Bild: Tom Weller/dpa
Wie viel Intransparenz verträgt ein selbsternanntes Demokratie-Festival?

Olympia kostet viel Geld. Das gilt nicht nur für die alle vier Jahre stattfindende Sportveranstaltung, sondern auch für das "Demokratie-Festival" Olympia12062020, das im Juni in Berlin stattfinden soll. 

Bis vergangenen Montag sammelten die Organisatoren per Crowdfunding mehr als zwei Millionen Euro. Laut der Plattform Startnext ein Rekord. Doch obwohl mehr als 28.000 Spender die Kampagne unterstützten, wäre die Mindestsumme ohne die Hilfe von elf Großspenden nicht zusammengekommen. Elf Großspenden zu je 29.950 Euro. 

Bis heute ist jedoch unklar: Von wem kam dieses Geld?

Organisiert wird die Veranstaltung von einer Gruppe um das Berliner Kondom-Start-Up "Einhorn". Das Unternehmen gilt als Erfolgsgeschichte, die beiden Gründer beraten unter dem Motto "Unfuck the economy" inzwischen auch Großunternehmen.

Doch seitdem sich die Unternehmer nicht nur um Kondome und Hygiene-Artikel, sondern auch um die Demokratie kümmern wollen (bento), sehen sie sich fast täglich neuer Kritik ausgesetzt:

  • Zu Beginn hieß es, das Projekt sei eher Öffentlichkeitsarbeit für Einhorn und die unterstützenden Prominenten als die von ihnen versprochene "Bürger*innen-Versammlung".
  • Der Eintrittspreis von 29,95 Euro wurde als elitär und unnötig bezeichnet.
  • Und der Plan, gemeinsam Petitionen per Massenabstimmung in einem Sportstadion zu legitimieren, sorgte für grundsätzliche Kritik.

Nachdem sich Mitinitiator Philip Siefer für eine missverständliche Einladung an Nazis entschuldigen musste, äußerten schließlich auch Unterstützer öffentlich Unmut. (bento

Auf Twitter wird die Veranstaltung wegen solcher Vorfälle seit Wochen scharf kritisiert. Doch trotz des Gegenwindes und des bis heute unklaren inhaltlichen Konzepts (es soll um die Klimakrise, Rassismus und Ungerechtigkeit gehen), schafften es die Organisatoren bis zum 24. Dezember, die angekündigte Mindestsumme von 1,8 Millionen Euro einzusammeln. Wie genau das gelang, war schon damals nicht vollständig nachvollziehbar. Wegen Überlastung, erklärten die Organisatoren und die Plattform Startnext, sei der Spendenzähler zeitweise abgestellt worden.

Es muss nichts Schlechtes heißen, doch bei einer Veranstaltung, die für sich unter anderem in Anspruch nimmt "die größte Krise der Menschheit" lösen zu wollen, erscheint es angemessen, zwischendurch auch nach den Sponsoren fragen zu dürfen.

Jetzt, nach dem offiziellen Ende des Crowdfundings, ist die erreichte Summe noch ein bisschen höher. Auch der Spendenzähler wurde nachträglich wieder aktiviert. Das Ergebnis scheint beeindruckend: Mehr als 28.000 Unterstützerinnen und Unterstützer beteiligten sich nach Angaben von Startnext an der Finanzierung. 

Doch ohne die 329.450 Euro, die durch die elf Großspenden gesammelt wurden, wäre die selbstgesteckte Mindestsumme des Crowdfundings nicht erreicht worden. 

Die Summe, um die es bei Olympia12062020 geht, ist keine Kleinigkeit. Zum Vergleich: Die Grünen erhielten im gesamten Jahr 2019 nach eigenen Angaben 335.001 Euro Großspenden von mehr als 50.000 Euro, die Regierungspartei SPD erhielt vergangenes Jahr sogar nur 206.651 Euro aus Großspenden. (Deutscher Bundestag

Parteien sind verpflichtet, Spender, die mehr als 10.000 Euro zu Verfügung stellen, namentlich und mit Anschrift im Rechenschaftsbericht zu nennen. (DER SPIEGEL / Rechenschaftsberichte

Nun ist "Olympia12062020" keine Partei, erst recht keine mit Regierungsverantwortung – die Gefahr für die Demokratie hält sich wahrscheinlich in Grenzen, wenn nicht ganz klar ist, wer den geplanten Petitionsmarathon finanziert hat. Aber für diejenigen, deren Unterschriften dort gesammelt werden sollen, dürfte die Information, wer das "Demokratiefest" zu wichtigen Teilen mitfinanziert hat, durchaus von Interesse sein.

