Das Verhältnis zwischen Parteien, Sozialen Medien und jungen Wählern ist, um es elterntauglich in Facebook-Beziehungsstatus auszudrücken: kompliziert.

Wenn Parteien nicht offensiv in den Sozialen Medien unterwegs sind, heißt es, sie würden sich nicht um die jungen Wähler kümmern. Wenn sie sich aus der Deckung wagen, dann laufen sie stets Gefahr, sich zum Gespött zu machen. 

So gesehen möchte man der CSU erst mal zu ihrem Mut gratulieren: Die buhlt nämlich mit einem neuen Videoformat, CSYOU, um die Gunst und Aufmerksamkeit von diesen jungen Leuten. 

Der Moderator ("Ich-bin-der-Armin"-Petschner, Zuständiger für die Social Media Kanäle der Landesgruppe) hat sich alle relevanten Gesten bei anderen YouTubern abgeschaut, die Gesichtsausdrücke in Emoji-Form pressen: Hand ans Kinn (hmmm), überdeutliches Kopfschütteln (nö), Finger in die Luft (AHA!). Auch an Soundeffekten, Bildeffekten und überhaupt allen anderen Effekten wird nicht gespart.  

Was Armin in dem Video inhaltlich beschäftigt, gerät da leicht in den Hintergrund, zum Beispiel diese Themen:

  • Greta Thunbergs Segeltour nach New York war doch nicht besonders klimaneutral, weil verschiedene Mannschaftmitglieder des Seegelbootes fliegen, eine Meldung vom 15.8. (Welt), was Armin noch mal zu der überraschenden und von der AfD bereits durchkommentierten Aussage verleitet, Greta hätte lieber gleich selbst ins Flugzeug steigen sollen. Das Statement der Familie Thunberg, von den Flügen im Vorfeld nicht gewusst zu haben, ignoriert er, auch alle Äußerungen der Bootsmannschaft zu dem symbolischen Akt (Tagesspiegel).
  • Die Grüne Bundestags-Fraktion fliegt öfter als die anderen, eine Meldung vom 10.8. (Tagesspiegel), "dabei betonen die Grünen immer, wie wichtig ihnen Klimaschutz ist" – viel mehr hat Armin nicht hinzuzufügen.
  • Bei der Unteilbar-Demo vergangenes Wochenende in Dresden, Gründungsstadt der Pegida, waren Deutschlandflaggen nicht erwünscht, aber warum das so sein könnte, versteht Armin kein bisschen ("HÄHH?"), schließlich stünden schwarz und rot und gold ja für Einigkeit und Recht und Freiheit.
  • Und vor allem hat er eine ganz wichtige Botschaft an die "Politiknörgler" da draußen: Die GroKo liefert!

Themen, Tonalität und Drehs sind ähnlich überraschend wie die Gesichtsausdrücke – nirgendwo findet sich eine zusätzliche Information oder ein weiterführender Gedanke. 

Und hier kommen wir zum Problem: Armin soll wohl eine Antwort auf Rezo sein. Aber er ist seine Antithese. 

Denn was Rezo über seine Fanbase hinaus berühmt gemacht hat, war ein Video, in dem er sich lange und ausführlich mit einem Thema beschäftigt hat: Mit der Frage, warum es im Klimaschutz so langsam vorangeht – und welche Partei dafür die Verantwortung trägt. Ob die "Zerstörung der CDU" ausgewogen und angemessen war, darüber lässt sich streiten (hier ein exemplarischer Faktencheck auf SPIEGEL ONLINE). Aber man kann Rezo nicht vorwerfen, sich nicht inhaltlich mit dem Thema auseinander gesetzt zu haben. Seine Abrechnung dauert knapp eine Stunde, er hat Quellen verlinkt und er leitet von einem Themenkomplex zum anderen über. 

Er vermittelt seinen Zuschauern glaubwürdig den Eindruck, sich mit dem Thema beschäftigt zu haben, bevor er sich eine Meinung gebildet hat. Die Sound- und Schnitteffekte, die Gestik und Mimik, sie sind bei ihm Beiwerk, nicht Inhalt.

Bei der ersten Folge "CSYOU" bleiben ohne die Gesten eigentlich nur ein paar alte Meldungen ohne Kontext und ein bisschen Staatsfunk übrig. 

Jetzt könnte man sagen, was solls, dann ist der Armin halt noch nicht so geübt als YouTuber, ist doch schön, dass sich da überhaupt jemand um die jungen Wähler bemüht. Aber dieses Bemühen wirkt, als sei das Interesse am jungen Wähler nur vorgetäuscht: Da gibt es keine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Klimakrise und wie wir ihr begegnen, kein inhaltliches Interesse an der Frage, wie das Internet frei bleibt und Rechteinhaber trotzdem geschützt werden, keine konservative Haltung zu den Protesten gegen ein Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche, keine CSU-Idee, wie unsere Gesellschaft christliche Werte leben könnte.

Und das verrät viel über das Verhältnis zwischen der Union und jungen Leuten: Offenbar glaubt man in Bayern, man müsse auf die Knie gehen, um den berühmten Dialog auf Augenhöhe mit jungen Wählern führen zu können. 

