Bild: Change.org
"Demokratische Stimme der Jugend"

Berlin Mitte, ein Pressegespräch. SPD-Empörungsstar Kevin Kühnert rutscht auf einem weißen Sofa im Konferenzraum der Petitionsplattform Change.org hin und her. Die letzten Wochen machte er mit sozialistischen Visionen von sich reden: BMW kollektivieren, Wohnungeigentum abschaffen (bento). Jetzt sitzt er hier und macht Werbung für einen esoterischen Politikverein und dessen Petition.

Und man fragt sich ein bisschen: Ist das alles nur ein großer Irrtum oder Absicht?

Eigentlich soll es um die junge Frau neben Kühnert gehen: Tracy Osei-Tutu, 20, Politikstudentin aus Berlin, Vertreterin des Vereins "Demokratische Stimme der Jugend". Auf dem Logo flattern drei kleine Flammen, das wirkt wie einst bei den Jungpionieren in der DDR. Aber Tracy geht es um Demokratie, sagt sie. Sie hat eine Petition gestartet, die zwei Forderungen enthält:

  1. Eine Absenkung des Wahlalters. Jugendliche sollen dafür beim Wahlausschuss Beschwerde einlegen.
  2. Mehr Jugendbeteiligung in der Bundespolitik in Form eines "Jugendrats".

Die erste Forderung ist nicht neu. Alle Parteien, außer AfD und CDU, setzen sich für eine Absenkung des Wahlalters ein. Große nationale NGOs wie der Bundesjugendring und das Deutsche Kinderhilfswerk fordern das seit Jahrzehnten. Osei-Tutus Petition hat bereits über 50.000 Unterschriften. Nicht schlecht, aber für den "Stop des Insektizid-Einsatzes um Fichtenwalde, Borkwalde und Borkheide" haben auch schon 77.000 unterzeichnet.

Die zweite Forderung ist radikaler: Ein "Jugendrat" aus 50 bis 100 Jugendlichen soll die Politik beraten und sogar ein Vetorecht für Gesetze im Bundestag bekommen. Ein Losverfahren soll Jugendliche zwischen 14 und 28 auswählen. Dazu soll auf Daten eines Jugendforschungsinstituts zurückgegriffen werden.

Das Losverfahren soll Hürden abschaffen, die Minderheiten vom politischen Engagement abhalten, erklärt Tracy. Bevor die üblichen Verdächtigen sich in Vereinen engagieren und zum Beispiel über den Bundesjugendring Politik in Berlin machen, soll der Zufall junge Menschen in Machtpositionen bringen.

Klingt frisch, ist aber leider Quatsch. In Deutschland gibt es allein 8,3 Millionen Menschen zwischen 15 und 24. Niemand kann wissen, ob Jungen und Mädchen, Kinder verschiedener Migrations-Hintergründe, Grundschüler vom Land und Privatschüler aus Großstädten gleichermaßen beachtet würden.

Minderheiten können sich in Deutschland bereits Gehör verschaffen – auch wenn in einer Demokratie oft die Mehrheit entscheidet. Um beides unter einen Hut zu bringen, sind politische Strukturen so kompliziert. Demokratische Vertretung lieber dem Zufall zu überlassen, ist daher eine ziemlich naive Idee.

Wer steckt hinter der "Demokratischen Stimme der Jugend"?

Dahinter steht keine große Bewegung, sondern ein kleiner Verein. Etwa fünfzig Mitglieder hat er, laut Webseite. Gründer ist Simon Marian Hoffmann, 22. Eingetragen wurde die "Demokratische Stimme der Jugend" am 5. Februar 2018 in Stuttgart, damals war Hoffmann noch Student (BWL und Germanistik).

Und das macht ihre schnelle Karriere so erstaunlich: Nicht nur die Pressekonferenz mit Kühnert. Ein Jahr lang haben die Aktivisten Lobbyarbeit in Bundestags-Abgeordnetenbüros gemacht, sagt Hoffmann. Sogar einen Termin mit der damaligen Jugendministerin Katarina Barley gab es. Sie habe die Idee eines Jugendrats unterstützt, sagt er.

Dabei wollte zu Beginn niemand etwas von dem Verein wissen. Nur der russische Sender "Russia Today" habe sich gemeldet und ein 30-minütiges Interview ausgestrahlt, erzählt Hoffmann (RT). Das könnte auch daran liegen, dass der Verein eine Art Neusprech für seine Ideen erfunden hat.

