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Wirklichkeit schafft Hymnen – und nicht umgekehrt

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow ist im Wahlkampf. Der Linken-Politiker will, dass die Ostdeutschen mehr singen. Dafür möchte er den Text der Nationalhymne ändern. In einem Interview sagte er: "Viele Ostdeutsche singen die Hymne (...) nicht mit und ich würde mir wünschen, dass wir eine wirklich gemeinsame Nationalhymne hätten." 

Ramelow ist nicht der Erste, der das fordert: Schon vor der Wiedervereinigung wurde oft eine neue Hymne verlangt. Selbst der CDU-Politiker Lothar de Maizière war damals dafür. Das neue Lied sollte nicht nur ein Zeichen an die Ostdeutschen sein, sondern allen Deutschen eine neue, friedliche Zukunft versprechen.

Aber von einer neuen Nationalhymne können sich Ostdeutsche nichts kaufen.

Doch liegt es wirklich an der Nationalhymne, wenn Ostdeutsche sie nicht mitsingen? Oder viel eher an den Erfahrungen, die viele von ihnen seit der Wiedervereinigung 1990 gemacht haben? Vieles spricht für zweiteres. Studien zeigen regelmäßig, wie groß Unterschiede zwischen Osten und Westen bis heute sind. Doch wer die sozialen Probleme in Brandenburg bekämpfen will, sollte nicht bei Musik anfangen.

Es ist ohnehin fraglich, wo und wie oft die Nationalhyme (nicht) gesungen wird. Außerhalb von Fußballstadien ist "Einigkeit und Recht und Freiheit" vor allem bei Staatsempfängen, über-enthusiastische Bundesjugendspielen oder Parteitagen der Jungen Union zu hören. An keinem dieser Orte wurde bislang ein Ost-West-Gefälle oder eine Hymnen-Hemmung festgestellt.

Oft ist das Gegenteil der Fall: Besoffene Fußballfans und Nachwuchs-Patrioten sangen das Lied so begeistert, dass es allen anderen wehtat. Immer wieder auch in allen drei Strophen. "Deutscher Wein und deutscher Sang" – aber als identitätspolitisches Konzept für am Wochenende. Auch Bodo Ramelow verweist bei seinen Bedenken auf "Naziaufmärsche von 1933 bis 1945". Doch was sagt das für die Gegenwart?

Entscheidend ist der Umgang mit dem Lied.

Die als Nationalhymne genutzte dritte Strophe des "Deutschlandliedes" von August Hoffmann von Fallersleben gilt als langweilig, aber unverdächtig. In anderen Ländern geht es oft um Blut, Waffen und Könige. Dass bei öffentlichen Anlässen im Ausland versehentlich dennoch immer wieder auch die anderen beiden Strophen oder die DDR-Hymne zu hören sind, zeigt, dass sich die deutsche Geschichte nicht abstreifen lässt wie eine schmutzige Jogginghose. Überhaupt ist Ramelows linke Sehnsucht nach einer unschuldigen Nationalhymne seltsam. 

Wäre irgendetwas besser, wenn tausende Betrunkene künftig Texte von Bertolt Brecht gröhlten? Was sollte der Text einer neuen deutschen Nationalhymne sein, der "so eingängig ist, dass sich alle damit identifizieren können", wie Ramelow es fordert? "Atemlos" von Helene Fischer? "54, 74, 90, 2006?" von den Sportfreunden Stiller? Der Bratmaxe-Song? Oder doch eher "Ein Hoch auf uns" von Andreas Bourani? 

Das Anliegen von Bodo Ramelow kann nur schiefgehen.

Natürlich stimmt es, dass die heutige Hymne altmodisch und unverständlich klingt. Sarah Connor kann ein Lied davon singen ("Brüh im Lichte"). Die neuen Grünen-Chefs Robert Habeck und Annalena Baerbock stellten im vergangenen Jahr ihre erste gemeinsame "Sommertour" unter das Hymnen-Zitat "Sind des Glückes Unterpfand". Bis heute hat vermutlich niemand ganz genau verstanden, was sie uns damit sagen wollten und oder ob sie sich wirklich für Glücksgaranten halten. 

Will man die ost-west-deutschen Erfahrungen unbedingt in einem offiziellen Lied verarbeiten, gibt es ohnehin einen einfacheren Weg: Die ersten sieben Verse von "Auferstanden aus Ruinen" lassen sich auch auf die bundesdeutsche Melodie singen und umgekehrt. 

Aber allein den Text einer Nationalhymne zu ändern macht eine Gesellschaft nicht besser, als sie ist. 


Gerechtigkeit

Rassismus im Jugendfußball: Hat Deutschland ein Problem?

Ein Wochenende im Mai: Zwischen Bratwurstgeruch und lauten Trillerpfeifen werden auf deutschen Sportplätzen rund 80.000 Fußballspiele ausgetragen. Nahe Stuttgart nimmt ein Turnier für eine Jugendmannschaft ein vorzeitiges Ende: Der Trainer verlässt den Platz mit seinem Team, nachdem ein 8-jähriger Spieler seiner Mannschaft auf dem Feld von einem Elternteil eines gegnerischen Spielers rassistisch beleidigt worden ist. 

Eine nachvollziehbare Reaktion, mag manch einer denken - nicht aber der Turnierveranstalter. In einer E-Mail wirft er dem Trainer nachträglich unkollegiales und unsportliches Verhalten vor.