Mohamad Hajo kommt aus Syrien, seit Juni lebt und studiert er in Bonn. Seine Erfahrungen schreibt er auf, in Haikus und Kurzgeschichten.

In a tin foil

chanting for freedom


Armless people


Mohamads Weg nach Deutschland

Mohamad Hajo, 26, wurde in Aleppo geboren. Er ging in Dubai zur Schule, kam zum Studium zurück nach Syrien, lebte im Libanon und in der Türkei. Zoome in die Karte, um mehr über die einzelnen Stationen zu erfahren.

Seine Gedanken und Erlebnisse schreibt Mohamad auf, meistens auf Arabisch, manchmal auf Englisch.
Wir haben mit ihm gesprochen, und dürfen einige seiner Haikus veröffentlichen.

Five children play

three children cry


one child remembers!


Als du ein Teenager warst, hast du begonnen, zu schreiben: erst Kurzgeschichten, später auch Haikus, eine besonders kurze Gedichtform, die ursprünglich aus Japan kommt. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Als ich sechzehn Jahre alt war, zog ich mit meiner Familie nach Dubai; mein Vater hatte dort einen Job. Das war eine große Umstellung für mich, vor allem meine Großmutter fehlte mir sehr. Ich versuchte, meine Gefühle in einer Geschichte auszudrücken, und es funktionierte: Meine erste Kurzgeschichte hieß "Brief an meine Großmutter".

Die Haikus kamen später dazu. Als ich im Libanon lebte, stieß ich zufällig auf eine Facebook-Gruppe namens "Haiku". Ich hatte vorher nie davon gehört, ich war neugierig. In diese Gruppe schrieb ich meine ersten Haikus. An den Inhalt kann ich mich nicht mehr erinnern, Haikus sind kurz, man kann so viele schreiben.

Manche Menschen drücken ihre Gedanken und Gefühle aus, indem sie sprechen, andere indem sie malen. Schon als Kind hatte mich meine Großmutter für Bücher und Magazine begeistert. Ich glaube, sie hatte großen Anteil daran, dass ich zu schreiben begann.


Publicly, I laugh

in my room



I weep silently


Gerade arbeitest du an einem Roman. Worum geht es?


Um das, was ich in den verschiedenen Ländern erlebt habe, insbesondere in Syrien. Die momentane Situation dort wird den größten Teil einnehmen; sie brachte mich überhaupt erst auf die Idee, einen Roman zu schreiben. Vor 2011 hatte ich nie darüber nachgedacht. Im Gegenteil: Ich war beschäftigt mit der Uni. Dann passierte alles rasend schnell, und plötzlich verspürte ich wieder den Drang, zu schreiben.


Thousands of years of civilization

Fall to pieces in a minute

Palmyra


Im Frühjahr 2011 begannen die Demonstrationen gegen das Regime von Baschar al-Assad. Was als friedlicher Protest anfing, entwickelte sich bald zu einem Bürgerkrieg. Wie hast du diese Zeit erlebt?

Ich studierte an der Arab International University in Ghabagheb; die Stadt liegt zwischen Dar’ā, wo die Proteste begannen, und Damaskus, dem Sitz der Regierung. Wir waren quasi sofort von der Auseinandersetzung betroffen.

Es begann damit, dass meine Kommilitonen aus Dar’ā nicht mehr zu den Vorlesungen kamen. Irgendwann eskalierte die Situation: An meiner Uni wurde demonstriert; einige waren auf der Seite der Regierung, andere dagegen. Die Uni führte deswegen Sicherheitskontrollen ein.

Mohamad im Labor seiner Uni in Ghabagheb, Syrien(Bild: Mohamad Hajo)

Im Juli 2012 machte ich meinen Bachelorabschluss. Ich wollte Syrien verlassen und wieder nach Dubai; meine Familie lebte noch immer dort, ich wollte einen Job suchen.

Erst einmal ging ich aber zurück nach Aleppo und wohnte zwei Monate bei meiner Großmutter. Was ich dort erlebte, war schlimmer als alles zuvor. Meine Großmutter wohnte in einem Bezirk, in dem sich die beiden Parteien bekämpften. Manchmal war es schwierig, aus dem Haus zu gehen, Lebensmittel einzukaufen.


Near the ruins of Aleppo citadel

People die

A child smokes a cigarette!


Das alles hast du verarbeitet, indem du geschrieben hast.

Das Schreiben wurde zu einer Notwendigkeit für mich. Viele Syrer waren frustriert, wütend, enttäuscht und voller Angst. Das muss man zum Ausdruck bringen. Ich konnte nicht einfach weiter studieren und vergessen, was um mich herum passierte.

