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Deutschland ist kaputt, heißt es oft. Gespalten, zerrissen, getrennt. Gerade hat Matthias Platzeck das bekräftigt. Der Ex-SPD-Chef sollte die größte deutsche Sause der letzten 30 Jahre organisieren: Die Feierlichkeiten zum Jubiläum der Einheit. Doch der Partyplaner macht sich Sorgen: Es gebe eine wachsende Kluft zwischen Ost und West, die Demokratie sei "am Rande einer Krise" (Tagesspiegel). 

Matthias Platzeck ist nicht der Einzige, der so über das vereinte Deutschland spricht.

Mein Kollege Peter Maxwill hat sein Buch über das vereinte Deutschland "Reise zum Riss" genannt.  Als sich auf einer Wähler-Karte nach der Europawahl Ostdeutschland abzeichnete, hieß es in vielen Medien, das sei ein Zeichen der "Mauer in den Köpfen".

Die Riss-Rhetoriker führen ins Feld: Auch auf Karten von Arbeitslosigkeit, Grünen-Wählern und Frauen in der Teilzeitfalle kann man die Grenze gut nachzeichnen (Statista/Spiegel Online/Correctiv). Mein Kollege Marc Röhlig hat vor einigen Wochen sogar gefordert: "Liebe Wessis, integriert uns Ossis endlich!" (bento

Dabei ist der Riss durch Deutschland ein Mythos. 

Man kann problemlos auf der A4 von Aachen nach Görlitz fahren, ohne in einen Graben zu stürzen. Man kann aus Westberlin auf ein paar fade Senfeier nach Brandenburg und aus Brandenburg auf eine fettige Currywurst nach Kreuzberg. 

Es gibt keine Mauer mehr – Ostdeutschland ist einfach nur anders.

Aber die "Spalt-Riss-Graben"-Rhetorik verpasst dem Andersseinein negatives Framing. Sie impliziert, es könnte etwas zusammengerückt, zugeschüttet und gekittet werden. Viele Ökonomen glauben aber, dass Ostdeutschland in den nächsten Jahrzehnte wirtschaftlich kaum aufholen wird. (Spiegel Online

Die Wende, die unterschiedliche Vergangenheit und ihre Folgen, all das wird sich  weiter auf Karten zu Lebensstandard und sozialen Fragen abzeichnen.

Und selbst wenn der Osten unerwartet reich würde, bliebe die ostdeutsche Identität.

Denn Ossis fühlen sich noch immer als Ossis.

Umfragen zeigen seit den 90er Jahren immer wieder, dass die Identität der Ostdeutschen stärker ist als in anderen Regionen. Auch eine Studie unter Ost-Millenials ergab im April dasselbe Bild – in einer Generation, die doch gesamtdeutsch sozialisiert wurde. (bento) Die Ost-Millenials bezeichnen sich selbsbewusst als Ostdeutsche und melden sich in Büchern ("Die Nachwendekinder"), Essays (Krautreporter) und Podcasts ("Ostwärts") zu Wort. Sie wollen damit keine Gräben ausheben, aber sie ziehen eine klare Linie zwischen Ost und West. 

Ostdeutschland wird so schnell nicht verschwinden.

Das nicht zu akzeptieren, schafft viel größere Probleme als die Unterschiede selbst. Denn nicht nur liberale, junge Stimmen bemühen sich um die Identität – auch reaktionäre, nationalistische Stimmen bieten mit. Die AfD hat im Osten sehr erfolgreich das Thema "Wende" besetzt.

Gibt man auf Amazon "Ostdeutschland" ein, werden Käppis, Schlüsselanhänger und ein Baseballschläger mit der Fraktur-Aufschrift "Ostdeutschland" empfohlen. Es folgt eine blaue Sportjacke mit FDJ-Aufnäher. Und T-Shirts mit den Slogans wie: "Deutscher durch Geburt. Ossi durch die Gnade Gottes"

Die aggressive Ossi-Identität ist auch entstanden, weil Ostdeutsch-sein so lange verpönt war: Schließlich hieß "Mauern in Köpfen einreißen" und "Gräben zuschütten" übersetzt immer: Die Ostdeutschen sollten Westdeutscher werden, weil das ja das "richtige" Deutschsein ist. In der offiziellen Erzählung des wiedervereinten Gesamtdeutschlands gelten die Westdeutschen der Prototyp - und die Ostdeutschen als das Mängelmodell. 

Und es ist genau diese Denkweise, die die Einheit verhindert, statt sie zu fördern. 

Mein Vorschlag: Lassen wir den Riss endlich in Ruhe.

Vielleicht könnte der Osten das werden, was Flandern für Belgien oder die Bretagne für Frankreich ist: Ein Teil des Landes, in dem die kulturellen Gepflogenheiten etwas anders sind, aber akzeptiert.

Ließe man den Osten Osten sein, wäre er vielleicht sogar ein gutes Korrektiv für Gesamtdeutschland. Ein Seismograph, an dem man messen könnte, wie gut Sozialpolitik, der Aufbau strukturschwacher Regionen und das Kontern rechter Strömungen funktionieren.

Wir könnten benennen, was im Osten anders ist (Geschlechterrollen, Kinderkrippen, Senfeier) und bleiben wird, auch wenn wir 40, 50, 60 Jahre Einheit feiern.

Ossis stünden nicht mehr unter dem Druck "aufzuholen", "zusammenzuwachsen" oder integriert zu werden. Sie würden nicht mehr daran gemessen, wie wenig sie Ossis sein wollen.

Und Deutschland würde dadurch nicht ärmer an Einheit, sondern reicher an Diversität: mehr Milieus, mehr Geschichte, mehr Kultur. Außer vielleicht kulinarisch.

Der Graben für Senfeier kann gar nicht tief genug sein.

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Future

Zukunftsangst nach dem Studium: Wohin mit mir?

Das Studium ist eine spannende Zeit: Man fühlt sich manchmal irgendwie erwachsen – und dann doch wieder nicht. Man genießt die Freiheit ohne Job und geregelten Tageablauf, gleichzeitig denkt man schon an das nächste Praktikum und wie man Bewerbungen richtig schreibt.

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