Da ist es dann auch egal, wie jung der Moderator ist, ob er gefärbte Haare hat und weiß, wie man ein Schnittprogramm benutzt – er könnte genau so gut alt, grummelnd und Tracht-tragend antreten. Denn so doof sind sie gar nicht, diese jungen Leute. Es waren nicht Rezos gefärbte Haare, die sie begeistert haben. Sondern tatsächlich der Inhalt. 

Aber wer weiß, vielleicht kommt der ja in der zweiten Folge CSYOU.


Gerechtigkeit

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"Katze von Baum gerettet" vs. "Migrant läuft Amok"

In Recklinghausen ist ein Radfahrer "ohne Fremdeinwirkung" gestürzt. In Braunschweig hat eine "psychisch labile Person" den Verkehr lahmgelegt. Und im Emsland hat ein Unbekannter mehrere Angeln und eine Musikbox aus einer Garage gestohlen. 

Drei Polizeimeldungen, willkürlich ausgewählt im "Blaulicht"-Portal an einem Mittwoch im August. Drei Polizeimeldungen, wie sie unterschiedlicher kaum sein können – und doch so oder so ähnlich jeden Tag in Deutschland in jeder Gemeinde passieren können. 

Pressemitteilungen der Polizei prägen unser Bild von Kriminalität in Deutschland. Denn nirgendwo wird jeder Einsatz vermeldet. 

Pressestellen wählen aus, sie setzen den Ton, sie sprechen mal von Lausbuben und mal von Verhaltensauffälligen, mal von Familiendramen und mal von Gewalt an Frauen. Und immer wieder wird darüber diskutiert, ob die Herkunft von Verdächtigen genannt werden sollte. 

Der Kriminologe und Polizeiwissenschaftler Martin Thüne glaubt, dass die Pressemitteilungen zwangsläufig zu einer verzerrten Vorstellung führten. "Es findet eine Selektion statt, die Meldungen können kein vollständiges Abbild der Realität liefern", sagt er zu bento. 

Wie geht die Polizei also mit dieser Verantwortung um? 

Wir haben Polizeisprecherinnen und -Sprecher in Köln, Berlin, Recklinghausen, Hamburg, Leipzig und München gefragt, wie sie entscheiden, welcher Einsatz eine Meldungen wert ist.  Aus den Pressestellen von Leipzig und München haben wir keine Antwort erhalten. 

In den anderen werde grundsätzlich täglich in Konferenzen darüber entschieden, welche Vorfälle vermeldet werden. Orientiert werde sich dabei am "öffentlichen Interesse" und an der Schwere der Vorfälle. Es gibt aber auch einige individuelle Hausregeln. In Recklinghausen etwa werden alle Unfallfluchten mit einem Schaden ab 1000 Euro vermeldet – in der Hoffnung, dadurch Zeugenhinweise zu bekommen. Die Pressestelle der Berliner Polizei orientiert sich bei ihrer Auswahl auch an Nachfragen von Journalisten. Diese könnten dazu führen, dass eine Meldung veröffentlicht wird. 

Nicht nur die Selektion, die zwangsweise vorgenommen werden muss, führt also zu einer Verzerrung der Realität. Diese Selektion fällt auch von Ort zu Ort unterschiedlich aus, weil Pressestellen ihre eigenen Entscheidungen treffen. "Diese Verzerrung könnte man auffangen, indem mehr Kontext mitgeliefert wird," sagt Martin Thüne. Beispielsweise biete sich jeweils eine kurze Einordnung an, wie eine entsprechende Tat im gesamten Kriminalitätsgeschehen statistisch einzuordnen sei. Die Polizei erhebe ja den Anspruch, Experte für Kriminalität zu sein. Diese Expertise komme in Polizeimeldungen aber oftmals zu wenig zum Vorschein, so Thüne.

Herkunft nennen oder nicht?

Allerdings sind die Vorstellungen darüber, wie man den Kontext richtig herstellen könnte, auch durchaus unterschiedlich: Herbert Reul, Innenminister in Nordrhein-Westfalen, will beispielsweise mit einem Erlass künftig alle Polizeidienststellen in NRW verpflichten, die Herkunft aller Tatverdächtigen zu nennen. Der Minister argumentiert, das schaffe Transparenz und lege Fakten offen. So hofft Reul, Menschen zuvorzukommen, die Gewalttaten politisch ausschlachten wollen und einseitig Stimmung gegen Ausländer machen. (WDR)

Bisher gehen die Pressestellen bei dem Thema unterschiedlich vor: Köln und Recklinghausen orientieren sich bisher am Pressekodex. Der besagt, dass die Herkunft in der Regel nicht erwähnt werden soll, außer es bestehe ein "begründetes öffentliches Interesse". Auch Berlin orientiert sich an dieser Vorgabe. Dort bestehen laut Pressesprecherin "keine Bestrebungen, die bewährte Praxis zu verändern". In Hamburg dagegen wird jetzt schon grundsätzlich die Nationalität aller Tatverdächtigen benannt.