RTL-«Bachelor» Andrej Mangold
Bild: dpa / MG RTL / Arya Shirazi
Devise: Finger weg!

Es passiert, wenn man es am wenigsten erwartet. Wenn das Bier kaltgestellt und die Pizza im Ofen ist. Wenn der Kopf eigentlich ausgeschaltet ist – und der Fernseher an, weil Royal Wedding, GNTM oder der Bachelor läuft:

Der nervige Alltagsrassismus.

Dann nennt ein Kommentator die afroamerikanische Meghan und den Briten Harry ein "exotisches Pärchen", Heidi Klum beschließt, jemandem die angeblich "total kaputten" Afrohaare abzurasieren. Oder diese Woche, bei RTLs Kuppelshow "Der Bachelor":

Der erste afrodeutsche Bachelor Andrej Mangold sitzt mit Ernestine Palmert auf dem Sofa. Sie nörgelt, weil sie zu wenig Zeit mit ihm verbringen darf. Sie starrt auf seinen Kopf.

Nein, denkt man.

"Ich muss", setzt sie an.

Tu's nicht!

"...deine Haare..."

NEIN! Du musst gar nichts! Finger weg!

"...nochmal anfassen. Die sind sooo toooll!"

Grapsch! Ernestine wuschelt dem Bachelor durch den kurzen Afro. 

Der Bachelor nimmt das relativ gelassen. Das passiere ihm öfter, sagt er später im Interview: "Kenne ich schon." Und alle schwarzen Zuschauerinnen und Zuschauer nicken mit.

Denn das Haare-anfassen ist, gemeinsam mit der "Wo kommst du wirklich her?"-Frage wahrscheinlich die am meisten verbreitete Form von Alltagsrassimus

Sie trifft vor allem Frauen, mit Afrokrause oder typisch schwarzen Haarstyles wie geflochtenen Zöpfchen. Aber eben auch schwarze Männer wie den Bachelor.

Wo liegt denn das Problem?

Ernestine war neugierig. Sie sei ein Mensch, der gerne anfasst, erzählt sie. Mag sein.

Aber das ungefragte Haareanfassen sagt auch: Du bist mir fremd. Du bist exotisch. Ich glaube, das Recht zu haben, dich anzufassen. Du bist dafür da, meine Neugierde zu befriedigen. Damit macht man sein Gegenüber zum Objekt. Ungefragtes Haareangrapschen ist grenzüberschreitend. Ein No-Go.

Und wenn ich vorher frage?

Das kommt darauf an. Fragt man den besten Kumpel, nach einer ausgedehnten Debatte über die Vorteile einer Haarkur mit unraffinierter Sheabutter? Oder die Frau, die man gerade auf der Party kennengelernt hat, die in der Bahn zufällig neben einem sitzt? Oder die neue Kollegin, mitten im Büro? Ersteres ist vielleicht eine seltsame Frage – letzteres einfach nur rassistisch.

Meist bleibt es ja auch nicht beim "Darf ich mal anfassen?". Oft folgt ein erniedrigender Vergleich der Haare mit Haushaltsmaterialien (Wolle, Watte, Stroh) oder Tieren (Schaf, Pudel). Dann folgt eine Kaskade grenzüberschreitender Fragen:

Kannst du die waschen? Wie oft machst du das? So richtig mit Shampoo? Und werden die danach wieder richtig trocken? Was machst du wenn es regnet? Und, bei Flechtfrisuren: Wie lange hat das gedauert? Tut das nicht weh?

Am besten kommt dann noch von jemandem mit seidigen, blonden Strähnchen ein ungefragtes "Ich würde ja sofort mit dir tauschen. Meine Haare sind sooo langweilig!".

Tatsächlich gibt es Afro-Frisuren, die nicht oft gewaschen werden können. Eingenähte Strähnen aus Kunsthaar (Weave) dürfen nur selten und sehr vorsichtig gewaschen werden – und werden danach sorgsam ausgekämmt. Aber will ich der neuen Kollegin erzählen, dass ich gerade zwei Wochen meine Haare nicht gewaschen habe, das aber völlig okay ist?

In den USA gibt es die Debatte um den Rassismus, der im Haare-anfassen-wollen steckt, schon lange. 

"Don't touch my hair" steht auf T-Shirts und auf Plakaten bei Black-Lives-Matter-Demos. Es gibt Kinderbücher, die so heißen. Dass jeder das Recht auf seinen eigenen Körper hat, müssen schwarze Kinder früh lernen, denn gerade in kleine Afros wandert gern mal eine fremde Hand, während man an der Ampel oder Supermarktkasse steht.

Solange Knowles hat einen Song namens "Don't Touch My Hair" geschrieben. Es gibt sogar ein Computerspiel zum Thema: "Hair-Nah". Die schwarze Programmiererin Momo Pixel hatte sich so über die Haar-Attacken geärgert, dass sie daraus ein Browser-Game gebastelt hat. An verschiedenen Orten – Miami Beach, Tokio – klatscht man in 60 Sekunden möglichst viele weiße Hände weg, die von allen Seiten in die Haare grapschen. Ein "Nah"-Meter zählt mit.

So einfach es im Spiel ist  – im echten Leben ist Nein-sagen nicht so einfach. Verschlafen in der Bahn eine Hand wegwischen? Der neuen Kollegin ein genervtes "Nee" zurufen und gehen? Die Verantwortung zum respektvollen Umgang liegt daher bei den Menschen ohne Afrohaare.

Ich möchte respektvoll sein, aber die Haare interessieren mich trotzdem. Was nun?

Google beantwortet alle Fragen zu Afrohaaren. So muss man nicht die Menschen damit belästigen, die sie tragen – und solche Fragen möglicherweise ständig gestellt bekommen.

Und sonst: Ein Kompliment tut's auch. "Schöne Haare!", zum Beispiel. Aber nicht sauer sein, wenn die Person nicht gleich rot wird. Möglicherweise hat sie gerade zwölf Stunden beim Friseur verbracht, oder gestern bis nachts die Haare geflochten, und weiß daher ganz genau, dass sie gerade ziemlich gut aussieht.

Wer unbedingt anfassen will, sollte sich vorher ehrlich die Fragen beantworten: Würde ich wollen, dass mein Gegenüber durch meinen frisch geföhnten Pony wuschelt? Meine Kopfhaut krault? Mich nach meinen Waschgewohnheiten fragt?

Weil das bei Fremden und flüchtigen Bekannten kaum jemand wollen kann, heißt die Devise: Finger weg!

Auch wenn die Haare sooooo toll sind.


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