Bild: dpa/Karlheinz Schindler
"Ich bin ein Nachrichtenmann. Es ist mein Job, über das Geschehen in der Welt zu berichten."

Das sagte Aykut Kücükkaya, der kommissarische Chefredakteur der türkischen Tageszeitung "Cumhuriyet", vor einigen Monaten im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Leider werden in meinem Land Journalisten immer öfter selbst zur Nachricht."

Besser lässt sich das Dilemma, in dem Journalisten in der Türkei stecken, nicht zusammenfassen. Präsident Recep Tayyip Erdogan hat die Pressefreiheit in seinem Land abgeschafft. Er hat dafür gesorgt, dass Journalismus in der Türkei zu einem Wagnis geworden ist.

Kücükkaya wurde auch deshalb Chefredakteur, weil seine Vorgänger bei der "Cumhuriyet", Can Dündar und Murat Sabuncu, verhaftet wurden. Dündar lebt inzwischen in Berlin im Exil. Gegen Sabuncu und mehr als ein Dutzend seiner Kollegen läuft ein Verfahren in Istanbul.

Bei Dramen, die sich über einen langen Zeitraum erstrecken, besteht die Gefahr, dass die Menschen abstumpfen, dass selbst die größte Ungerechtigkeit irgendwann zur Routine wird. 

So ist das auch beim Niedergang der türkischen Demokratie.

Erdogan hat in seinem Feldzug gegen die Opposition derart viele Tabus gebrochen, dass neuerliche Verhaftungen von Journalisten oder Menschenrechtsaktivisten europäischen Medien heute kaum noch eine Meldung wert sind. "Democracy dies in Darkness", lautet der Slogan der "Washington Post". "Die Demokratie stirbt in der Dunkelheit."

Deniz Yücel, Türkei-Korrespondent der "Welt", hat versucht, die Dunkelheit auszuleuchten. 

Er hat dafür Orte bereist, die andere Journalisten eher meiden – vor allem den Südosten der Türkei, wo der türkische Staat seit Jahrzehnten Krieg gegen die Kurden führt.

Yücel hat für seine Arbeit einen hohen Preis bezahlt: Er sitzt seit 200 Tagen in der Türkei in Untersuchungshaft. Die Behörden werfen ihm, wie so vielen kritischen Journalisten vor, Terrorpropaganda betrieben zu haben.

In der Türkei sind die Maßstäbe, was Recht und Unrecht ist, lange verrutscht. 

Für Erdogan sind all jene, die gegen ihn sind, Terroristen oder Putschisten​.

So war das schon während der Proteste im Istanbuler Gezi-Park 2013. Und so ist es jetzt umso mehr.

Es ist wichtig, dass sich die deutsche Öffentlichkeit nicht an diesen Wahnsinn gewöhnt. 

Es ist wichtig, dass die Menschen in Deutschland weiter dagegen protestieren, dass Deniz Yücel, sowie seine Kollegin, die Journalistin Mesale Tolu, der Menschenrechtstrainer Peter Steudtner und Tausende türkische Oppositionelle, schuldlos in der Türkei im Gefängnis sitzen.

Solidaritätskundgebungen mit Tolu, Yücel und Steudtner, Autokorsos und Lesungen sind mehr als Folklore. Sie sind ein Appell an die Bundesregierung, sich für die Freilassung der Gefangenen einzusetzen.

Die Verfahren gegen Yücel, Tolu und Steudtner sind keine rechtsstaatlichen Verfahren. Sie sind politisch. 

Erdogan hat die Deutschen als Geiseln genommen. Und deshalb hilft am Ende nur politischer Druck.

Dieser Kommentar ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


Gerechtigkeit

Deniz Yücel ist seit 200 Tagen in Haft. 4 Texte von ihm, die dir die Türkei erklären

Seit 200 Tagen ist der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel in der Türkei in Haft. Ohne Anklage, ohne Verhandlung. Die Behörden werfen ihmTerrorpropaganda vor. 

Es ist der Standardvorwurf, mit dem türkische Behörden Jagd auf kritische Journalisten machen: Wer sich negativ über den Präsidenten Recep Tayyip Erdogan äußert, arbeitet für den Gegner, arbeitet für Terroristen.