Gerade junge Syrer suchten nach einer Ausdrucksform für ihre Gedanken und Gefühle, sie sprayten auf Wände, drehten Videos, posteten unter falschem Namen auf Facebook. Ich entschied mich für’s Schreiben. Diese Ausdrucksform hatte ich schon vorher etabliert; es war leicht, wieder zu ihr zurückzukommen.

Nach 2011 veränderten sich meine Texte: Sie waren reifer, nicht mehr so idealistisch; früher hatte ich einen unerfahrenen Blick auf die Welt. Natürlich konnte ich das, was ich geschrieben hatte, nicht öffentlich zeigen, das war zu gefährlich. Nur meine engsten Freunde lasen damals meine Geschichten.

Mohamad auf der Zitadelle in Aleppo(Bild: Mustafa Assaad)

Als du wieder in Dubai warst, hast du die Kurzgeschichte
"I Was Imaging" geschrieben. Sie handelt von "Zaatari" in Jordanien, einem der größten Flüchtlingscamp der Welt.

"I Was Imaging" ist aus einer starken Emotion heraus entstanden. Als ich noch in Syrien lebte, war das Flüchtlingsproblem noch nicht so groß. Es wurde viel größer, nachdem ich nach Dubai zurückgekehrt war. So viele Menschen verließen ihre Heimat, suchten nach Frieden. Ich hörte viel über das "Zaatari"-Flüchtlingscamp, sah Interviews mit Menschen, die dort leben, sah die schrecklichen Zustände. Das musste ich aufschreiben.

Ich erlebte den Krieg in Syrien persönlich nur während der eineinhalb Jahre, die ich dort nach Beginn des Konflikts lebte, aber natürlich blieb ich mit den Menschen vor Ort in Kontakt. Im Libanon, wo ich später arbeitete, fühlt man sich auch nicht wirklich losgelöst von dem Krieg im Nachbarland. Klar, man ist keinen Bombardierungen ausgesetzt; aber es leben so viele Syrer im Libanon, man redet ständig darüber.


Tormented women and children

A saint heals their wounds

Germany!


Seit Juni lebst du in Deutschland, seit Oktober studierst du an der Hochschule in Bonn. Wie kam es dazu?

Ich arbeitete etwa ein Jahr lang im Libanon, dann teilte mir die Regierung mit, dass ich gar nicht dort arbeiten dürfe. Ich begann zu spüren, dass die Stimmung gegenüber Syrern schlechter wurde: Der Libanon ist so ein kleines Land, sie fühlten sich überfordert.

Also suchte ich nach Alternativen. Ein Freund lebte zu der Zeit bereits in der Türkei; er sagte, dass ich dort einen Job finden könne. Also zog ich nach Mersin.

Dort las ich im Internet von dem "Leadership for Syria"-Programm des DAAD (Website des DAAD, Website des Auswärtigen Amts, FAQ). Ich wollte unbedingt einen Master machen, aber ich wusste, dass ich ohne ein Stipendium keine Chance haben würde. Ich hatte im Libanon zwar gearbeitet, aber neben Miete und Lebenshaltungskosten blieb kein Geld übrig, das ich hätte sparen können.

Ich bewarb mich online und wurde tatsächlich genommen. Anschließend meldete ich mich für den Master "Biomedical Sciences" in Bonn an.


Mohamad Hajo vor Beethoven Statue in Bonn(Bild: Mohamad Hajo)

On my balcony

I stand

Envious of flying birds


Was bedeutet es für dich, jetzt in Deutschland zu sein?

Es ist total aufregend, die Möglichkeiten sind grenzenlos. Es geht ja nicht nur um das Studium, sondern auch um alles andere. Ich kann hier meine Texte öffentlich zeigen, ich kann andere Kulturen kennenlernen. Am ersten Unitag war ich der einzige Syrer im Kurs, später kam noch ein zweiter syrischer Stipendiat dazu. Meine Kommilitonen kommen aus den USA, China, Südkorea, Brasilien.

Das Studium hier ist ganz anders als in Syrien: Klar, die Theorie ist ähnlich, es ist ja die gleiche Wissenschaft, aber wir haben mehr praktische Kurse, die Professoren sind sehr aufgeschlossen, wir diskutieren viel.


Soothing painting

I stare in marvel

Mud and leaves making love!


"Leadership for Syria", so heißt das Stipendienprogramm des DAAD. Das klingt sehr nach Rückkehr.

Das Ziel des Stipendiums ist, syrische Wissenschaftler und Führungskräfte auszubilden, die Syrien eines Tages wieder aufbauen und die Zukunft des Landes mitbestimmen können. Es wäre mir eine Ehre, wenn ich am Wiederaufbau meines Landes mitarbeiten könnte. Ich glaube nicht, dass der Krieg bis zum Ende meines Masters vorbei sein wird; das ist zu optimistisch. Aber ich würde auf jeden Fall versuchen, die Dinge, die ich hier lerne, auf mein Land anzuwenden.