Wer für sich in Anspruch nimmt, die Gesellschaft zu verändern, sollte bereit sein, Verantwortung zu übernehmen. Wer von 60.000 Menschen erwartet, dass sie Petitionen zustimmen, Rednerinnen und Rednern zuhören und dafür im Regelfall auch noch Eintritt bezahlen, muss verständlich machen, von wem die Veranstaltung abhängt, wer davon profitiert oder profitieren möchte. 

Doch von wem die entscheidenden Tickets für das eintägige Demokratie-Festival im Olympiastadion bezahlt wurden, ist bislang unbekannt.

Eine Übersicht verschiedener Unterstützerinnen und Unterstützer, die die Initiatoren zu Beginn ihrer Kampagne unter anderem auf Instagram veröffentlichten, wurde kurze Zeit später wieder zurückgezogen. 

bento hat alle 22 als Unterstützer aufgeführten Unternehmen kontaktiert und nach Großspenden befragt. 

Bis Freitagabend meldeten 14 der Unternehmen zurück, das Festival ausschließlich durch Öffentlichkeitsarbeit oder den Kauf weniger Tickets unterstützt zu haben. Das Kölner Modelabel "Armed Angels" sowie das "Michelberger Hotel" in Berlin gaben an, zu Beginn des Crowdfundings je 100 Tickets für 2995 Euro gekauft zu haben. 

Unter den sonstigen Unterstützern sind auch verschiedene Medienunternehmen. Das Städteblog "Mit Vergnügen" unterstützte das Festival nach eigenen Angaben in mehrere Beiträgen, ohne sich an der Finanzierung zu beteiligen. Die deutschsprachige Ausgabe des Modemagazins "Vogue" teilte mit, das Festival auf seiner Internetseite "redaktionell unterstützt" zu haben. Auf Nachfragen teilte eine Verlagssprecherin mit, die Unterstützung sei "keine offizielle". 

Das Online-Magazin "Edition F" ließ die Nachfragen zur Unterstützung des Festivals dagegen gleich ganz unbeantwortet, ebenso wie die Supermarktkette "Veganz", der Rucksackhersteller "Aevor" und "Einhorn" selbst, die Kondommarke, deren Gründer das Zwei-Millionen-Euro-Crowdfunding initiiert haben. Die Suchmaschine Ecosia bestätigt, Tickets gekauft zu haben, sagt aber, man habe sich entschieden, die Anzahl "nicht öffentlich zu teilen" und im Hintergrund bleiben zu wollen.

Die Kommunikation mit dem Organisationsteam von Olympia12062020 selbst ist freundlich und konsequent per Du – versprochene Antworten auf konkrete Fragen werden jedoch wiederholt verschoben. 

Einhorn-Gründer und Festival-Organisator Waldemar Zeiler: "Großsponsoren-Power durch Ticket-Spenden voraus." 

(Bild: Mike Wolff/Imago)

Wie die Veranstalter selbst den Umgang mit Spenden über etwa 3000 oder gar 30.000 Euro sehen, wird trotz der intensiven Kommunikation im Laufe des Crowdfundings nicht klar. Zu Beginn der Finanzierungsphase forderte Einhorn-Gründer Waldemar Zeiler in einem Blogbeitrag noch selbst "Großsponsoren-Power durch Ticket-Spenden".

Nur neun Tage später ruderte er scheinbar zurück und schrieb: "Es würde irgendwie dem Geist der Veranstaltung widersprechen, wenn die meisten Tickets von Großspendern bereitgestellt würden", nur um schließlich im selben Text erneut um zahlungskräftige Unterstützer zu werben: "Hey liebe Millionäre und Unternehmen, damit seid ihr aber nicht raus, ein paar Großtickets brauchen wir noch."

Die unentschlossen wirkende Kommunikation passt in die Reihe sonstiger Pannen und Missverständnisse. Ob sie auch ein Vorzeichen für die Ausarbeitung des inhaltlichen Konzepts ist, ist bislang unklar.

Inzwischen scheint sich das Olympia12062020-Team darauf verständigt zu haben, die der Öffentlichkeit unbekannten Großspender des Demokratie-Festivals als Ausdruck von Unabhängigkeit vermitteln zu wollen. In einem kurzen Statement, das das Presseteam der Veranstaltung Ende vergangener Woche verschickte, heißt es: "Wir bemühen uns, uns werbe- und lobbyfrei aufzustellen und kommunizieren deshalb zum aktuellen Zeitpunkt keine einzelnen Spender*innen."


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