Die Welt leide am "Empathie-Defizit-Syndrom". Eine "Krevolution" (aus Kreativität und Evolution), soll in einer perfekten Welt namens "Flowtopia" enden. Dafür habe Hoffmann eine "Weltvision" entwickelt. Auf der Vereins-Webseite findet sich ein längerer Text dazu (DSDJ). Darin finden sich Sätze wie dieser:

  • Schimpfwörter, "Angstzüge", Glaubenssätze, herrenlose Egos, Geschichten, Problemdenken, Entwicklungsbremsen oder "Aberstachel". Das sind alles Kinder einer patriachalischen Welt, in der Männer ohne Gefühle das Sagen haben. Wir mussten uns dieser "Geister" erst bewusst werden, um sie aktiv verhindern zu können.

Die Schulpflicht wird kritisiert:

  • Das Kind macht es dann doch, weil es kaum anders geht und es Angst vor Autoritäten hat, denen es gehorchen muss. Dieser Zustand kann entfernt mit "Zwangsprostitution" verglichen werden, wobei "Zwangsprostitution" noch als moralisch verwerflich betrachtet wird und der Schulzwang im anerkannten Rahmen der beschränkten Kultur liegt.

Hoffmann hat das geschrieben. Es sei aber mit seinen Mitstreitern in einem "Think Tank" abgestimmt, einer Gruppe in der Organisation.

Hoffmann hat sein Studium mittlerweile abgebrochen. Er und vier weitere Vereinsmitglieder sind jetzt Vollzeit-Aktivisten, sie finanzieren sich unter anderem über Seminare, zum Beispiel zu "Empathie", die auch auf der Webseite beworben werden.

Gerade baut Hoffmann, nach eigenen Angaben, ein Netzwerk mit Fördermitgliedern auf. Noch dieses Jahr soll sein Buch über die "Weltvision" erscheinen. Und dann sei da noch der größte Erfolg:

"Wir machen jetzt auch unseren eigenen Studiengang. Mit einer Hochschule zusammen. Den ersten selbstbestimmten Studiengang in der Geschichte in Deutschland. Der startet im Oktober."

"Philosphie & Krevolution" soll er heißen, laut Webseite. Man sei dafür im Gespräch mit dem Weltethos-Institut, einem An-Institut der Universität Tübingen. Auf Nachfrage teilt die Universität Tübingen mit, ein solcher Studiengang sei ihr nicht bekannt. Am Institut heißt es, man habe zwar angeboten, den Studiengang mit zu entwickeln, stehe aber nicht als Träger zur Verfügung.

Hoffmann räumt ein: Einen Ort gebe es noch nicht, die Professoren seien zumindest angefragt.

Nächster Termin für Hoffmann ist ohnehin erst einmal ein Seminar zu "Würde und Demokratie" mit Ex-Bundespräsident Christian Wulff.

Von den Einnahmen soll die "Demokratische Stimme der Jugend" einen Anteil bekommen. Die Karten kosten 25 Euro, Schüler zahlen 5. Arrangiert hat den Termin der Autor und Neurobiologe Gerald Hüther, Chef der "Akademie für Potentialentfaltung". Auch so ein Lieblingswort von Hoffmann. Ein Vereinsmitglied habe gelernt, wie man die Buchhaltung macht. Potentialentfaltung sei das, sagt er.

Der Ankündigungstext zur Veranstaltung liest sich beinahe antidemokratisch. Demokratie sei die beste Regierungsform, die Menschen "bisher" gefunden haben, heißt es da. Leider enthalte sie Interessenkonflikte. "Unlösbare Probleme, beispielsweise, die Einzelne belasten, aber auch Verstrickungen im Zusammenleben mit Partnern, Nachbarn und Kollegen."

Demokratie verletzte die beiden menschlichen "Grundbedürfnisse" nach "Gestaltungsmöglichkeiten (Autonomie, Freiheit) einerseits und nach Zugehörigkeit (Verbundenheit)". Quelle des Übels seien "Verwaltungen, Schulen, Parteien Organisationen etc." (Veranstaltung)

Warum ist die "Demokratische Stimme der Jugend" so erfolgreich? Der Verein trifft einen Nerv. Hoffmann ist eloquent. Der Auftritt professionell. Die Aktionen machen sich gut in den Medien: Wenn sich Osei-Tutu, Hoffmann und andere an den Reichstag ketten, weil sie "an die Politik angebunden" sein wollten, dann ist das Aktionskunst, aber auch nicht zu doppelbödig. Zuvor hatten sie sich die Münder mit Gaffer-Tape zugeklebt und, barfuß, Erwachsene auf Sänften durch Berlin getragen.

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Liebe Weltbürger*innen 🌻🌻🔥 Fast fünf Monate ist es her, dass wir nach unserem ersten Flowtopia-Festival von der Siegessäule Barfuß bis zum Brandenburger Tor gezogen sind . Wir haben getanzt, geprobt, gesungen und gelacht. Wir sind aufgestanden für eine bessere Welt, für eine generationengerechte Welt, für eine Welt, in der die Jugend gehört wird. Nun wird heute unser MUSIKVIDEO mit dem für die Performance geschriebenem Song von unserer Kooperations-Band @actiogrenzgaenger veröffentlicht. Das Musikvideo zeigt die "AUFSTAND DER JUGEND"-Performance. Wegen technischer Probleme am Sonntag, können wir es erst heute veröffentlichten. Es erscheint auf unserem neuen YouTube- Kanal "welTVision”. Auf dem welTVision- Kanal nehmen euch Aktivist*innen von DSDJ mit in Ihren Alltag und zeigen durch verschiedene Formate wie man als Jugendliche/r seine/ ihre Zukunft in die Hand nehmen kann. Ob öffentlichkeitswirksame Aktionen planen, Mut im Alltag zeigen oder euch davon erzählen wie aufgewühlt sie sich in dieser empathielosen Welt fühlen. Abonniert also gerne den Kanal und die neue Instagram Seite @weltvision schon einmal und teilt es gerne! Außerdem wird es eine (unsere Herzens-)Petition für einen Zukunftsrat auf Bundesebene geben, die ihr DIREKT UNTER DEM VIDEO unterschreiben könnt. Heute heißt es dann also ab 18 Uhr TEILEN, TEILEN UND NOCHMAL TEILEN, damit wir endlich eine Stimme in der Gesellschaft bekommen und zeigen können dass wir Verantwortung übernehmen. Denn wir sind die Jugend von heute und die Gesellschaft von morgen💛 Vielen lieben Dank an alle die mitgewirkt haben!

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Und jetzt sitzt Kevin Kühnert auf dem weißen Sofa in Berlin. Irrtum oder Absicht?

Die Debatte wird per Livestream übertragen. Glaubt Kühnert wirklich, der kleine Verein aus Stuttgart sei die "demokratische Jugend"? Es sei wichtig, Kinder und Jugendliche als Experten in eigener Sache ernst zu nehmen, sagt er. "Dazu muss man auch keine Organisation von enormem Ausmaß gegründet haben." Aber: Kühnert hat die Petition selbst gar nicht unterschrieben und das auch nicht vor. Er störe sich noch daran, dass der Jugendrat ein Vetorecht im Bundestag haben soll.

Kinder und Jugendliche endlich ernst nehmen? Das Theater in Berlin zeigt das Gegenteil.

Kühnerts Besuch dürfte Berechnung sein. Der Run auf die Ideen junger Menschen ist groß. Wer ihre Forderungen aber wirklich wertschätzt, setzt sich ernsthaft mit ihnen auseinander. Kritisiert sie und diskutiert mit ihnen – statt ihnen für mittelmäßig kreative Aktionskunst, eine mittelmäßig erfolgreiche Petition und unsinnige Ideen vor laufenden Kameras den Kopf zu tätscheln.

Hinweis: Kevin Kühnert saß auf einem weißen Sofa, nicht auf einem Plastikstuhl. Wir haben den Fehler korrigiert.


Gerechtigkeit

Ministerpräsidentin Schwesig wirbt für Homöopathie – warum das gefährlich ist
"Die SPD würde ja auch nicht die Schirmherrschaft für einen Flacherde-Kongress übernehmen"

Homöopathie ist umstritten wie kaum ein anderes Feld innerhalb der Medizin. Befürworter behaupten, die Globuli und Tinkturen hätten erstaunliche Wirkung gegen nahezu jedes erdenkliche Leiden. Kritiker sprechen ihnen ab, überhaupt Medizin zu sein. 

In diesem Minenfeld aus wissenschaftlichen Studien und emotionalen Behauptungen hat die SPD-Politikerin Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, nun eine erstaunliche Lagerwahl getroffen: Sie stellte sich auf die Seite der Homöopathie. In einer Pressemeldung wird sie als Schirmherrin des diesjährigen "Deutschen Ärztekongress' der Homoöpathie" angekündigt, der vom 29. Mai bis zum 1. Juni in Stralsund stattfinden wird. 

Wie lautet die Kritik an der Homöopathie?

Für homöopathische Heilmittel werden Wirkstoffe so stark verdünnt, dass sie wissenschaftlich nicht einmal mehr nachgewiesen werden können. Schon das 20-malige Verdünnen im jeweiligen Verhältnis 1:10 führe zu einer Wirkstoffkonzentration wie eine Tablette Aspirin im kompletten Ozean, rechnet das Erklärmagazin "kurzgesagt" vor. In der Homöopathie wird häufig sogar noch deutlich stärker verdünnt: so stark, dass teilweise nicht ein einziges Molekül vom Wirkstoff übrig bleibt. (Süddeutsche)

Dahinter steckt der Glaube: Je weniger von einem Wirkstoff enthalten sei, umso stärker wirke er. (Homöopedia)