer der führenden Köpfe der "Autonomen Nationalisten" in West- und Südthüringen. Dann stieg er aus, studierte Philosophie und Kulturwissenschaften. Heute klärt er als Bildungsreferent über Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus auf. bento hat mit ihm über Neu-Rechte Gruppierungen wie die Identitäre Bewegung gesprochen und ihn gefragt: Wie kann und sollte man mit Rechten reden?

Noch in diesem Sommer will Christian die Hakenkreuze, Bolzangeln und nordischen Runen auf seinen Armen übertätowieren lassen.

Christian, wie wird man eigentlich zu einem Holocaust-Leugner?

Ich persönlich habe nicht einfach angefangen, zu sagen "die Gaskammern gab es gar nicht“. Es ging zuerst  um gefühlte Ungerechtigkeit. In der Schule haben wir ziemlich viel zum Holocaust gelernt und sehr wenig zum – von Nazis so bezeichneten – "Bombenholocaust" auf Dresden. Das finden wir ja heute auch bei der AfD und bei so Abgeordneten wie der fraktionslosen, AfD-nahen Erika Steinbach.

Das ist eine der Einstiegsstrategien, Gegenfragen zu stellen wie "was ist mit den Verbrechen am Deutschen Volk?“. Auf dem nächsten Level folgt das Herunterspielen und Beschönigen von historischen Fakten, zum Beispiel mit dem Argument, dass Juden "innere Feinde“ der Deutschen waren, die  eigentlich nur deportiert werden sollten.

Woher kam das ursprüngliche Ungerechtigkeitsgefühl?

Mein Vater kam aus der DDR, wo es schon Zweifel gab über den Lehrstoff, der in den Schulen oder in den Medien vermittelt wurde. Er hat immer in Plattitüden gesprochen wie "Geschichte schreibt der Sieger“ und "wenn man sich mit Geschichte beschäftigt, dann muss man sich alle Quellen angucken.“ 

Mit so einer altklugen Skepsis, die alles Wissen ablehnt, dessen Ursprung nicht man selbst ist, bin ich aufgewachsen. So sieht man sich als Teil einer verschworenen Gemeinschaft der Eingeweihten, die dieses vermeintliche Geheimwissen teilt und mehr weiß als alle anderen.

Deuten neu-rechte Gruppen mit Propaganda erneut einzelne Begriffe um?

Ja, das wird andauernd gemacht. Aneignungsstrategien über Medien, Symbole und Sprache haben Nazis und Rechte im Allgemeinen schon immer gut verstanden. Heute wird statt des vermeintlichen Reizvokabulars um "Rasse, Führer und Vaterland“ von "Ethnie, Kultur, deutsches Volk, Patriotismus“ gesprochen. 

Wenn die Identitären von Identität sprechen, meinen sie nicht das gleiche Identitätsprinzip wie Menschen in linken oder emanzipatorischen Kreisen. Sie wollen alternativ klingen und den Eindruck machen, als wären ihre Vorschläge etwas Neues und nicht 200 Jahre alt.

Wie siehst du mit deinem biografischen Hintergrund die AfD?

Ich habe schon 2015 geschrieben, dass die AfD eine Partei ist, die eigentlich NPD-Politik macht, aber nicht das gleiche Stigma trägt. Der AfD-Gründer Bernd Lucke, der mittlerweile ausgetreten ist, und seine Mitstreiter waren ein vermeintlich national-liberales Aushängeschild, aber im Hintergrund war das bereits der typische völkisch-nationalistische Populismus. 

Es gibt jetzt eine im Internet sehr aktive Community um die AfD und die Identitären, die extrem viele Leute anzieht und das machen kann, was ich als junger Mensch gern gemacht hätte: Nazis, die keinen Bock mehr auf den typischen Nazi-Shit haben – also Skinhead und historischer Nationalsozialismus – von einer völkisch-nationalistischen Ideologie zu überzeugen, die sich selbst für patriotisch hält. Das ist ein Move, den wir damals selbst versucht haben, damals war der Boden dafür aber noch nicht reif.

Im Moment werden die Anträge der AfD im Bundestag regelmäßig von allen Parteien auseinander genommen, dadurch bekommt sie aber auch viel Aufmerksamkeit – ist das der richtige Weg?

