Bild: Johannes "James" Zabel

Dennis Nusser hat keine Chance. Mit 21 Jahren ist er bei der Bundestagswahl der jüngste Kandidat der FDP in Baden-Württemberg. Sein Ziel: mindestens 8 Prozent für seine Partei holen.

Das Kernstück seiner Kampagne heißt Dennis@Home

Man kann ihn buchen. 

Für eine Diskussion in kleiner Runde. In Wohnzimmern und Kneipen oder auf den Neckarwiesen. "Die beste Möglichkeit, mit den Leuten zu diskutieren, ist, mit ihnen persönlich zu reden", sagt er. 

An einem verregneten Mittwochabend stapft Nusser mit einem Kasten Radler und Fassbrause ins Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Fünf Forscher um die 30 wollen mit ihm reden. Es gibt Pizza. 

Die Teilnehmer begegnen ihm mit Neugier, aber teilweise mit Abwehrhaltung. Verschränkte Arme, hochgezogene Augenbrauen.

Und was ist mit uns?

Junge Menschen sind im Bundestag schlecht vertreten: Nur eine der 630 Abgeordneten ist unter 30. Das durchschnittliche Alter: fast 50 Jahre. Was ist da los? Und wer kümmert sich um unsere Interessen? bento trifft junge Politiker, um das herauszufinden.

Wie die meisten Kandidaten wird Nusser es nicht schaffen, Abgeordneter zu werden. Bei der Wahl vor vier Jahren gab es ingesamt 4451 Bewerber. 630 wurden gewählt.

Das Direktmandat in seinem Wahlkreis Heidelberg ging vor vier Jahren an Karl A. Lamers von der CDU. Vor acht Jahren auch schon. Lamers tritt wieder an, genau wie Lothar Binding (SPD) und Franziska Brantner (Grüne). Beide sitzen schon im Bundestag.

Warum tut sich einer wie Nusser sowas an?

Dennis Nusser studiert American Studies in Heidelberg. Er könnte an diesem Mittwochabend mit Freunden in einer Kneipe hocken oder Badminton spielen, aber er lässt sich von Forschern zur Haltung der FDP zum Thema Impfpflicht ausfragen.

Nusser macht das vor allem, weil er an die größtmöglichen Freiheit des Einzelnen glaubt – er ist Liberaler im klassischsten Sinn. Mit der liberalen Partei in Deutschland, der FDP, fremdelte er aber zunächst.

2013 schaut er sie sich erstmals genau an. Und ist unzufrieden mit der Parteispitze. Weil die es nicht schafft, mehr zu transportieren als Wirtschaftsthemen. Sein Vorgänger im Wahlkreis ist Dirk Niebel. Ex-Generalsekretär. Entwicklungsminister unter Merkel. Einer von der alten Garde.

Damals fliegt die FDP aus dem Bundestag. Niebel wird Rüstungslobbyist. Und Nusser Parteimitglied. Weil es einen umfangreicheren Liberalismus brauche. 

"Wenn du willst, dass politische Ideen und Inhalte so vertreten sind, wie du dir das vorstellst, musst du dich dafür einsetzen." 

Als er sich einst der Wahl des Schülersprechers stellte, sprachen seine Mitbewerber über Partys. Er stellte einen Fünf-Punkte-Plan zur Verbesserung der Hygiene auf den Toiletten vor – und gewann.

(Bild: Johannes "James" Zabel)

Heute interessieren ihn vor allem Bürgerrechte, Bildungspolitik und Digitalisierung. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz gegen Hasskommentare lehnt er ab. Die Vorratsdatenspeicherung hält er für Augenwischerei. Er will ein elternunabhängiges Bafög, ausgedehnt auch auf Auszubildende. Der Glasfaserausbau geht ihm zu schleppend voran.

CDU und SPD fehlen in vielen Bereichen die Zukunftsvisionen.
Dennis Nusser

Doch kommen seine Visionen an? Er ist ein Digital Native, aber keine digitale Rampensau. 259 Likes bei Facebook, 156 Abonnenten bei Instagram, 156 Follower bei Twitter – das ist wenig. 

Snapchat hat er zwar installiert, nutzt es aber kaum. Schon gar nicht für den Wahlkampf. Es ist nicht seine Welt. "Ich tue mich schwer mit sozialen Medien und möchte mich nicht verstellen", sagt er. 

Er ist jemand, der das direkte Gespräch sucht. Deshalb Dennis@Home. Deshalb diskutiert er an einem Mittwoch mit Forschern über die allgemeine Impfpflicht.

Unsere Serie: Politik unter 30

Die FDP fordert sie für alle Kinder bis 14 Jahre. So hat es der Parteitag im April mit knapper Mehrheit beschlossen. Der Antrag kam von den Jungliberalen. Nusser war einer der Wortführer. 

"Gefällt mir", sagt einer der Krebsforscher. "Aber widerspricht das nicht eurem Freiheitsgedanken?" Nusser verweist auf die Herdenimmunität: Wer sich impfen lässt, schütze auch die Menschen im Umfeld. Unwissenschaftliche Vorurteile dürften nicht dazu führen, dass Eltern die Gesundheit ihrer eigenen und anderer Kinder gefährden. Das Wohl der Gemeinschaft wiege in dem Fall mehr.

Nusser ist stolz, dass es sein Anliegen so weit gebracht hat. Das zeigt ihm, dass er tatsächlich etwas erreichen kann. Auch als Junger.

Er beantwortet Fragen und diskutiert, eineinhalb Stunden lang. Am Ende des Abends sagt einer der Wissenschaftler: "Also meine Stimme hast du."


Gerechtigkeit

So wehrt sich ein SPD-Politiker gegen Facebook-Hetze
"Ich werde mich nicht einschüchtern lassen​"

Karamba Diaby hat gewonnen. Die NPD hatte gegen den schwarzen SPD-Abgeordneten auf Facebook gehetzt. "Ich werde mich nicht einschüchtern lassen", antwortete Karamba, und "An alle Rassisten: 'I AM NOT YOUR NEGRO'". 

Dafür bekam er große Unterstützung – viel mehr als die Rechtsextremen.

Rund 30.000 Likes und 3000 Shares bei Karamba, rund 1200 Likes und 400 Shares bei der NDP. Eine Niederlage für die Rechtsextremen. Gegen rassistische Kommentare unter dem NPD-Posting will Karamba außerdem juristisch vorgehen.