Von Afghanistan ins Weserbergland

Ibrahim ist in Afghanistan aufgewachsen. Dort half er den Amerikanern mit Übersetzungen, bis die Bedrohung durch die Taliban zu groß wurde. Im vergangenen Sommer floh er nach Deutschland. Angekommen ist der 17-jährige in der Kleinstadt Holzminden in Niedersachsen. Seit etwas mehr als zwei Monaten geht er auf das "Internat Solling". Bei bento wird er ab jetzt alle zwei Wochen erzählen, wie er zurechtkommt, was er lernt und was er vermisst.

"Ich bin allein. Bis auf den Gärtner und einige Lehrer sind alle Schüler nach Hause gefahren. Es sind gerade Ferien. Normalerweise besuche ich jeden Tag einen Deutschkurs. Gerade organisiere ich meinen Unterricht selbst. Mein Zimmer, das ich eigentlich mit meinem Mitbewohner Philippe teile, ist jetzt mein Klassenraum. Wir haben zwei Betten, Schränke, zwei Schreibtische. Alles ist sauber – für mich ein Luxus.

Ibrahim kam als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland. (Bild: privat)

Wer ist Ibrahim?

Ibrahim ist 18 Jahre alt, er kommt aus dem Dorf Daimerdad, das westlich der afghanischen Hauptstadt Kabul liegt. Um Lebensmittel für sich und seine Mutter einzukaufen, musste er zweimal im Monat durch ein Tal, das von den Taliban kontrolliert wurde. Er floh zuerst nach Pakistan, um von dort in den Iran einreisen zu können. Von der Türkei aus hat ihn ein Schlepper mit dem Boot nach Griechenland gebracht. Zu Fuß hat er die Balkanroute Richtung Österreich genommen. Seit Oktober ist er in Deutschland. Er lebt im "Internat Solling“ in Holzminden, im Weserbergland.

Für die Ferien habe ich mir einen festen Stundenplan überlegt: Um 9 Uhr stehe ich auf, lese ein paar Stunden, am Nachmittag höre ich Radio. Gerade liegt auf meinem Schreibtisch am Fenster 'Der kleine Prinz', eine Lehrerin hat mir das Buch zu Weihnachten geschenkt. Ich bin auf Seite 11 – nicht sehr weit, aber ich brauche lang zum lesen. Es ist schwer zu verstehen, ich kämpfe mich da durch. Die Geschichte mit der Schlange und dem Elefanten mag ich sehr, sie bringt mich zum Nachdenken. Radio höre ich mit meinem Handy. Zwar verstehe ich noch nichts, aber ich möchte meine Aussprache verbessern.

Ich wohne hier im 'Mittelhaus'. Im ersten Stock sind die Zimmer der Jungs, im zweiten Stock wohnen die Mädchen, und im Dritten hat das Personal der Schule Wohnungen. Mittags esse ich bei einem Lehrer, der in den Ferien hiergeblieben ist. Schaue ich hier aus dem Fenster, sehe ich blätterlose Bäume und Felder. Die Schule hat eigene Pferde. Ich besuche sie fast jeden Tag. Sie erinnern mich an eine schöne Zeit in Afghanistan. Als ich klein war, half ich manchmal auf den Feldern, sie wurden mit Pferde gepflügt. Die Natur hilft mir, schreckliche Ereignisse in Afghanistan und die Strapazen der Flucht zu vergessen.

Am Donnerstag sind die Ferien vorbei, die Schule wird wieder voller Leute sein. Das wird mir gut tun. Im Moment ist es mir zu ruhig. Mit wem soll ich hier reden? Ich habe keinen Kontakt zu meiner Familie. Ich weiß nicht, wie es meiner Mutter geht. Ich habe gehört, dass alle Leute mein Dorf in Afghanistan verlassen haben sollen. Aber viel mehr weiß ich nicht. Ich hoffe, dass ich bald Neuigkeiten von meiner Familie bekomme."

Protokoll und Übersetzung: Hanna Gieffers

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