Es ist durchaus sinnvoll, die oft völlig unsinnigen und teils verfassungswidrigen Anträge der AfD im Bundestag offenzulegen.

Leider verkommt das aber oft zur Show von Polit-Dinos wie Cem Özdemir (Grüne) und Wolfgang Kubicki (FDP) oder aufstrebenden Jungpolitikerinnnen und stoppt weder den Geldfluss der AfD noch ihren Aufbau nationalpopulistischer Infrastrukturen.

Die rund 90 Abgeordneten sind nur die Spitze des braun-blauen Eisbergs. Hinzu kommen ihre Mitarbeiter, die mit den Parteigeldern extrem rechte Institutionen aufbauen können, mit denen sie ihre völkisch-nationalistischen, anti-sozialen und rassistischen Vorstellungen mehr Leuten schmackhafter machen können.  

Und dank der ständigen Angriffe kann sich die AfD auch als Opfer inszenieren.

Ja. Es wird schwierig, für die anderen Parteien, die Menschen zu erreichen, die das theatralische Selbstmitleid und das Skandal-Spektakel der AfD glauben.

Da reichen nicht nur Showacts im Bundestag, um dieses Verhalten zu. Dafür müssten demokratisch-progressive Infrastrukturen aufgebaut werden, die eine nachhaltige demokratische Kultur in allen Regionen der Republik ermöglichen.

Ist die Zahl von Leuten, die fremdenfeindlich und rechtsradikal denken, also viel größer, als wir das in den letzten Jahrzehnten gedacht haben?

Ja, viele Leute, die unfairerweise als linke Unruhestifter verschrien wurden, haben das schon seit den Neunzigerjahren sehr deutlich gesagt. Wir dürfen uns nichts vormachen. Wir leben in einem Land, das dauerhaft von konservativen Parteien regiert wird. 

Heute ist jeder in seiner eigenen Echokammer, viele Leute suchen gar nicht mehr die Auseinandersetzung. Und damit meine ich nicht, dass man AfDler auf irgendwelche Podien einlädt, sondern sich im Alltag mit diesen Menschen auf einer möglichst empathischen Ebene auseinandersetzt.

Gibt es Menschen, bei denen sich die Bemühungen nicht mehr lohnen?

Es gibt Leute, die glauben, dass nur sie selbst die Wahrheit kennen und aussprechen. Das gibt es in Religionen seit mehr als 2500 Jahren, das hatten wir bedingt in unserer Kolonialgeschichte und das gibt es heute bei Salafisten aber auch im Neoliberalismus.

Das hat wenig mit Rationalität zu tun, und viel mehr mit Glaubensansätzen. Wenn man zum Beispiel an so etwas wie "das deutsche Volk“ glaubt. Diese Menschen darf man nicht unterschätzen, weil überhaupt nichts mehr bei denen ankommt.

Aber sollte man nicht trotzdem mit ihnen reden? Du bist schließlich auch aus der Szene rausgekommen.

Man sollte im Alltag mit Rechten reden, nach den eigenen Möglichkeiten, solange man sich selbst sicher fühlt und ohne sich selbst kaputt zu machen. Aber nur, ohne sich selbst dabei in Gefahr zu bringen oder denen eine Bühne zu liefern. Am AfD-Stand auf der Straße muss man ja nicht die AfD-Person überzeugen, sondern andere Leute, die dabeistehen und sich das anhören. Man darf aber auch nicht naiv sein und glauben, dass alle Leute rationalen Argumenten folgen.


Haha

14 Autokorrektur-Fehler, bei denen du Tränen lachst

Es ist wohl den meisten von uns irgendwann schon einmal passiert: Du bist in Eile und willst "noch schnell" eine Nachricht bei WhatsApp abschicken. Du hast keine Zeit, um dir das Getippte noch einmal durchzulesen, drückst auf Senden und wenn du das nächste Mal auf den Smartphone guckst, schämst du dich in Grund und Boden. 

Die Autokorrektur ist gnadenlos: Sie macht aus dem Wort "Hose" mal ganz schnell "Hoden" und aus "anschmachten" wird "abschlachten". Das ist alles halb so wild, wenn du die Nachricht nur an deinen besten Kumpel verschickt hast. 

Hier sind 14 Bilder zu Autokorrektur-Fehler, bei denen du lachen musst, obwohl du gar nicht willst: